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Loherangrin.

Wolfram von Eschenbach

Anfortas mit den Seinen trug Leid und Jammer noch genug. Ihre Treue ließ ihn in der Noth: Er bat sie oftmals um den Tod.

Dem Tod auch könnt er nicht entgehn, Doch ließen sie den Gral ihn sehn: Da fristet' ihn des Grales Kraft. Er sprach zu seiner Ritterschaft:

„Ich weiß wohl, wär euch Treue kund, Mein Leid erbarmt' euch gleich zur Stund. Wie lange soll die Qual mir währen? Sicher, Rechenschaft gewähren

Müßt ihr dafür dereinst vor Gott. Stäts war ich gern euch zu Gebot Seit ich zuerst die Waffen trug. Entgolten hätt ichs nun genug

Was übles je von mir geschah, Wenn euer Einer das ersah. Wollt ihr der Untreu euch erwehren, So erlöst mich, bei des Helmes Ehren

Und bei des Schildes Orden: Inne seid ihr oft geworden, Schiens euch werth darauf zu achten, Daß die mit mir vollbrachten

Manches ritterliche Werk. Ich habe manchmal Thal und Berg In Tjosten überritten Und mit dem Schwerte so gestritten,

Es mochte wohl den Feind verdrießen: Des laßt ihr wenig mich genießen. Ich aller Freude waiser Traun vor dem Himmelskaiser

Verklag ich einst euch Alle. Ihr kommt zu ewgem Falle, Wenn ihr mich nicht bald befreit. Mein Jammer wär euch billig leid.

Ihr habt gesehn und auch vernommen Wie mir dieß Unglück ist gekommen: Wie taugt' ich euch zum Herren noch? Viel zu früh erfahrt ihrs doch,

Wenn ihr das Heil verwirkt an mir. O weh, wie übel handelt ihr!“ Sie würden endlich ihn erlösen, Wär eine Hoffnung nicht gewesen.

Euch machte Trevrezent bekannt Was dort am Gral geschrieben stand. Sie erharrten abermals den Mann, Dem dort die Freude gar zerrann,

Und der hülfreichen Stunde, Da die Frage käm aus seinem Munde. Auf Eine List sann Anfortas: Daß er geschloßnen Auges saß:

Vier Tage senkt' er oft die Lieder. Trug man ihn zum Grale wieder, Es mocht ihm lieb sein oder leid, Da zwang ihn seine Schwachheit,

Daß er offen that die Augen: Da must er Leben saugen Und konnt im Tode nicht erkalten. So pflegten sie's mit ihm zu halten

Bis an den Tag, da Parzival, Der bunte Feirefiss zumal, Froh gen Monsalväsche ritten. Auch kam die Zeit mit schnellen Schritten,

Daß Mars oder Jupiter Wie zornglühend zog daher Und sich der Stelle wieder nahten (Dann war der König schlimm berathen),

Wo sie zu Anfang stunden. Das that an seinen Wunden Anfortas weh mit solcher Qual, Die Fraun und Ritter allzumal

Hörten sein Geschrei ertönen. Mit Jammerblicken und mit Stöhnen Gab er seinen Jammer kund. Er war ohn alle Hülfe wund,

Helfen konnten sie ihm nicht; Jedoch die Aventüre spricht, Nun sei die wahre Hülf ihm nah. Beim Mitleid ließen sie es da.

Wenn die scharfe bittre Noth Ihr strenges Ungemach ihm bot, Den Geruch zu mindern ward die Luft Erfüllt mit süßer Kräuter Duft.

Man legt' ihm auf den Teppich hin Dann Pigment und Terpentin, Moschus und Aromata. Die Luft zu reingen lag auch da

Ambra und Theriak genug: Das war ein süßer Wohlgeruch. Sobald man auf den Teppich trat, Jeroffel, Kardemon, Muskat

Lag, die Lüfte zu durchsüßen, Gebrochen unter ihren Füßen. Wie das mit Tritten ward zerdrückt, So war die Nase gleich erquickt.

Von Lignum Aloe war sein Feuer; Das sagt' euch schon ein Abenteuer. Als Stollen an dem Spannbett prangen Sah man aus Horn gedrehte Schlangen.

Daß das Gift beruhigt sei Waren Wurzeln mancherlei Auf die Kissen ausgesät. Nur gesteppt und nicht genäht

War das Pfellel, drauf er lehnte, Ein Seidenstoff von Nauriente; Das Polster drunter war palmaten. Das Spannbett war auch sonst berathen

Mit theuern Edelsteinen Und mit anders keinen. Stränge haltens aneinder Vom Geweb der Salamander:

Das sind die Borten drunter. Ihn machte Freude nicht zu munter. Reich wars nach allen Seiten: Es möge Niemand streiten

Als hab er Beßres je gesehn. Es war kostbar und schön Von edeln Steinen aller Art; Ihre Namen sind uns aufbewahrt:

Karfunkel und Selenit, Belagius und Jerachit, Onix und Chalcedon, Korallis und Bestion,

Unio und Ophthallius, Epistites Keraunius, Gagatrom, Heliotropia, Pantherus, Antrodragma,

Prasem und Sarda, Hematites, Dionysia, Achates und Chelidon, Sardonix un Chalkophon.

Karneol und Jaspis, Echites und Iris, Gagates und Ligurius, Abeston und Cegolithus,

Galaktida, Hyacinthus, Orites und Anydrus, Absinth und Alabanda, Chrysoelekter, Hiennia,

Smaragd und Magnes, Sapphir und Pyrrites. Daneben standen hier und da Türkissen und Lipparea,

Chrysolten und Rubinen, Paleisen und Sardinen, Adamas und Chrysopras, Diadoch und Topas,

Medus und Malachit, Berillus und Peanit. Einige lehrten hohen Muth; Zum Heil und zur Gesundheit gut

War der andern Eigenschaft. Sie verliehen hohe Kraft, Wer es zu erproben wuste. So künstlich fristen muste

Man Anfortas: der schuf dem Herzen Seines Volkes große Schmerzen. Doch bald wird Freude hier vernommen Schon ist gen Monsalväsch gekommen,

Von Joflanz geritten heut, Dem alle Sorge war zerstreut, Parzival, sein Bruder und die Magd. Man hat mir nicht genau gesagt

Wie viel es Meilen waren. Sie hätten Kampf erfahren; Doch weil Kondrie ihr Geleit, Blieben sie davon befreit.

Sie waren einer Vorhut nah: Auf schnellen Rossen kamen da Viel Templeisen angefahren, Gewappnet, die so klug doch waren,

Daß sie am Geleite sahn, Ihnen solle Freude nahn. Wohl rief ihr Rottenmeister da, Als er die Turteltauben sah

Glänzen von Kondriens Kleid: „Ein Ende hat all unser Leid: Mit des Grales Wappen eingetroffen Ist, auf den wir täglich hoffen

Seit uns Angst und Noth umstricken. Gebt acht: nun will uns Freud erquicken.“ Feirefiss Anschewein Mahnte Parzival, den Bruder sein,

Wider Jene zu reiten Und wollte selber streiten. Kondrie erfaßte seinen Zaum: Da war zu seiner Tjost nicht Raum.

Die rauche Magd begann zumal Zu ihrem Herren Parzival: „Solche Schilde, dieß Panier Sollt ihr kennen lernen hier.

Sie zählen zu des Grals Geleit Und sind euch immer dienstbereit.“ Da sprach der werthe Heide: „Den Streit ich gern nun meide.“

Da schickte Parzival Kondrien Voraus, zu den Templeisen hin. Sie ritt und brachte ihnen Märe Welch Heil für sie gekommen wäre.

Da sprangen die Templeisen Vom Pferd vor dem Waleisen, Vor dem sie grüßend stunden Den Helm vom Haupt gebunden.

Sie empfiengen Parzival zu Fuß: Ein Segen däuchte sie sein Gruß. Sie begrüßten auch mit Fleiß Diesen Heiden schwarz und weiß,

Und ritten weinend, ob in Freuden, Gen Monsalväsch dann mit den Beiden. Da fanden sie zahllose Schar, Manch schönen Ritter grau von Haar,

Knappen und edle Kinde. Das traurge Ingesinde Schien ihre Ankunft doch zu freun. Feirefiss Anschewein

Und sein Bruder Parzival, An der Stiege vor dem Saal Wurden sie wohl empfangen. In den Saal ward gegangen.

Da lagen nach des Hauses Sitten Hundert Teppiche, rund geschnitten; Ein Bett auf Jedem, weich genug, Mit gestepptem Sammetüberzug.

Da musten Beide zum Empfang Niedersitzen, nur so lang Bis sie die Rüstung abgethan. Dann kam ein Kämmerer heran,

Der Kleider brachte reiche, Ihnen beiden gleiche. Auch all die Schar der Ritter saß. Man trug von Gold (es war nicht Glas)

Manch theuern Becher in den Saal. Feirefiss und Parzival Tranken und giengen dann Zu Anfortas dem traurgen Mann.

Ihr habt wohl schon vernommen, daß Er lehnte und gar selten saß; Auch wie das Bett geschmückt ihm war. Die Zwei empfieng Anfortas, zwar

Fröhlich, doch mit Kummers Klage: „Mit Schmerz erharrt' ichs lange Tage, Werd ich künftig von euch froh. Wohl war euer Abschied so,

Daß ihr es billig jetzt bereut, Wenn euch mir zu helfen freut. Ward jemals Preis von euch gesagt, Hier ist mancher Ritter, manche Magd:

Bittet, daß man mir den Tod Vergönnt, so endet meine Noth Ist euer Name Parzival, So entziehet meinem Blick den Gral

Sieben Nacht nur und acht Tage, So hat ein Ende meine Plage. Euch anders warnen darf ich nicht: Heil euch, wenn Hülf euch nicht gebricht.

Eur Gesell ist hier ein fremder Mann, Dessen Stehen ich nicht dulden kann. Was sorgt ihr nicht für sein Gemach?“ Parzival mit Weinen sprach:

„Sagt mir wo der Gral hier liege. Ob Gottes Gnade an mir siege, Des werdet ihr wohl inne werden.“ Da warf er betend sich zur Erden

Dreimal zur Dreifaltigkeit, Daß des traurgen Mannes Leid Jetzt ein Ende möcht empfahn. Der Held stand auf und sprach alsdann:

„Oheim, was fehlet dir?“ Der für St. Silvestern einen Stier Vom Tode lebend wandeln hieß, Der Lazarum erstehen ließ,

Derselbe half, daß Anfortas Alsbald zu vollem Heil genas: Was der Franzose nennt Florie, Den Glanz er seiner Haut verlieh.

Parzivals Schönheit war nun Wind, Und Absalons, Davidens Kind, So Aller, die wie Vergulacht Die Schönheit erblich hergebracht,

Auch Gahmuretens Schönheitspreis, Als er dort zu Kanvoleis Einzug hielt so wonniglich – All ihre Schönheit Dieser wich,

Die Anfortas aus Siechheit trug. Gott kann der Künste noch genug. Da braucht' es weiter keine Wahl: Durch die Schrift an dem Gral

War ihnen schon ein Herr benannt. Parzival ward anerkannt Als König und Gebieter dort. Man fände wohl an andrem Ort

So leicht nicht Zwei so reiche Männer (Von Reichthum bin ich zwar kein Kenner) Als Parzival und Feirefiss. Zu Dienst sich Männiglich befliß

Dem Wirth und seinem Gast zumal. Ich weiß nicht der Rasten Zahl, Die Kondwiramur geritten kam Gen Monsalväsch wohl ohne Gram.

Sie hatte Alles schon vernommen: Ihr war die Botschaft gekommen, Ein Ende hätt all ihre Noth. Von dem Herzogen Kiot

Und noch manchem werthen Degen War sie auf waldgen Wegen Gen Monsalväsch geführt, bis dort Wo Segramors, ihr kennt den Ort,

Aus dem Sattel war gewichen, Und Ihr der blutge Schnee geglichen. Da sollte Parzival sie finden: Des mocht er gern sich unterwinden.

Ein Templer bracht ihm jetzo Märe: Mit der Königin gekommen wäre Höfscher Ritter große Zahl. Nicht lang besinnt sich Parzival:

Mit Eingen von des Grales Heer Zu Trevrezenten reitet er. Den Klausner freute herzlich, daß Es also stund um Anfortas,

Daß er von jener Tjost nicht starb Und ihm die Frage Heil erwarb. „Gottes Kraft ist unermeßen! Wer hat in seinem Rath geseßen?

Wer weiß ein Ende seiner Macht? Zu Ende wird es nie gedacht Von allen Himmelschören dort. Gott ist Mensch und seines Vaters Wort.

Gott ist Vater und Sohn zugleich, Sein Geist ist aller Hülfe reich.“ Zu Parzival begann er da: „Ein Wunder ists wie nie geschah,

Da Gott erzürnt hat eure That, Daß sein dreieinig ewger Rath Euer Trachten ließ gelingen. Ich log, euch abzubringen

Vom Gral, wie's um ihn stünde (Gebt mir Buße für die Sünde; Gehorsam will ich jetzt euch sein, Schwestersohn und Herre mein):

Daß die vom Weltenmeister Ausgetriebnen Geister Harrend schwebten um den Gral, Ob ihnen Gnade würd einmal.

Also sprach ich dort zu euch. Doch Gott ist stäts sich selber gleich, Er streitet ewig wider sie Und Gottes Huld wird ihnen nie.

Wer seinen Lohn davon will tragen, Der muß dem Bösen widersagen: Ewiglich sind sie verloren, Sie haben selbst den Fall erkoren.

Ihr mühtet euch, das war mir leid, Umsonst in ganz vergebnem Streit. Daß Wer den Gral sich möcht erstreiten War unerhört zu allen Zeiten;

Ich hätt euch gern der Müh entnommen. Doch anders ist es nun gekommen, Euch kam von Oben der Gewinn; Zu Demuth wendet nun den Sinn.“

Zum Oheim sprach der Waleis da: „Ich soll sie sehn, die ich nicht sah Innerhalb fünf Jahren. Da wir beisammen waren

War sie mir lieb; das ist sie noch. Ich wünsche deinen Rath jedoch So lang uns noch nicht schied der Tod: Du riethst mir einst in großer Noth.

Ich ziehe meinem Weib entgegen: Die zog daher auf waldgen Wegen Bis an des Plimizöls Gestad.“ Der Held um seinen Urlaub bat.

Da befahl ihn Gott der gute Mann; Nacht war es, als er fuhr hindann. Den Gesellen war der Wald wohl kund. Am Morgen fand er lieben Fund,

Manch Gezelt aufgeschlagen: Aus dem Lande Brobarz, hört ich sagen, War manches Banner eingesenkt Und mancher Schild davor gehängt:

Seines Landes Fürsten lagen dort. Der Waleis frug, an welchem Ort Die Köngin selber läge Und ob eigner Kreiß sie hege?

Da zeigte man ihm wo ihr Zelt Mit eignem Umkreiß stand im Feld, Von andern Zelten rings umfangen. Herzog Kiot von Katelangen

War heut erwacht bei Zeiten: Da sah er diese reiten. Noch war des Tages Schimmer grau; Kiot erkannte doch genau

Des Grales Wappen an der Schar: Sie führten Turteltauben klar. Der alte Mann erseufzt von Herzen, Da er Schoisianens denkt mit Schmerzen:

Die er zu Monsalväsch erworben War bei Siguns Geburt gestorben. Entgegen gieng er Parzival Und empfieng ihn mit den Seinen all.

Den Marschall der Königin, Durch einen Junker bat er ihn, Den Rittern gut Gemach zu schaffen, Die er da halten sah in Waffen.

Ihn selber führt' er an der Hand Wo er der Köngin Kammer fand, Ein klein Gezelt von Buckeram, Wo man die Rüstung von ihm nahm.

Noch ahnte nichts die Königin. Kardeiß und Loherangrin Fand bei ihr liegen Parzival (Wer zählt da seiner Freuden Zahl?)

In einem hohen weiten Zelt, Und rings umher ihr zugesellt Lagen klarer Fraun genug. Kiot die Decke von ihr schlug,

Er hieß die Königin erwachen, Sie sollte fröhlich sein und lachen. Sie blickt' empor und sah den Mann, Sie hatte nur das Hemde an.

Die Decke hurtig um sich schwang, Auf den Teppich vor dem Bette sprang Kondwiramur, das schöne Weib; Ihr Gemahl umfieng ihr auch den Leib.

Man sagte mir, sie küssten sich. Sie sprach: „So hat das Glück mir dich Gesendet, Herzensfreude mein!“ Sie hieß ihn willkommen sein.

„Nun sollt ich zürnen, kann nicht, ach! Heil sei der Stunde, Heil dem Tag, Die mir brachten diesen Kuss, Davon mein Trauern schwinden muß.

Nun hab ich was mein Herz begehrt, Allen Sorgen ist der Sieg verwehrt.“ Nun erwachten auch die Kindelein, Kardeiß und Loherangrein:

Die lagen auf dem Bette bloß. Wohl war des Vaters Freude groß, Da er sie küsste minniglich. Nicht lang bedachte Kiot sich,

Er befahl die Knaben fortzutragen; Man hört' ihn auch den Frauen sagen, Daß sie aus dem Zelte giengen. Das thaten sie, doch erst empfiengen

Sie ihren Herrn nach langer Reise. Kiot der höfische und weise Befahl der Köngin ihren Mann; Die Jungfraun führt' er all hindann.

Noch begann es kaum zu tagen; Die Winden wurden zugeschlagen. Nahm ihm einst bewusten Sinn Schnee und Blut gemischt dahin

(Die fand er liegen hier im Hain), Für solchen Kummer steht nun ein Kondwiramur, die Beides hat. Nie hatt er Hülf an andrer Statt

Empfangen für der Minne Noth Ob manch edles Weib ihm Minne bot. In süßer Kurzweile lag Er bis zu vollen Morgens Tag.

Neugierig nahte Kiots Schar: Sie nahmen der Templeisen wahr. Von Hieb und Stoß zerschlagen Sah man sie Helme tragen;

Ihr Schild hat Lanzenstöß erlitten, Von Schwertern war er auch zerschnitten. Von Sammet oder Seidentuch War das Kleid, das Jeder trug.

Keinen Harnisch trugen mehr die Stolzen, Nur an den Füßen Eisenkolzen. Nicht mehr zum Schlafen stand ihr Sinn. Der König und die Königin

Standen auf. Ein Priester Messe sang. Da ward im Lager groß der Drang Von dem tapfern Kriegesheer, Das Klamiden einst stand zur Wehr.

Als die Messe war begangen Wurde Parzival empfangen Würdiglich von seinem Bann, Manchem Ritter kühn und wohlgethan.

Des Zeltes Winden nahm man ab. Der König sprach: „Wo ist der Knab, Der König sein soll euerm Land?“ Allen Fürsten macht' er da bekannt:

„Waleis und Norgals, Kanvoleiß und Kingrivals Gehört zu vollem Recht ihm an Mit Anschau und Bealzenan.

Erwächst er einst zu Mannes Kraft, So helft, daß ihr ihm Die verschafft. Gahmuret mein Vater hieß, Der mirs als rechtes Erbe ließ.

Da mir das Glück verhalf zum Gral, So empfanget ihr an diesem Mahl Eure Lehn von meinem Kinde, Wenn ich euch treu befinde.“

Das geschah von Herzen gern. Viel Fahnen brachte man dem Herrn: Da liehn zwei kleine Hände Weiter Lande manches Ende.

Gekrönet wurde da Kardeiß; Er bezwang auch später Kanvoleiß Und mehr von Gahmuretens Land. An des Plimizöls grünem Rand

Ward ein weiter Kreiß gemeßen, Wo sie zu Mittag sollten eßen. Sie nahmen eilends Trank und Speise Und schickten sich zur Heimreise.

Die Zelte brach das Heer darnieder; Mit dem jungen König fuhr es wieder. Das Ingesind und viel Jungfrauen Ließen großen Kummer schauen,

Da sie schieden von der Königin. Die Templer nahmen Loherangrin Und seine Mutter wohlgethan: Also ritten sie hindann

Gen Monsalväsche balde. „Eines Tags in diesem Walde Sah ich eine Klause stehn,“ Sprach Parzival, „und drinne gehn

Einen klaren Brunnen schnelle: Wenn ihr sie wißt, weist mich zur Stelle.“ Sie wüsten eine, ward gesagt Von den Gefährten: „eine Magd

Wohnte klagend auf des Freundes Sarg; Ihr Herz die lautre Güte barg. Unser Weg geht nah vorbei; Ihr Herz ist selten Jammers frei.“

Der König sprach: „Ich will sie sehn.“ Die Andern ließens gern geschehn. Sie ritten vorwärts trabend Und fanden spät am Abend

Sigunen auf den Knieen todt: Da sah die Köngin Jammers Noth. Durch den Felsen brach man zu ihr ein. Seiner Base halber ließ den Stein

Parzival vom Sarge heben. Schön gebalsamt wie im Leben Lag Schionatulander da. Man legte sie dem Helden nah,

Die ihm magdthumliche Minne gab Im Leben, und verschloß das Grab. Kondwiramur begann zu klagen Ihres Oheims Tochter, hört' ich sagen,

Mit großen Schmerzen unerlogen: Schoisiane hatte sie erzogen, Die Mutter der gestorbnen Maid, Als Kind, drum trug sie um sie Leid,

Die Muhme nannte Parzival, Wenn Wahrheit spricht der Provenzal. Noch wust um seiner Tochter Tod Nicht der Herzog Kiot,

Der Kardeißen hatt erzogen. Es ist nicht krumm wie der Bogen, Die Wahrheit sag ich recht und schlecht. Da thaten sie der Reis ihr Recht

Gen Monsalväsch in tiefer Nacht. Die Stunden harrend zugebracht Hatte Feirefiss mit freudgem Herzen. Man entzündete viel Kerzen

Als wär entbronnen rings der Wald. Einen Templer von Patrigalt Sah man bei der Köngin reiten. Der Hof war räumig: an den Seiten

Stand harrend manch gesondert Heer: Sie empfiengen all die Köngin hehr, Den Wirth und auch sein Söhnelein. Da trug man Loherangrein

Zu seinem Oheim Feirefiss: Da Der sich schwarz und weiß erwies, Wollt ihm das Kind den Mund nicht leihn; Den Kleinen muß man Furcht verzeihn.

Das belustigte den Heiden. Da begann man sich zu scheiden Auf dem Hofe, wo die Königin War abgestiegen; Hochgewinn

War Allen ihre Kunft fürwahr. Man führte sie, wo Frauen klar Sie zu empfangen sich beflißen. Anfortas und Feirefissen

Mochte man bei den Frauen An der Stiege höfisch schauen. Repanse de Schoie, Von Grünland Garschiloie

Und Florie von Nonel Trugen klare Haut und Augen hell, Dazu magdthumlichen Preis. Da stand auch, schwanker als ein Reis,

Der Güt' und Schönheit unverloren War, zur Tochter Ihm geboren, Ril, dem Herrn von Jernise, Die reine Magd Anflise.

Von Ihr stand Klarischanz nicht weit, Von Tenabrock die süße Maid, An lichter Farbe unverkürzt, Trotz Ameisen schlank geschürzt.

Die Königin von Feirefiss Zum Willkomm gern sich küssen ließ, Von Anfortasen ebenso: Auch war sie seiner Heilung froh.

Der Heide führte sie an der Hand, Wo sie des Wirthes Muhme fand, Repansen de Schoie, stehn. Noch musten Küsse viel geschehn.

Ihr Mund, schon zuvor so roth, Litt nun von Küssen solche Noth: Daß Ich für sie so manche Maid Nicht küssen kann, das ist mir leid,

Statt der reisemüden Königin. Da führten sie die Jungfraun hin. Die Ritter blieben in dem Saal: Da sah man Kerzen ohne Zahl

Wonniglich entbronnen. Da ward mit Zucht begonnen Ein Festmal mit dem Grale. Nicht bei jedem Male

Pflag man ihn vorzutragen, Nur an festlichen Tagen. Sie hatten damals Trost zu finden Gehofft, da ihre Freude schwinden

Der blutge Sper ließ jenen Abend: Weil er lindernd ist und labend, Trug man da hervor den Gral; Doch ließ in Noth sie Parzival.

Heut trug man ihn zur Freude vor, Da all ihr Kummer sich verlor. Da des Reisekleids entledigt war Die Köngin, und gekränzt ihr Haar,

Da trat sie wiederum herfür; Der Heid empfieng sie an der Thür. Nun, da war es ohne Streit, Es hört' und sprach zu keiner Zeit

Niemand von schönerm Weibe. Auch trug sie an dem Leibe Seidenzeug von Meisterhand Gewirkt, ein Stoff, den einst Sarant

Mit großer Kunst erfunden hat Dort zu Thasme in der Stadt. Feirefiss Anschewein Führte sie, der lichter Schein

Entstralte, mitten durch den Saal. An großer Feuer drei'n zumal Gab Aloeholz Geruch und Hitze. Vierzig Teppiche und Sitze

Sah man heute mehr, als da Zuerst den Gral der Waleis sah. Vor allen war Ein Sitz geziert, Wo mit Anfortas der Wirth

Sitzen sollt und Feirefissen. Wohl war der Zucht beflißen Wer da dienen wollte, Wenn der Gral erscheinen sollte.

Wie man vor Anfortas ihn trug, Davon vernahmt ihr einst genug: Sie halten es nach gleichem Brauch Vor des werthen Gahmuret Sohn auch

Und König Tampentärens Kind. Die Thür geht auf; im Zuge sind Da schon die Jungfraun allzumal, Fünf und zwanzig an der Zahl.

Die erste schien dem Heiden klar Und schön, mit langem Lockenhaar, Die andern schöner, die er da Auf die erste folgen sah,

Ihre Kleider kostbar all und reich; Minniglich und schön zugleich War all der Jungfraun Angesicht. Die letzte war vor Allen licht,

Repans de Schoie, eine Magd. Tragen ließ, so wird gesagt, Sich der Gral von Ihr allein; Keine andre durft es sein.

Demuth wohnt' ihr im Gemüthe; Den Schnee schien ihre Haut zu schwärzen. Wollt ihr nochmals Kunde haben Wie viel Kämmerer das Waßer gaben,

Wieviel man Tafeln vor sie trug (Heut wären hundert nicht genug), Wie Unordnung floh den Saal, Dann der Karossen große Zahl

Mit den theuern Goldgefäßen, Beschrieb' ich wie die Ritter äßen, So käm ich allzuspät ans Ziel, Drum nehm ich Kürze mir zum Ziel.

Mit Zucht man von dem Grale nahm Alle Speise, Wild und Zahm, Hier den Meth und dort den Wein, Wie es Jeden mocht erfreun,

Sinopel, Morass und Klaret. Le fils dü Roi Gahmuret Fand Pelrapär nicht so bestellt Als es zuerst ersah der Held.

Der Heide frug verwundert, Wie die Becher alle hundert Vor der Tafel würden voll? Ihm gefiel das Wunder wohl.

Da sprach der klare Anfortas, Der ihm an der Seite saß: „Herr, seht ihr vor euch nicht den Gral?“ Der bunte Heide sprach zumal:

„Ich sehe nur ein Achmardi; Eine Jungfrau bracht es, Sie Die gekrönt dort vor uns steht; Ihre Schönheit mir zu Herzen geht.

Ich wähnte doch so stark zu sein, Daß mir kein Weib noch Mägdelein Frohen Muth mehr rauben könnte. Wenn je mir werthe Minne gönnte

Ein Weib, mir widert all ihr Minnen. Wohl ists unziemliches Beginnen, Daß ich euch künde meine Noth, Der ich noch nie euch Dienste bot.

Was hilft nun all die reiche Habe Und was ich um Fraun gestritten habe? Was frommt mir, daß ich mild gegeben, Wenn ich in solcher Qual soll leben?

Mein starker Gott Jupiter, Schicktest du mich zur Marter her?“ Man sah vor Schmerz die weißen Stellen Seiner Haut sich bleichend hellen:

Kondwiramur die Schöne sah Ihren Schein so licht beinah Als der Jungfrau Weiße prangen. In ihrer Minne Strick gefangen

War Feirefiss der werthe Gast. Andre Minne ward ihm so verhaßt, Er vergaß sie ganz mit Willen. Was half da Sekundillen

Ihre Minne, was Tribalibot? Eine Magd schuf Ihm so strenge Noth: Olympia und Klauditte, Sekundille dann die dritte,

Und wo ihm Lohn in andern Landen Ein Weib für Dienste zugestanden, Aller dieser Frauen Minne Schlug sich Gahmurets Sohn aus dem Sinne.

Da sah der klare Anfortas, Daß sein Gesell gefoltert saß, Wie seine blanke Farbe blich, Ihm aller hohe Muth entwich.

Da sprach er: „Herr, die Schwester mein, Leid wär mir, schüfe Die euch Pein, Die Niemand noch von ihr erlitten. Kein Ritter hat für sie gestritten,

Auch empfieng noch Niemand Lohn von ihr; Sie theilte großes Leid mit mir. Ihre Schönheit must es auch entgelten, Daß man sie fröhlich sah so selten.

Euer Bruder ist ihr Schwestersohn; Der schafft vielleicht euch Hülf und Lohn.“ „Die Magd soll eure Schwester sein,“ Sprach Feirefiss Anschewein,

„Die die Kron auf bloßem Haupte hat? Gebt mir zu ihrer Minne Rath; Nach Ihr nur hat mein Herz Begehr. Erwarb mir jemals Preis der Sper,

Wär das allein für Sie geschehn, Und ließ Sie mich den Sohn ersehn! Fünf Stiche zählt man zum Turnier: Wie oft gelangen alle mir!

Der erste beim Entgegenreiten; A Travers nennt man den zweiten; Der dritte soll den Guten In rechter Tjost entmuthen;

Oft hab ich hurtiglich geritten, Und auch zur Folge wohl gestritten: Seit der Schild mir Deckung bot, Empfand ich heut die gröste Noth.

Einen feurgen Ritter glühn Sah ich vor Agremontin: War nicht mein Salamanderkleid, Von Asbest mein Schild zu jener Zeit,

Ich wäre von der Tjost verbronnen. Hab ich Preis je mit Gefahr gewonnen In solchem Kampf, was sandte mich Nicht eure Schwester minniglich?

Ihr Bot im Kampf noch wär ich gern. Meinem Gotte, Jupitern, Will ich ewig Haß im Herzen tragen, Schafft er kein Ende bittern Klagen.“

Hieß Frimutel ihr Vater nicht, Daß so gleiche Farb und Angesicht Anfortas wie die Schwester trug? Der Heide sah sie an genug,

Und sah dann wiederum auf Ihn. Wieviel man Speisen her und hin Da trug, sein Mund davon nicht aß, Obgleich er scheinbar eßend saß.

Anfortas sprach zu Parzival: „Herr, euer Bruder hat den Gral, Wie mich dünkt, noch nicht gesehn.“ Da must ihm Feirefiss gestehn,

Vom Grale würd er nichts gewahr; Das schien den Rittern wunderbar. Da vernahms auch Titurel der Greis, Der gelähmt zu Bette lag schneeweiß.

Der sprach: „Ists ein ungläubger Mann, So gedenk er nicht daran, Daß des Ungetauften Augen Zu solcher Gnade taugen,

Daß er je den Gral erschaut: Da sind Schranken vorgebaut.“ In den Saal entbot er das. Da sprach der Wirth und Anfortas:

Was die Ritter hier im Kreise Labe mit Trank und Speise, Bevor ein Heide sich bekehrt, Wär ihm das anzuschaun verwehrt.

Sie riethen, daß er durch die Taufe Sich ewigen Gewinn erkaufe. „Wenn ich die Taufe denn gewinne, Die Taufe, hilft sie mir zur Minne?“

Sprach Gahmuretens Sohn, der Heide: „Es that mir sonst nicht viel zu Leide Ob Streit mich oder Minne zwang. Es sei kurz oder lang,

Seit mich der erste Schild umfangen, Nie ließ mich solche Noth erbangen. Es ziemte, Minne zu verhehlen; Doch kann mein Herz sie nicht verstehlen.“

„Wen meinst du?“ sprach Parzival. „Die Maid mit lichter Schönheit Stral, Meines Nachbarn Schwester hier. Verhilfst du, Bruder, mir zu ihr,

Viel Reichthum bringt ihr meine Hand, Ihr dienstbar wird manch weites Land.“ Der Wirth sprach: „Läßest du dich taufen, So magst du ihre Minne kaufen.

Wohl duzen jetzo darf ich dich, Denn unser Reichthum gleichet sich, Da der Gral mir ward zu Theil.“ „Hilf mir zu meinem Heil,“

Sprach Feirefiss Anschewein, „Bruder, bei der Muhme dein. Wenn man die Tauf im Streit gewinnt, In Streit nur schaffe mich geschwind:

Gern leist ich Dienst um Ihren Lohn. Ich hörte gerne stäts den Ton, Wenn von der Tjost die Splitter sprangen, Schwerter laut auf Helmen klangen.“

Der Wirth der Rede lachte sehr Und Anfortas noch viel mehr. „Hier richtest du nichts aus mit Streit,“ Sprach der Wirth; „doch kommt die Maid

Kraft rechter Tauf in dein Gebot. Jupitern, deinem Gott, Must du um sie entsagen, Sekundillens dich entschlagen.

Morgen früh geb ich dir Rath, Der führt dich auf den rechten Pfad.“ Anfortas, eh ihn Siechthum band, Mit Ruhm erfüllt' er manches Land

Durch kühne That um Minne. In seines Herzens Sinne Wohnte Güt und Mildigkeit; Auch erwarb er oft den Preis im Streit.

Da saßen hier dem Grale bei Der allerbesten Ritter drei, Die je Schildesamts gepflogen; Sie waren kühn und verwogen.

Geliebts, so end ich hier das Mal. Die Tafeln trug man aus dem Saal Und das Geräthe wonniglich. Mit höfschem Gruße neigten sich

Vor ihnen all die Jungfräulein. Feirefiss Anschewein Sah sie aus dem Saale gehn: Um seine Freude wars geschehn.

Seines Herzens Schloß trug hin den Gral; Urlaub gab ihnen Parzival. Wie die Wirthin selber gieng hindann Und was man weiter noch begann,

Daß man sein wohl mit Betten pflag, Der unsanft doch durch Minne lag, Wie die Templeisen allzumal Ausruhten von der Unruh Qual,

Auf Den Bescheid muß ich verzichten: Ich will euch von dem Tag berichten. Bei des Morgens lichtem Schein Kam Parzival überein

Mit Anfortas dem Helden, Worin? das werd ich melden. Sie ließen Den von Zaßamank Kommen, den die Minne zwang,

In den Tempel vor den Gral. Die weisen Templer allzumal Lud man auch dazu. Schon war Von Rittern, Knappen große Schar

Versammelt, als der Heid erschien. Der Taufnapf war ein Rubin, Eine runde Stufe sein Gestell Von Jaspisstein: Titurel

Hatt ihn so köstlich hergestellt. Da sprach zum Bruder unser Held: „Minnest du die Muhme mein, All den falschen Göttern dein

Must du um Sie entsagen, Und Haß dem Bösen tragen, Der widersagt dem höchsten Gott, Getreulich leisten Des Gebot.“

„Wodurch ich sie erwerben kann,“ Sprach der Heide, „das wird all gethan Und getreulich bald vollendet.“ Ein wenig ward gewendet

Der Taufnapf hin zu dem Gral: Da ward er Waßers voll zumal, Nicht zu warm noch zu kalt. Da stand ein grauer Priester alt,

Der manch heidnisch Kindelein Schon getaucht hatte drein. Der sprach: „Ihr sollt glauben, Wollt ihr dem Feind die Seele rauben,

An den höchsten Gott alleine. Dreifaltig ist der Eine, Doch Eins und einig immerfort. Gott ist Mensch und seines Vaters Wort.

Da er Vater ist und Kind, Die beide gleich gewaltig sind Und an Macht dem Geiste gleich, In der dreien Namen wehret euch

Dieses Waßer Heidenschaft Durch der Dreieinigkeit Kraft. Die Tauf im Waßer mied er nicht, Der Adam lieh sein Angesicht.

Vom Waßer kommt der Bäume Saft, Befruchtend giebt das Waßer Kraft Aller Kreatur der Welt, Vom Waßer wird das Aug erhellt,

Waßer giebt mancher Seele Schein, Daß kein Engel lichter möchte sein.“ Feirefiss zum Priester sprach: „Lindert es mein Ungemach,

So glaub ich was ihr mir befehlt. Wenn Ihre Minne mir nicht fehlt, So leist ich gerne sein Gebot. Bruder, an der Muhme Gott

Will ich glauben und an Sie (So große Noth empfand ich nie): Meinen Göttern all sei abgeschworen, Sekundille hat verloren

Jede Forderung an mich; Dem Gott der Muhme taufet mich.“ Da sprach man mit Handauflegen Ueber ihn der Taufe Segen.

Als der Heide die bekam Und dann die Pathengabe nahm, Was ihm nur zu lange währte, Die Maid wars, die man ihm verehrte:

Man gab ihm Frimutellens Kind. Den Gral zu schauen war er blind Gewesen vor der Taufe Feier: Gehoben jetzo war der Schleier,

Daß er den Gral mochte sehn. Als die Taufe war geschehn, Am Grale man geschrieben fand: Welchem Templer Gottes Hand

Fremdem Volk zu helfen aufgetragen, Verbieten soll' er dem, zu fragen Nach seinem Namen und Geschlechte So lang er ihnen Hülfe brächte.

Wenn sie die Frage nicht vermeiden, Muß er sich von ihnen scheiden. Seit der gute Anfortas So lang in bittern Schmerzen saß,

Weil die Frage nicht geschah so lange, Ist ihnen jetzt vor Fragen bange. All des Grales Dienstgesellen Darf man keine Frage stellen.

Der getaufte Feirefiss Sich der Bitte sehr befliß, Daß sein Schwager mit ihm fahre, Und sein reiches Gut nicht spare

Daheim bei ihm in Zaßamank. Doch abgelehnt mit großem Dank Ward sein Gesuch von Anfortasen: „Ich möchte nicht verderben laßen

Zu Gott den dienstbereiten Muth. Des Grales Krone war so gut, Durch Hochfahrt gieng sie mir verloren; Nun hab ich Demuth auserkoren:

Reichthum und Frauenminne Bleiben fern von meinem Sinne. Ihr führet heim ein edles Weib: Den Dienst wird euch ihr keuscher Leib

Mit holder Weiblichkeit belohnen; Derweil will ich mich hier nicht schonen, In meinem Orden Tjoste reiten Und im Dienst des Grales streiten.

Um Frauen streit ich nimmermehr: Meinem Herzen gab ein Weib Beschwer. Doch ich will sie nicht verklagen, Nicht Haß den Frauen tragen:

Sie leihen Freud und hohen Sinn, Erwarb ich selbst auch Ungewinn.“ Daß er die Mitfahrt ihm gewähre Bat bei seiner Schwester Ehre

Feirefiss ihn flehentlich; Doch mit Versagen wehrt' er sich. Feirefiss Anschewein Bat, daß Loherangrein

Mit ihm von dannen möchte fahren. Die Mutter wollt ihm nicht willfahren; Auch sprach da König Parzival: „Gewidmet ist mein Sohn dem Gral:

Dem muß er Herz und Dienste weihn, Will Gott ihm rechten Sinn verleihn.“ Noch großer Freud und Kurzweil pflag Feirefiss bis zum eilften Tag;

Am zwölften schied er hindann. Da wollte dieser reiche Mann Sein Weib zum Hafen führen Das muste schmerzlich rühren

Den getreuen Parzival. Ihm schuf der Lieben Abschied Qual. Er berieth sich mit den Seinen bald Und sandte mit ihm durch den Wald

Seiner Ritter große Schar. Anfortas der Degen klar Gab seinem Schwager das Geleit. Da sah man weinen manche Maid.

Sie sollten sich auf öden Wegen Gegen Karkobra bewegen. Dem, der dort als Burggraf saß, Entbot der werthe Anfortas,

Er würde jetzt gemahnt daran, Hab er reichlich zu empfahn Aus seiner Hand Geschenke, Daß er der Treue denke

Und seinen Schwager mit Geleit Führe manche Meile weit, Dazu sein Weib die Königin, Durch den Wald Läprisin

Bis zum Hafen an den Strand. Des Urlaubs Stunde war zur Hand. Nicht weiter fuhr mit ihm das Heer. Erwählt ward Kondrie la Sorzier

Als Botin ihm voranzureisen. Urlaub nahmen die Templeisen Alle von dem reichen Mann. So schied der Höfische hindann.

Den Burggraf, der nicht unterließ Zu thun wie ihn Kondrie hieß, Feirefiss, den reichen Mann Sah man ihn ritterlich empfahn

Und ihm gut Gemach ertheilen. Doch nicht lange durft er weilen, Er fuhr am Morgen weiter, Und viel Ritter als Geleiter.

Noch manches Land durchzog er da Bis er das Feld vor Joflanz sah. Sie fanden Leute noch genug Wo einst das Lager stand: da frug

Sie Feirefiss um Märe Wo das Heer geblieben wäre? Da hatten sie sich längst gewandt Ein Jeder heim zu seinem Land;

Artus gegen Schamilot. Der von Tribalibot Eilte sich nur desto mehr Nach dem Hafen an dem Meer.

Da hielten trauernd seine Scharen, Weil sie von ihm geschieden waren. Doch brachte neuen hohen Muth Seine Heimkehr manchem Ritter gut.

Der Burggraf von Karkobra Und all die Seinen wurden da Mit reichen Gaben heimgesandt. Neue Märe ward Kondrien bekannt:

Boten meldeten dem Heere Daß Sekundill gestorben wäre. Repans de Schoie wurde so Erst ihrer Reise wahrhaft froh.

In Indien gebar sie dann Einen Sohn, den man Johann, Später Priester Johannes hieß, Und der den Namen hinterließ

Den Köngen bis auf unsre Zeiten. Da ließ das Christenthum verbreiten Feirefiss in all den Landen, Die dort ihm zu Gebote standen:

Durch seine Pfleg erwuchs es da. Hier nennen wir es India, Doch heißt es dort Tribalibot. Durch Kondrie la Sorzier entbot

Feirefiss dem Bruder Märe, Wie es ihm ergangen wäre Seit Sekundillens Todesstunde. Gern hörte Anfortas die Kunde,

Daß seine Schwester ohne Zwist So weiter Lande Herrin ist. Wahrheit habt ihr von fünf Kindern Frimutels gehört, nicht mindern.

Davon sind zweie längst gestorben; Drei haben hohes Heil erworben. Schoisiane hieß die Eine, Die vor Gott der Falschheit reine;

Herzeleid die andre hieß, Die Falschheit aus dem Herzen wies. Schwert und ritterliches Leben Hat Trevrezent dahin gegeben

An die süße Gottesminne Und strebt nach ewigem Gewinne. Der klare Anfortas verband Das keusche Herz der kühnen Hand,

Indem er noch viel Tjoste ritt, Für den Gral und nicht um Frauen stritt. Zur Kraft erwuchs Loherangrin, Verzagtheit sah man von ihm fliehn;

Als er sich kühner That befliß War ihm Preis im Dienst des Grals gewiss. Hört weiter von dem jungen Helden. Von einer Fürstin laßt euch melden:

Der Falschheit ledig war ihr Muth; Erlaucht Geschlecht und reiches Gut Ihr angeartet waren, Man sah sie stäts gebahren

In reinem Wandel vor dem Herrn; Irdisch Verlangen blieb ihr fern. Es warben Herrn um sie genug; Mancher der die Krone trug,

Und Mancher der ihr Standsgenoß: Doch ihre Demuth blieb so groß, Daß sie jeder Werbung widerstand. Der Grafen viel aus ihrem Land

Schalten sie im Grolle: Worauf sie warten wolle, Daß sie den Mann nicht wähle, Dem sie Leut und Land befehle?

Auf Gott allein war ihr Verlaß, Geduldig trug sie Zorn und Haß. Sie hört' unschuldig sich verdammen: Ihre Fürsten rief sie da zusammen;

Die zogen weit und breit heran: Da verschwur sie jeden Mann, Den ihr Gott nicht zugesendet; Dessen Minne sei ihr Herz verpfändet.

Fürstin war sie in Brabant; Von Monsalväsche ward gesandt, Vom Schwan im Nachen hergebracht, Welchen Gott ihr zugedacht,

Und in Antwerpen ans Land gezogen; Sie war auch nicht an ihm betrogen: So wohl konnt er gebahren, Daß man ihn für den klaren,

An aller Mannheit reichen Lobpries in allen Reichen, Wo man sein Kunde je gewann. Züchtig und weis, ein höfscher Mann,

Freigebig ohne Aderschlag, Dem es an jedem Fehl gebrach. Da ihn die Fürstin wohl empfieng Vernehmt wie seine Red ergieng:

Im Kreiß versammelt hörte dort Arm und Reich des Fremdlings Wort. „Frau Herzogin,“ so hub er an, „Soll ich des Landes Kron empfahn,

So verlier ich anderwärts ein Reich. Diese Bitte stell ich euch: Fraget nimmer wer ich bin, So bleib ich bei euch fürderhin:

Werd ich zu eurer Frag erkoren, Meine Minne habt ihr bald verloren. Wollt ihr der Warnung nicht willfahren, So warnt mich Gott hinwegzufahren.“

Ihre Treue setzte sie zum Pfand (Der sie sich doch aus Lieb entband), Sie woll ihm zu Gebote stehn Und es nimmer übersehn

Was er sie leisten hieße, Wenn sie Gott bei Sinnen ließe. Der nächten ihre Minn empfand Hieß am Morgen Herzog von Brabant.

Bei der Hochzeit, die man reich begieng, Ein jeder Fürst von ihm empfieng Die Lehen, die er sollt empfahn. Ein gerechter Richter war ihr Mann,

Auch übt' er oftmals Ritterschaft Und behielt den Preis durch Muth und Kraft. Sie gebar ihm manches schöne Kind. Viel Leute noch in Brabant sind,

Die wohl wißen von den Beiden, Seinem Kommen, seinem Scheiden, Und wie lang er dort verblieb Bis ihr Fragen ihn vertrieb.

Er schied auch ungern hindann. Doch schwamm herbei sein Freund der Schwan Und nahm ihn in den Kahn an Bord. Zum Angedenken ließ er dort

Ein Schwert, ein Horn, ein Ringelein. Von hinnen fuhr Loherangrein. Diese Märe sagt' euch schon, Er war Parzivalens Sohn;

Der fuhr auf unbekannten Wegen Wieder heim, des Grals zu pflegen. Wie geschahs der edeln Herzogin? Was trieb den Herzensfreund ihr hin?

Daß sie nicht früge, war sein Rath, Als er vom See zu Lande trat. Hier sollte nun Herr Ereck sprechen, Der Bruch des Schweigens weiß zu rächen.

Daß von Troyes Meister Christian Dieser Märe Unrecht hat gethan, Wohl zürnen mag darum Kiot, Der uns die wahre Mär entbot.

Erschöpfend sagt der Provenzal, Wie Herzeleidens Sohn den Gral, Der ihm geordnet war, erwarb Als des Anfortas Heil verdarb.

Von Provenz ins deutsche Land Ward uns die rechte Mär gesandt Und der Aventüre letztes Ziel. Nicht mehr davon hier sprechen will

Ich Wolfram von Eschenbach Als dort davon der Meister sprach. Des Helden Kinder, sein Geschlecht Lehrt' ich euch erkennen recht;

Ihn selber bracht ich an den Ort, Wo Heil ihm blühet immerfort. Wes Leben so sich endet, Daß Gott nicht wird gepfändet

Der Seele durch des Leibes Schuld, Und er dennoch sich die Huld Der Welt erhielt mit Würdigkeit, Der blieb vom rechten Ziel nicht weit.

Mich sollten billig gute Frauen, Verständge, desto lieber schauen, Wenn noch ein Weib mir freundlich lacht, Weil ich dieß Werk zum Schluß gebracht.

Geschah das einer Frau zu Ehren, Die soll mir süßen Dank gewähren.

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