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1726–1777

Die Matrone. Vierter Gesang.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariä

Schlage nun sanfter die Leyer, o Muse! Dein einsa- mes Lied auch Athme stille Melancholey, und Ruhe der Seele, Und Entfernung vom Wirbel der Welt. Wie Tage des Nicht mit dem Glanze des Sommers geschmückt, die

Doch fehlt Anmuth auch nicht dem grauen wolkigten Welcher das Antlitz der Sonne verdeckt; die ganze In sich gekehrt, und voll Ernst, und majestätischen So verfliessen die Tage der frommen Matrone. Die

Frischer Wehmuth strömen nicht mehr um die Urne des Aber mit stillerer Schwermuth, und melancholischen Wölkt sich ihr Leben. Mit silbernen Locken bedecket Jhr ehrwürdiges Haupt. Die alles zerstörende Zeit hat

In dem Gesicht noch blendende Trümmer von Schön- Ordnung und Reinlichkeit herrschen um sie, und der Wird dadurch milder und sanft. Jhr stiller bescheidener Trauert noch immer geheim um den Mann. Entfernt

Und dem wilden Geräusche der Welt, verhüllt sie ihr Vor dem Schwarme der thörichten Freuden, vor leerer Und der Eitelkeit scheckigtem Zug. Nie hat sie der Tadel An dem Spieltisch gesehn, und unter den nächtlichen

Wo so viel verblühte Gesichter ihr Alter entehren. Still und einsam lebt sie dahin. Die würdigen Töchter Hat sie schon lang an Männer gegeben, und lange schon Von den Söhnen gesehn. Jhr reiches gesegnetes Haus

Tief in glücklicher Ruhe vergraben. Die heilige Betender Furien murmelt nie drinn; auch schallt nie Pralender Andacht in horchende Gassen, und fröhnet Majestätisch und ernstlich sitzt sie am ruhigen Abend

Mitten unter dem Kreis der horchenden Enkel, und Die noch ungebildeten Herzen mit Lehren der Tugend, Die ihr eigenes Beyspiel bestärkt. Sie weiß die Ge- Lange verflossener Zeit. Der Kreis umringet sie näher,

Und hängt am erzehlenden Munde, bis über die Erde Tiefe Mitternacht fällt, und süsser Schlummer herab- Mit dem Tode bekannt, und mit der Zukunft beschäf- Betet sie oft, und besuchet voll Andacht die Tempel der

Ueber ihr graues Haupt sind ihr in langer Erfahrung Jahre, nicht immer mit Freuden bemerkt, vorüber ge- Doch auch Unglück machte sie weiser; sie ist das Orakel Jhrer Gegenden. Blühender stehn die Wiesen am

Und voll reicherer Aehren die Aecker. Am lachenden Beugt sich ihr Weinstock mit völleren Trauben; sie Und der Himmel erhöret ihr Flehn. Oft hat sie dem Eine zärtliche Gattin gerettet, in traurigen Nächten

Sie mit Trost und Beystand gestärkt, wenn unter den Ganz sie erlag, und die Freude nicht fühlte, nun Mut- Klüglich weiß sie zu rathen, wenn in den Sorgen der Unerfahren, die jüngere Frau in Fehlern verstrickt ist.

Bald gewinnt das verworrene Haus ein glücklicher An Durch die Ordnung der klugen Matrone. Die muthi- Ziehn mit dem Tage zum Acker. Die Hände der fleis- Füllen nun wieder die staubichte Spindel, und machen

Ringsum mit blendender Leinwand bedeckt. Die fei- Kommen mit vollen Eutern zurück; und der treuere Läßt die Scheere mit Jauchzen erklingen, und füllet Mit der längeren köstlichen Wolle. Es seufzen die

Unter der Last des güldnen Getraides. So bringet sie In des Müßiggangs Wohnung, und hilft durch Ord- Jhre Schätze verrosten nicht unter dem Riegel, sie Und sie gehören den Armen. Sie sah ein bescheidenes

Jung und schön. Es stand in Gefahr, in bitterer Einem Verführer zur Beute zu werden, da nahm sie In ihr Haus auf zur Tochter, und gab sie mit reichen Einem redlichen Mann, der ihr nun ewig sein Glück

Sie forscht nach dem bescheidneren Elend, das tiefer in Unbekannt traurt, im Kummer verschmachtet; sie weiß Und entreißt es der Schande des Bettelns. Der feu- Seine Wohlthäterin nicht, sie thats verborgen und

Also krönt sie ihr Leben mit edelmüthigen Thaten. In der einsamen Nacht, wenn ihre göttliche Seele Ueber das Grab sich schwingt, und nach der Ewigkeit Hört sie oft in frommer Begeistrung seraphische

Die zum Himmel sie fodern; auch dünkt ihr öfters, sie Mit olympischem Schimmer geschmückt, den Schatten Der vor ihr her in die Ewigkeit gieng, und ietzo die Unter die himmlischen Lauben beruft. Jhr wallet das

Und nicht lange, so sinkt aufs letzte Lager ihr Haupt hin, Und sie bestimmt sich die Stunde des Todes prophetisch. Weinen um sie; auch sitzen am Fuß des traurigen Lagers Jhre würdigen Söhne, die Zierden des Staats, und

Jhre Hände mit Thränen. Sie sieht die Schaaren der Um ihr Bette versammelt, und alte treue Bediente Ganz in Wehmuth versenkt. Dann stärkt sie noch ein- Hebt die Hand auf, und segnet sie alle. Mit heiterm

Sieht sie den Todesengel sich nahn. Er ist ihr nicht Sondern fordert sie auf, und ihre willige Seele Scheidet sich sanft vom Körper, und folgt ihm über die Zu den Schaaren der jauchzenden Engel, die ietzt im

Zu dem Throne der Allmacht sie führen. Die glänzen- Wird ihr geschenkt. — Indessen erhebt sich die Stimme Laut durch die Stadt. Die Thränen der Armen, die Mischen sich zu den Thränen der Kinder und Enkel.

Seufzt durch nächtliche Schatten. Der rollende Lei- Eilet langsam ans Grab; die langen verschleyerten Reihen Folgen ihm nach. Die kühle Gruft empfängt ietzt den Jhr Gedächtniß aber blüht ewig. Der prächtige Marmor

Sagt nicht ihr Lob, dies sagen die Herzen, in denen

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