Du majestätsche Linde,
Worunter oft Lucinde
Mit ruhigem Gemüth
Der Nacht entgegen sieht;
O schütte von den Aesten,
Bewegt von sanften Westen,
Der Blüthen süßen Duft
In die gekühlte Luft.
Die einsame Lucinde
Genießt dich nur, o Linde,
Und kömmt, als Nachbarin,
In deinen Schatten hin.
Von Blüthen überdecket
Hast du ihr Herz erwecket;
Wie oft hat deine Pracht
Sie nicht entzückt gemacht!
So bald die ersten Stralen
Die wilden Hügel malen,
Grüßt dich der Vögel Ton,
Und auch Lucinde schon.
Und wenn, mit trägen Rossen,
Der Ackersmann verdrossen
Nach seinen Hütten zieht,
Grüßt dich ihr muntres Lied.
O blühe für Lucinden!
Jhr Herz nur kan empfinden,
Durch wessen starke Macht
Dein Haupt in Wolken lacht.
Mehr kan ein Kleist nicht fühlen,
Wenn er, am Bach im Kühlen,
Auf Thomsons Laute spielt,
Als hier Lucinde fühlt.
Es schleicht mit stillen Schritten
Der Abend um die Hütten,
Der hohe Wald wird grau,
Und Wiesen tränkt der Thau;
O schicke durch die Lüfte
Viel tausend süße Düfte,
Zum Anwunsch sanfter Ruh,
Lucindens Fenster zu!