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1726–1777

Das Mädchen. Erster Gesang.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariä

Muse, begeistert durch dich, sang von dem mensch- Uns Wertmüllers glückliche Leyer. Mit römischer Wiederhohlte sein Lied Oltrotschi. Vergassen die Ganz, die andre schönere Hälfte des Menschenge-

Singe du sie Germaniens Töchtern! Sie lieben Welche mit lehrendem Reiz die einsamen Stunden Und das fühlende Herz zur himmlischen Tugend er- Liebliches Mädchen! nahe dich mir! — Wie

Mit dem feinsten Gesicht! Jhr braunes offenes Lächelt schon Sieg. Schon glühen die Lippen in Und zerstreuete Rosen bedecken die zärtlichen Wan- Aber noch warten des gelblichten Haars sanftwallen-

Auf die siegende Farbe der Nacht, die künftig die Jhres blendenden Halses erhöht. Es flattert im Wenn sie mit kleinen geflügelten Füssen die Mutter An das lange Gewand sich hängt, und stammelt,

Bis ihr die Mutter zurückegefolgt. Jetzt setzt sie Vor den Theetisch, und wartet ihr auf. Mit klei- Unterhält sie sie lange, die Antwort erwartend, Ueber ihr eigensinniges Schweigen’; sie giebt ihr

Welche die Mutter ihr gab, zurück. Der Vater Lächelt von seinen Büchern empor; erinnert sie Daß die Puppe nicht spricht, und tröstet die kleine Dann kömmt auf dem muthigen Stecken, ihr jün-

Ueber den Saal her geritten. Sie sieht mit furcht- Zärtlich ihm nach, und warnt ihn; umsonst! der Zeigt sich bereits in jeglichem Schritt der kindischen Pferd’ und Wagen ergetzen ihn nur, und der blin-

Und der männliche Hut. Er kennet die Furcht nicht, Wenn die kriegrische Trommel erschallt. Doch weib- Herrscht ganz in dem fühlenden Mädchen. Jetzt Mit sich allein, und flehet ihn an, sein Leben zu

Und nicht der wallenden Fahne zu folgen. Der mu- Wird von den Thränen erweicht, legt seine lärmen- Und sein blankes Husarenschwerdt ab, und spielt Stillere Spiele; wird Kutscher und Koch, und läßt

Zu des Mädchens Geschmacke herab. Dann folgt Häußlichem Schritt, und ahmet ihr nach in kindi- Oder ergreift mit zitternder Hand die Nadel der Und glaubt Blumen und Laub in ihren Versuchen

Oftmals nimmt sie der liebende Vater mit zartli- Auf den schmeichelnden Schoos, und lehrt sie zeitig Von dem gütigen Schöpfer der Welt. Steigt über Jm Triumph die Sonne herauf; und hänget am

Ueber dem Walde der silberne Mond: so breitet die Schon den kindischen Arm voll Innbrunst gegen die Hüllt sich der Tag in düstere Nacht, und rollet der Ueber dem Haupt; so bewahrt er ihr Herz beym

Vor der sklavischen Furcht; gewöhnt sie, eben so Jhren Schöpfer zu lieben, ihn eben so edel zu Wenn er im Zephyr erfrischt, als wenn er in Stür- Jedes zarte Gefühl, das in der empfindlichen

Sich entwickelt, das bildet er sanft, und edel und So schlägt sanfter ihr Herz. Der Grausamkeit Werden darinne vertilgt. Oft blinken ihr Thränen Wenn vor dem tödtenden Messer des Kochs die

Oder der Henne sperbrichtes Kind. Sie lernet bey Andrer Elend zu fühlen; sie wird die christlichste Zur Vollkommenheit bringen, und wenn sie wider Feinde hassen, die Feinde sogar als Menschen noch

Wie erröthet ihr ofnes Gesicht, wofern sie nur Jhren Vater beleidigt zu haben! Mit welchem Und mit welcher beflügelten Angst umfaßt sie ihn Wenn sie wirklich gefehlt! Jhr rollen die brennen-

Lange vom Auge, sie kan sich nicht trösten ob ih- Kan Versuchung wohl je solch eine Seele Welche, so früh mit der Tugend bekannt, ihr immer Und den Namen sogar des niedrigen Lasters verab-

Nein, ihr redender Blick, die lächelnden purpur- Sind nicht Betrüger. Die innere Schönheit der Wächst mit der Anmuth der Jugend zugleich. Jhr Schwebet um sie auf güldenen Flügeln; er wacht

Jhres unsterblichen Geistes, und hilft die Rosen Auf den Wangen entfalten. Jhr leichter ätherischer Fliegt mit der Morgenröthe dahin. Liebkosend er- Jhren Vater, und faltet mit ihm die Hände zum

Jhre stammelnden Seufzer erschallen umfonst nicht; Tragen sie über die Wolken. — Dann lernt sie in Und anmuthigen Fabeln die Tugend. Mit seuriger Fragt sie nach allem; verschlingt die Worte des

Lernt der Christen wohlthätig Gesetz; bewundert der Mächtige Hand in frommen Geschichten, und preißt Jede vortrefliche That. Oft auch versucht sie im Voller Anmuth zu schwimmen, und biegsame Glie-

An ihr hänget das Herz der Eltern. Der Vater Jhrer Spiele Geräusch, und wünschet sie um sich Ob er gleich in Arbeit versenkt, in Büchern ver- Eingehohlt unter den zärtlichen Küssen der lieben-

Kömmt sie zum Vater zurück; er küßt sie. Stil- Strömt aus seinen Augen. Er sieht die Reize der Hier im Kleinen, prophetische Blicke durchdringen Und von schmeichelnder Hofnung gestärkt, wahrsagt

In der Liebe das Glück, das ihn ietzt selber be- Sinkt mit dem Abendroth nun die erste ruhi- Auf die thauigte Welt; so neiget sie unter den Kindischer Andacht ihr Haupt zu sanftem Schlum-

Melancholische Schatten, und blasse schreckende Flattern nicht um ihr heiteres Lager. Wohlthätige Führen die güldnen Träume zu ihr. Sie lächelt Auch im Schlaf, und trägt im Gesicht den offenen

Also entschläft auf Rosengewölk ein reisender Engel, Der auf des Ewgen Befehl die weite Schöpfung Weicht nicht, ihr Beschützer der Unschuld, Menschlicher Tugenden; himmlische Schaaren, o wei-

Tragt sie auf euren olympischen Flügeln, damit Jhre blühenden Jahre verkürze! Sie wächset an Und an Schönheit und Tugend empor. O glückliche Die dich, holdseeliges Mädchen, gebahr! O glück-

Welcher dich einst des edelsten Jünglings Umarmun- Und von dir ein zahlreich Volk von Enkeln ent-

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