Wer ihm nun Schlummer nähme, Wenn jetzt ihm Schlummer käme, Der würde sich versündigen. Wir hörten uns verkündigen
Welche Drangsal er bestanden, Wie seinen Preis viel Landen Kund that seines Kampfes Noth. Was der werthe Lanzelot
Auf der Schwertbrücke litt Und als er Meljakanz bestritt, Das vergleicht sich diesen Schrecken nicht, Noch was man von Garelle spricht,
Dem reichen König unverzagt, Der es ritterlich gewagt, Den Leu zu werfen vor den Saal Zu Nantes, vor den Herren all.
Das Meßer holte auch Garell; Doch büßt' es schwer der Degen schnell In der marmornen Säule. Trüg ein Maulthier die Pfeile,
Es wär ihm allzuschwere Last, Die Gawan der muthge Gast Auf sein Herz abschnurren ließ, Wie ihn seine Kühnheit hieß.
Ligweiß Prellius die Furt, Und Erecks Noth, der Schoidelakurt Von Mabonagrein erstritt, Schuf nicht solch Leid, wie Gawan litt,
Auch Iweins nicht (der stolze Degen Ließ den Guß nicht unterwegen Auf der Aventüre Stein): Fügt in Eins all diese Pein,
Noch größre Noth bestand Gawan, Wer Ungemach ermeßen kann. Welche Noth mag ich nun meinen? Wills nicht zu früh euch scheinen,
So mach ich euch bekannt damit. Orgeluse kam mit schnellem Schritt In Gawanens Herz gegangen, Wo er Zagheit nie empfangen,
Nur hohen Muth und kühnen Sinn. Wie geschahs, wie barg sich drin Die große Frau in kleiner Statt? Sie kam so einen engen Pfad
In Gawans beklommnes Herz, Daß all sein übriger Schmerz Neben dieser Noth verschwand. Es war doch eine niedre Wand,
Die solch hohes Weib verdeckte, Der zu dienen nichts erschreckte Sein dienstliches Wachen. Niemand soll drüber lachen,
Daß also wehrhaften Mann Ein Weib so überwinden kann. Alle Welt, was soll das sein? Nun lehrt der Minne Zorn ihn Pein,
Der hohen Preis sich hat erjagt. Wehrlich und unverzagt Hat sie ihn doch befunden. Gewalt zu thun dem Wunden,
Kanns ihrer Ehre frommen? Sollt ihm zu Gute nicht kommen, Daß sie ihn bei voller Kraft Wider Willen zwang in ihre Haft?
Frau Minne, wollt ihr Preis erjagen, So laßt bescheidentlich euch sagen, Ehre kann euch dieß nicht bringen. Da Gawan in allen Dingen
That nach eurer Huld Gebot, Desgleichen auch sein Vater Lot, Und all sein mütterlich Geschlecht Euch zu Diensten war gerecht
Schon seit jenem Mazadan, Welchen gegen Feimorgan Terredelaschoi entführte, Da eure Macht sein Herz berührte.
Von Mazadans Nachkommen, Hat man noch stäts vernommen, Daß Keiner jemals von euch ließ. Ither auch von Gahevieß
Hat euer Wappenkleid getragen: Hört' eine Frau nur von ihm sagen, Die bedachte sich nicht lang, Auf seines Namens bloßen Klang
Sich überwunden zu gestehn: Wie jene denn, die ihn gesehn? Der war frohe Zeit gekommen. An dem ward euch viel Dienst benommen.
Nun gebt Gawanen auch den Tod Wie seinem Vetter Ilinot, Den eure Macht so lange zwang, Bis der Junge, Süße rang
Nach der Liebsten günstgem Blick; Florie wars von Kanedick. Früh must er seine Heimat fliehn; Ihn erzog die Königin;
Er sah Britannien nicht mehr. Mit Minne lud sie ihn so schwer, Es trieb ihn auch aus Ihrem Land. Zuletzt in ihrem Dienste fand
Man ihn todt; ihr habts vernommen. Gawans Geschlecht ist oft gekommen Durch Minn in herzliche Beschwer. Ich nenn euch seiner Vettern mehr,
Denen auch von Minne wurde weh. Wie zwang der blutige Schnee Parzivals getreuen Sinn? Das schuf sein Weib, die Königin.
Galoes und Gahmureten Habt ihr zu Boden so getreten, Daß sie auf der Bahre lagen. Itonjê die junge muste tragen,
Die schöne Schwester Gawans, Mit Treuen um Roi Gramoflanz Der Minne peinlichen Streit. Frau Minne, schuft ihr nicht auch Leid
Sürdamur um Alexandern? Dem Einen wie dem Andern, Die Gawanen zum Verwandten hatten, Wolltet ihr es nie gestatten
Eure Feßel nicht zu tragen: Nun wollt ihr Preis an Ihm erjagen. Ihr solltet Kraft der Kraft erwiedern Und ließet Gawan frei, den Biedern.
Ihn schmerzen noch die Wunden: Bezwingt erst die Gesunden. Schon Mancher viel von Minne sang, Den Minne nie so sehr bezwang;
Ich möcht es in Geduld ertragen: Verliebte Herzen solltens klagen Wie ihr Den von Norweg schlagt in Banden; Die Aventür hatt er bestanden:
Da traf den Armen allzubitter Der Minne schauriges Gewitter. „Weh,“ sprach er, „daß zur Ruhestätte Mir ward dieß ruhelose Bette!
Das eine hat mich wund gemacht; Das andre quält mir über Nacht Mit Liebessehnen Herz und Sinn. Orgelus die Herzogin
Muß Genad an mir begehn, Soll ich noch frohe Tage sehn.“ Wie er vor Ungeduld sich wand, Zerriß ihm mancher Wundverband.
In solchem Ungemache lag Der Held, bis ihn beschien der Tag: Den hatt er unsanft erharrt. Ich weiß, daß oft ihm wohler ward
In manchem scharfen Schwerterstreit, Als heut in seiner Ruhezeit. Soll ein Leid an seines reichen, Will seins ein Minner ihm vergleichen,
Von Minne werd er erst gesund, Und dann wie Er von Pfeilen wund: Das schmerzt vielleicht ihn schon so sehr Als all sein Liebesschmerz vorher.
Gawan trug Minn und andre Noth. Da schien des Tages Morgenroth, Daß seiner großen Kerzen Schein Schier verdunkelt muste sein.
Vom Bette sprang der Weigand: Da war all seine Leinewand Von Blut und Eisenrost befleckt. Doch war ein Stuhl für ihn bedeckt
Mit Hos und Hemd von Buckeram: Dem Wechsel war er gar nicht gram. Dann war ein Marderhut bereit, Von gleichem Pelz ein Unterkleid;
Darüber kam ein weit Gewand Von Zeuch aus Arras hergesandt. Zwei Stiefeln standen auch dabei, Nicht zu eng, doch schön und neu.
Die neuen Kleider legt' er an: Da schritt mein Herr Gawan Zu des Zimmers Thür hinaus. Nun gieng er hin und her im Haus,
Bis er den reichen Pallas fand. Sein Auge hatt in keinem Land Solche Pracht noch erschaut, Wie hier verwandt war und verbaut.
Zu einem Bau von mäßger Weite Giengs auf im Saal an Einer Seite: Stufen führten in der Runde Zu der herrlichen Rotunde.
In Ihr stand eine Säule stolz, Nicht etwa aus faulem Holz, Nein schön und licht, dabei so stark Und groß, der Frau Kamille Sarg
Hätte wohl darauf gestanden. Aus Feirefißens Landen Brachte Klinschor der weise Was hier prangt im Kreise.
Runder sah man Zelte nie. Einem Meister der Geometrie, Der es schaffen wollen, Hätte Kunst gebrechen sollen:
Geschaffen hatt es Zauberlist. Diamant und Amethist (Die Märe hat es uns verrathen), Topasen und Granaten,
Chrysolithen und Rubinen, Smaragden und Sardinen Schmückten alle Fenster reich. Weit und hoch, den Säulen gleich,
Die sich zwischen Fenstern hoben, War verziert die Decke droben. Doch keine Säule zeigte sich, Die der großen Säule glich,
Die in des Raumes Mitte stund: Die Aventüre thut uns kund, Viel Wunder zeigte sich daran. Schaulustig stieg Herr Gawan
Auf dieß Warthaus allein Zu manchem kostbaren Stein. Da fand er Wunder übergroß, Daß ihn des Schauens nicht verdroß.
Ihn däuchte, daß er Fern und Nähe In der großen Saul gespiegelt sähe. Die Länder drehten sich im Kreise, Es drängten wie in Kampfesweise
Die großen Berg einander. In der Säule fand er Leute reiten, Leute gehn, Diesen laufen, jenen stehn.
In ein Fenster setzte sich Gawan Und sah das Wunder staunend an. Da kam die alte Arnive Mit ihrer Tochter Sangive
Und ihren beiden Enkelinnen: Ihm nahten die vier Königinnen. Gawan sprang auf, als er sie sah. Arnive sprach, die alte, da:
„Herr, ihr solltet noch der Ruhe pflegen. Wollt ihr der Ruh euch schon begeben, Ihr seid dazu noch allzuschwach; Ihr braucht nicht neues Ungemach.“
Da sprach er: „Frau und Meisterin, Mir hat so viel Kraft und Sinn Eure Kunst zurückgegeben, Ich wills euch danken all mein Leben.“
Die Köngin sprach: „War es nicht Tand, Daß ihr mich Meisterin habt genannt, So laßt es durch die That mich schauen, Indem ihr küsset diese Frauen.
Ihr könnt nicht Schimpf davon gewinnen: Sie sind geborne Königinnen.“ Dieser Bitte freut' er sich: Die Frauen küsst' er minniglich,
Sangiven erst, dann Itonjê Und die süße Kondriê; Selbfünfter setzt' er dann sich nieder; Prüfend blickt' er hin und wieder
Auf der Jungfraun klaren Leib. Doch bewirkte das ein Weib, Die in seinem Herzen lag, Daß all ihr Glanz ein Nebeltag
Ihm gegen Orgeluse war. Ihm schien so minniglich und klar Von Logrois die Herzogin, Sie benahm ihm Herz und Sinn.
Nun, auch dieß war abgethan: Mit Kuss empfangen war Gawan Von den Frauen allen drein. Die trugen also lichten Schein,
Es mochte wohl ein Herz verwunden, Das nicht für Andre schon empfunden, Seine Meisterin frug er da, Nach der Säule, die er vor sich sah,
Daß sie ihm sagte Märe, Wie es damit doch wäre. Da sprach sie: „Herr, dieser Stein Warf bei Tag und Nacht den Schein,
Seit er zuerst mir ward bekannt, Sechs Meilen weit umher im Land, So daß man drin gespiegelt sah Was binnen diesem Raum geschah
Auf dem Waßer, auf dem Felde: Von allem giebt er Melde. Den Vogel wie das Säugethier, Den Gast und Den vom Waldrevier,
In seinem Spiegel schauet man Den heimschen wie den fremden Mann. Sein Schimmer reicht sechs Meilen weit; Er hat auch solche Festigkeit,
Von seiner Stelle rückte, Wie er Hau und Hammer zückte, Ihn nicht der allerstärkste Schmied. Er ward geraubt zu Thabronit
Der Königin Sekundille, Denn gewiss wars nicht ihr Wille.“ In der Säule sah Gawan Da einen Ritter heran
Reiten mit einer Frauen: Die mocht' er deutlich schauen. Die Frau bedäucht ihn schön und klar, Mann und Ross gewappnet war,
Und der Helm schön verziert. Sie kamen hastig galoppiert Durch den Hohlweg auf den Plan: Seintwegen ward ihr Ritt gethan.
Die beiden ritten aus dem Holze Die Straße, wie Lischois, der stolze, Den er vom Ross tjostierte. Die schöne Fraue führte
Den Ritter an dem Zaume her: Tiostieren wollt auch Er. Zum Fenster kehrt sich Gawan um, Nicht mindert sich sein Leid darum.
Die Säule hatt ihn nicht betrogen: Denn dort sieht er ungelogen Orgelusen de Logrois Und einen Ritter kurtois
Reiten auf den Kampfeswasen. Wie die Nieswurz in der Nasen Scharf wirkt und strenge, So in des Herzens Enge
Fuhr ihm die Herzogin mit Pein Durch die Augen oben ein. Weh, ein hülfloser Mann Ist gegen Minne Herr Gawan.
Als er den Ritter kommen sah, Zu seiner Meisterin sprach er da: „Dort fährt ein Ritter einher, Herrin, mit gezücktem Sper.
Er will sich Suchens unterwinden: So soll er was er sucht denn finden. Da er Ritterschaft begehrt, So sei ihm Streit von mir gewährt.
Doch welche Frau geleitet ihn?“ Sie sprach: „Es ist die Herzogin Von Logrois, das schöne Weib. Wem will sie feindlich an den Leib?
Den Türken seh ich mit ihr kommen, Von dem man immer hat vernommen, Sein Herz sei kühn und unverzagt. Er hat mit Speren Preis erjagt,
Es zierte dreifach wohl ein Land. Wider seine starke Hand Sollt ihr noch Kampf vermeiden: Ihr mögt nicht Kampf erleiden,
Ihr seid zum Kampf noch allzuwund. Und wärt ihr völlig auch gesund, Ich rieth' euch Kampf mit Ihm nicht an.“ Da sprach mein Herr Gawan:
„Ihr sagt mir, daß ich Herr hier wäre: Wer denn wider meine Ehre Ritterschaft hier suchen kommt, Heraus, wofern ihm Kämpfen frommt!
Frau, laßt mich meine Rüstung sehn.“ Groß Weinen sah man da geschehn Von den Frauen allen vieren. Sie sprachen: „Wollt ihr zieren
Euern Ruhm mit neuem Preise, So kämpft in keiner Weise. Fändet ihr vor ihm den Tod, Schrecklich wüchs erst unsre Noth.
Und ob ihr Ihm das Leben nähmt, Wenn ihr in den Harnisch kämt, Stürbt ihr an den alten Wunden: Uns würde nimmer Heil gefunden.“
Gawan mit großem Kummer rang, Ihr hört wohl selber was ihn zwang. Als Beschimpfung hatt er aufgenommen Des kühnen Türkowiten Kommen;
Ihn schmerzten auch die Wunden sehr Und die Minne noch viel mehr, Dazu der Jammer dieser Frauen; Denn ihre Güte war zu schauen.
Er bat, daß sie das Weinen mieden; Sein Mund begehrte doch entschieden Harnisch, Ross und Schild und Schwert. Die vier klaren Frauen werth
Wollten in den Saal ihn bringen. Er bat sie; daß sie vor ihm giengen Hinab, wo die andern waren, Die süßen und die klaren.
Als Gawan zu seiner Fahrt Von den Fraun gewappnet ward, Lichte Augen weinten da; Obwohl es so geheim geschah,
Daß es Niemand erfuhr Als der gute Krämer nur, Der sein Ross befahl zu streichen. Hinaus sah man den Helden schleichen,
Wo Gringuljet das Ross ihm stund. Doch war er noch so schwach und wund, Daß er den Schild mit Mühe trug; Durchlöchert war der auch genug.
Da schwang sich Herr Gawan zu Ross Und wandte sich von dem Schloß Zu seines treuen Wirthes Haus, Der ihm willig überaus
Alles gab was sein Begehr. Von ihm empfieng er einen Sper Unbeschabt und wohl zu loben. Er hatte manchen aufgehoben
Jenseits auf seinem Wiesenplan. Da bat ihn mein Herr Gawan: „Schafft mich hinüber balde.“ In einer breiten Schalde
Fuhr der ihn über an den Strand, Wo er den Türkowiten fand, Den werthen Helden hochgemuth. Der war vor Schand in solcher Hut,
Daß Niemand Tadel an ihm fand; Auch ward der Preis ihm zuerkannt: Wer eine Lanze mit ihm brach, Daß der hinterm Rosse lag
Von seiner Tjost mit jähem Fall. Also hatt er sie noch all, Die wider ihn geritten, Mit Tjosten überstritten.
Auch gab sich aus der Degen werth, Mit der Lanze wollt er, sonder Schwert, Hohen Preis erwerben Oder seinen Preis verderben:
Und wer den Preis erränge, Daß er vom Ross ihn schwänge, Dem wollt er sich nicht weiter wehren, Er wollt ihm Sicherheit gewähren.
Das erfuhr Herr Gawan Von dem, der manches Pfand gewann. Plippalinot nahm also Pfand: Ward ihm bei der Tjost bekannt,
Daß Einer fiel, der Andre saß, So empfieng er ohne Beider Haß Des Verlust und des Gewinn: Das ist das Ross, das zog er hin
Gleichviel, ob sie sich satt geritten. Wer sich Preis, wer Schmach erstritten, Das entschieden ihm die Frauen; Die mochten manchen Zweikampf schauen.
Den Held er fest zu sitzen bat, Er zog das Ross ihm ans Gestad, Er bot den Schild ihm und den Sper. Nun fuhr der Türkowit einher
Galoppierend wie ein Mann, Der seine Tjost wohl meßen kann, Nicht zu hoch und nicht zu tief. Hurtig ihm entgegenlief
Von Monsalväsche Gringuljet, Das nach Gawans Willen thät, Wie der Zaum ihm Weisung gab: So lief es auf den Plan im Trab.
Hurtig, tiostiert geschwind! Einher fährt König Lotens Kind Kühn und unerschrocken itzt. Wißt ihr, wo die Helmschnur sitzt?
Da traf ihn hin der Türkowite. Gawan lehrt' ihn andre Sitte, Er traf ihn durch des Helms Visier. Offenkundig ward es hier
Wer der Besiegte wäre. An dem kurzen starken Spere Empfieng den Helm Herr Gawan: Fort ritt der Helm, dort lag der Mann,
So lang der Mannheit Blume, Bis er hier zu Gawans Ruhme Das Gras gedeckt mit jähem Fall, Daß seines Helmschmucks Zierden all
Im Thau mit Blumen stritten. Gawan kam hingeritten, Wo er Sicherheit von ihm gewann. Da sprach das Ross der Fährmann an:
Das war sein Recht: wer streitet drum? „Ihr freut euch (wißt ihr auch warum?)“ Sprach Orgelus die Schöne, Daß sie Gawanen höhne,
„Weil des starken Löwen Fuß Euch im Schilde folgen muß; Und wollt hier neuen Preis empfahn, Da diese Frauen alle sahn
Wie ihr tiostieren könnt: Sei euch die Freude denn gegönnt Wohl dankt ihrs billig euerm Heil, Daß sich an Euch das Lit merveil
So wenig hat gerochen. Zwar ist euer Schild zerbrochen, Als wär euch doch, was Streit heißt kund. Ihr seid gewiss auch schon zu wund
Der Lanzen mehr zu brechen: Blutlaßen möcht euch schwächen. Gleicht euer Schild nun einem Sieb, So ists euch rühmenshalber lieb,
Daß ihn so mancher Pfeil zerbrach. Flieht klüglich neues Ungemach Nach so viel Schüßen, so viel Pfeilen: Laßt euch erst den Finger heilen.
Reitet wieder zu den Frauen: Wie dürftet ihr euch wohl getrauen Neuen Kampf noch zu bestehn, Wär euch selbst zum Lohn ersehn
Meiner Minne Gewinn?“ Da sprach er zu der Herzogin: „Herrin, meine Wunden Haben Hülfe schon gefunden.
Wenn Ihr mir nun zu Hülfe kämt, Daß ihr meine Minne nähmt, So kennt' ich nicht so große Nöthe, Darin ich euch nicht Dienste böte.“
Sie sprach: „Ich laß euch reiten (Neuen Preis zu erstreiten) Neben mir, geliebt es euch.“ Aller Freuden ward da reich
Der stolze werthe Gawan. Den Türken sandt er gleich hindann Mit seinem Wirth Plippalinot, Durch den er auf der Burg entbot,
Es möchten gütig seiner wahr Nehmen dort die Frauen klar. Gawans Sper war ganz geblieben, Wie heftig sie zum Kampf getrieben
Die Rosse mit der Schenkel Kraft. In seiner Hand führt' er den Schaft Von der blühnden Aue. Wohl weinte manche Fraue,
Die ihn von dannen reiten sah. Arnive sprach, die Königin, da: „Unser Trost traf eine Wahl Den Augen süß, des Herzens Qual.
Wir sehn ihn folgen mit Verdruß Gen Ligweiß Prelljus Orgelus der Herzogin. Seinen Wunden bringt es Ungewinn.“
Vierhundert Frauen sah man klagen; Hin ritt er, neuen Preis erjagen. Wie schwer er noch verwundet war, Der Noth vergaß er ganz und gar
Ueber Orgelusens Glanz. Sie sprach: „Ihr sollt mir einen Kranz Von eines Baumes Reise Holen. Seht ich preise
Euch um die That, wollt ihrs mir gewähren: Meine Minne dürft ihr dann begehren.“ Da sprach er: „Herrin, wo das Reis Auch stehe, das so hohen Preis
Mir soll zum Heile tragen, Daß ich, Frau, euch dürfe klagen Erhörung hoffend meine Noth, Ich brech es, wehrt mirs nicht der Tod.“
Wohl standen da viel Blumen licht, Doch glichen sie der Farbe nicht, Die er an Orgelusen sah. Gedacht' er ihrer, ihm geschah
So wohl, sein altes Ungemach Ließ mit allen Schmerzen nach. So ritt sie mit dem Gaste Von der Burg wohl eine Raste,
Grad war die Straße und geraum, Vor eines grünen Waldes Saum. Tämris und Prisin Waren all die Bäume drin;
Man nannt ihn nur den Klinschors-Tann. Da sprach der kühne Held Gawan: „Wo brech ich, Herrin, nun den Kranz, Von dem mein wundes Herz wird ganz?“
Was stieß er sie nicht nieder, Wie es wohl hin und wieder Geschehn ist schönen Frauen? Sie sprach: „Ich laß euch schauen
Wo ihr Preis erwerbt zur Stunde.“ Feldüber tiefem Schlunde So nahe ritten sie heran, Daß sie den Baum des Kranzes sahn.
Sie sprach zu ihm: „Herr, jenen Stamm, Den heget Der mir Freude nahm: Bringt ihr mir davon ein Reis, So ward um Minne höhrer Preis
Nie einem Ritter zum Gewinn.“ Also sprach die Herzogin. „Ich kann nicht weiter mit euch reiten; Wollt ihr fürbaß, mög euch Gott geleiten:
So dürft ihrs länger nicht verhängen: Das Ross von dieser Höhe sprengen Müßt ihr nach kühnen Herzens Schluß Ueber Ligweiß Prellius.“
Stille hielt sie auf dem Plan; Weiter ritt Herr Gawan. Da vernahm er jähen Waßers Fall: Durchbrochen hatt es sich ein Thal
Weit, tief, schier unzugänglich. Da nahm Gawan nicht bänglich Das Ross mit Schenkeln und mit Sporen: So triebs der Degen wohlgeboren,
Daß es jenseits das Gestad Mit zweien Füßen betrat. Nach dem Sprunge stürzte Ross und Mann; Die Herzogin sahs weinend an,
Voll und reißend gieng die Flut; Gawanen kam die Kraft zu gut, Doch drückt' ihn seiner Rüstung Last. Da sah er eines Baumes Ast
Ragen zwischen Felsenriffen: Der Starke hat ihn bald ergriffen, Denn er lebte gern noch mehr. An seiner Seite schwamm sein Sper:
Den ergriff der Weigand Und stieg hinauf an das Land. Gringuljet schwamm auf und nieder: Ihm hülfe gern der Degen bieder;
Doch wie der Strom es mit sich riß Folgt' er nicht ohne Hinderniss. Schwer drückt der Harnisch, den er trug; Wunden hat er auch genug.
Nun trieb es ihm ein Wirbel her, Daß ers erreichte mit dem Sper Hier, wo der Regen weiten Fluß Gebrochen hatte seinem Guß
Durch einer tiefen Halde Saum. Des gespaltnen Ufers Raum Kam dem armen Ross zu gut: Mit dem Sper zog ers aus der Flut
So nahe zu sich an den Strand, Daß den Zaum ergriff des Helden Hand. So zog mein Herr Gawan Das Ross hinaus auf den Plan.
Es schüttelte sich: der Schild glitt nieder. Er gürtete dem Rosse wieder Und nahm den Schild an seinen Arm. Wen nicht grämen will sein Harm,
Den tadl ich nicht; doch hatt er Noth: Das schuf der Minne streng Gebot. Der schönen Orgeluse Glanz Trieb den Degen nach dem Kranz.
Doch verwegen war die Fahrt: Der Baum war also bewahrt, Es müsten um den Kranz ihr Leben Seinesgleichen Zwei wohl geben:
Ihn hegte König Gramoflanz. Gawan brach jedoch den Kranz. Jenes Waßer hieß Sabins. Gawan holte bittern Zins
Als er drein fiel mit dem Pferde. Wie hold sich Orgelus gebehrde, Ich ränge nicht nach ihrer Minne: Ich weiß zu wohl was ich beginne.
Als das Reis sich Gawan brach, Und der Kranz ward seines Helmes Dach, Da ritt zu ihm ein Ritter kühn: Den sah er in den Jahren blühn,
Nicht zu jungen, noch zu alten. Ihn lehrte Hochmuth solch Verhalten; Wie viel zu Leid ihm ward gethan, Doch stritt er nicht mit Einem Mann:
Es musten Zwei sein oder mehr. Sein stolzes Herz war so hehr, Was ihm Einer that zu Leid, Darum erhob er keinen Streit.
Le fils dü Roi Irot Gawanen guten Morgen bot; Das war der König Gramoflanz. Da sprach er: „Herr, auf diesen Kranz
Hab ich noch nicht ganz verzichtet. Mein Gruß hätt anders euch berichtet, Wenn eurer zweie wären, Die ihren Preis zu mehren
Sich kühnlich unterfangen, Meines Baums ein Reis zu langen. Die sollten mir zu Rede stehn: So aber muß ich es verschmähn.“
Ungern auch Gawan mit ihm stritt, Da der König wehrlos ritt; Doch trug der Sperverderber Einen jährigen Sperber:
Der stand auf seiner weißen Hand: Itonje hat ihn ihm gesandt, Gawanens holde Schwester. Ein Pfaunhut von Sinzester
Wars, der ihm zu Haupte saß, Von Sammet grün wie das Gras War der Mantel den er führte; Vom Pferde hangend rührte
Rechts und links die Erde schier Des Hermelinbesatzes Zier. Nicht zu groß, doch stark genug War das Pferd, das ihn trug,
Um Pferdesschöne nicht betrogen, Am Zaum aus Dänmark hergezogen; Oder kam es auf dem Meer? Der König ritt ohn alle Wehr;
Auch sein Schwert führt' er nicht. „Von Kampf giebt euer Schild Bericht,“ Sprach der König Gramoflanz, „Wenig blieb des Schildes ganz:
Durch solchen Kampf ward euch zu Theil, Seh ich wohl, das Lit merveil.“ Ihr habt das Abenteur vollbracht, Das mir wurde zugedacht,
Wenn auch Klinschor immerdar, Der weise, mir befreundet war, Und ich mit Ihr nur kriege, Die durch der Minne Siege
Hat die Oberhand behalten. Sie läßt den Zorn noch schalten Wider mich. Auch zwingt sie Noth: Cidegasten schlug ich todt,
Selbvierten, ihren werthen Mann. Sie selber führt ich so hindann. Ich bot die Kron ihr, bot mein Land; Doch wie ihr Dienst bot meine Hand,
Haß bot ihr Herz mir immerdar. So hielt ich flehend sie ein Jahr Und konnte Minne nicht erjagen. Ich muß mein Herzeleid euch klagen:
Ich weiß, daß sie euch Minne bot, Weil Ihr hier sinnt auf meinen Tod. Wärt ihr selbander nun gekommen, Mir das Leben hättet ihr benommen,
Oder Ihr wärt beid erstorben: Den Lohn hätt Euch ihr Dienst erworben. „Doch jetzt nach andrer Minne geht Mein Herz, das Euch um Gnade fleht,
Da ihr zu Terre merveile seid Geworden Herr. Durch kühnen Streit Habt ihr dort den Preis behalten. Laßt ihr nun Güte walten,
So helfet mir bei einer Magd, Nach der mein Herz sich sehnend klagt. Sie ist König Lotens Kind: Alle die auf Erden sind,
Zwangen nimmer mich so sehr. Sie sandte mir ihr Kleinod her. Gelobt von mir der schönen Maid Getreue Dienstbeflißenheit.
Wohl hoff ich auch, sie ist mir hold; Sie hat mir Noth genug gezollt: Seit Orgelus die Herzogin Mit feindseliger Worte Sinn
Ihre Minne mir versagte, Wenn ich Preis seitdem erjagte, So ward mir nimmer wohl noch weh, Als um die schöne Itonjê.
Leider sah ich sie noch nicht. Wenn eure Gunst mir Trost verspricht, So bringt dieß kleine Ringelein Der klaren süßen Herrin mein.
Kampf findet ihr hier nicht fürwahr, Ihr kämet denn in größrer Schar, Zu zweien oder mehren gleich. Wie ehrt' es mich, erschlüg ich euch,
Oder erzwänge Sicherheit Von euch? stäts mied ich solchen Streit.“ „Ich dächte doch,“ sprach Herr Gawan, „Ich wäre ein wehrlicher Mann.
Wenn Ihr damit nicht Preis erjagt, So ihr im Zweikampf mich erschlagt, So mehrt es auch nicht meinen Preis, Daß meine Hand sich brach dieß Reis.
Aber ehrt' es mich wohl sehr Erschlüg ich hier euch ohne Wehr? Euer Bote will ich sein: Gebt mir her das Ringelein
Und laßt mich euern Dienst ihr sagen Und eures Herzens sehnlich Klagen.“ Der König nahm es dankend an. Da frug ihn aber Gawan:
„Da ihr mit mir verschmäht den Streit, So sagt mir, Herr, wer ihr seid?“ „Euch ists mit Nichten lästerlich,“ Sprach Gramoflanz, „ich nenne mich:
Mein Vater hieß Irot; Den erschlug der König Lot. Ich bin der König Gramoflanz. Meines Herzens Muth war stäts so ganz,
Daß ich zu keinen Zeiten Wegen Kränkung mochte streiten, Die mir that ein einzger Mann. Von Einem nur, er heißt Gawan,
Hab ich so viel Preis vernommen, Mit ihm zu streiten würd ich kommen. So wird mein altes Leid gerochen: Sein Vater hat die Treu gebrochen,
Im Gruß er meinen Vater schlug. Zu rächen hab ichs Grund genug. Dieweil ist Lot gestorben; Doch Gawan hat erworben
Solchen Preis aus aller Munde, Daß Niemand an der Tafelrunde Sich seinem Preis vergleichen mag. Mit kommt zum Kampf mit ihm der Tag!“
Da versetzte König Lotens Kind: „Zeigt ihr so euch holdgesinnt Eurer Freundin, wenn sie's ist, Daß ihr so arge Hinterlist
Mögt von ihrem Vater sagen, Und ihr den Bruder wollt erschlagen? So ist sie eine üble Magd, Wenn ihr der Brauch an euch behagt.
Kennt ihr der Tochter, Schwester Pflicht, So nimmt sie scharf euch ins Gericht, Daß ihr entsaget solchem Haß. Wie stünde euerm Schwäher das,
Hätt er die Treu gebrochen? Habt ihrs als Eidam nicht gerochen, Wie ihr dem Todten sprachet Hohn? So erkühnt es sich der Sohn:
Keine Müh wird ihn verdrießen; Und soll er nicht genießen Dabei der Schwester Beistand, So beut er selber sich zum Pfand.
Herr, ich heiße Gawan: Was euch mein Vater hat gethan, Das rächt an Mir, denn Er ist todt. Gern will ich, eh ihm Schande droht,
Hab ich würdigliches Leben, Es euch im Kampf zu Geisel geben.“ Der König sprach: „Seyd Ihr der Mann, Dem ich ungesühnten Haß gewann,
So ist mir eure Würdigkeit Beides, lieb und auch leid. Ein Ding gefällt mir an euch wohl: Daß ich mit euch streiten soll.
Euch trägt es hohen Preis schon ein, Daß ich versprach, mit euch allein Woll ich zum Kampfe kommen. Uns wirds zum Preise frommen,
Wenn wir edle Frauen Unsern Kampf laßen schauen. Fünfzehnhundert bring ich dar; Ihr habt auch eine kleine Schar
Dort zu Schatel merveil. Andre bringt zu Euerm Theil Artus euer Oheim mit Aus dem Land, das er erstritt
Und das Löver ist genannt. Euch ist wohl die Stadt bekannt Bems an der Kroka? All sein Ingesind ist da,
So daß er nach dem achten Tag Von heut mit Freuden kommen mag. Von heut am sechszehnten Tage Komm ich zur Sühnung alter Klage
Auf den Plan von Joflanze, Und weil ihr grifft nach diesem Kranze.“ Obwohl der König Gawan bat: „Folgt mir nach Roschsabins der Stadt,
Keine andre Brücke trefft ihr an,“ Doch entgegnet' ihm Gawan: „Ich will nicht anders hin als her; Sonst thu ich willig eur Begehr.“
Sie gaben sich Fianze, Daß sie gen Joflanze Mit Rittern und mit Fraungeleit Beide kämen zu dem Streit
Und dem benannten Tagedinge, Sie Zwei allein zu Einem Ringe. Also schied mein Herr Gawan Für heute von dem kühnen Mann.
Mit dem Kranze, der den Helm ihm zierte, Der Ritter freudig galoppierte. Er verhieng dem Ross den Zaum Und spornt' es an des Ufers Saum.
Gringuljet nahm bei Zeit Dießmal seinen Sprung so weit, Daß nicht zu Falle kam der Degen. Ihm ritt die Herzogin entgegen,
Als auf das grünende Feld Gesprungen war vom Ross der Held, Weil ihm der Gurt war losgegangen. Huldigend ihn zu empfangen
Eilends auf das thauge Grün Sprang die reiche Herzogin. Zu seinen Füßen warf sie sich Und sprach: „Herr, solcher Noth, wie ich
Zu meinem Dienst von euch begehrt, Ward nimmer meine Würde werth. Nun schafft mir solches Herzeleid Eurer Mühsal Fährlichkeit,
Wie um den geliebten Mann Ein getreues Weib nur fühlen kann.“ „Frau,“ sprach er, „wenn dieß Wahrheit ist Grüßt ihr mich ohne Hinterlist,
So naht ihr euch dem Preise. Ich bin doch wohl so weise: Soll der Schild sein Recht empfangen, So habt ihr euch an ihm vergangen.
Des Schildes Amt ist hoher Art, Und immer blieb vor Spott bewahrt Wer es mit Ehren hat getragen. Frau, geziemt es mir zu sagen,
Wer mich gesehen hat dabei, Der gestand, daß ich ein Ritter sei. Das wolltet Ihr nicht zugestehn, Da ihr zuerst mich habt gesehn.
Das laß ich ruhn: nehmt hin den Kranz. Doch mög euch eurer Schönheit Glanz Nicht verleiten mehr, so bitter Mitzuspielen einem Ritter.
Eh ich ertrüge solchen Hohn Entsagt ich wohl dem Minnelohn.“ Mit herzlichem Weinen Sprach die Schöne zu dem Reinen:
„Wenn ich die Noth euch klage, Die ich, Herr, im Herzen trage, Ihr gesteht, daß ich unselig bin. Zeig ich Wem unholden Sinn,
Er mag es billig mir verzeihn. Nie büß ich wieder so viel ein An Freuden, gegen die verlornen An Cidegast, dem auserkornen.“
„Mein süßer Freund, schön und klar, Sein Preis so durchleuchtig war, Er rang nach Würdigkeit so sehr, Daß ihm dieser so wie Der,
Die je in unsern Tagen Einer Mutter Schooß getragen, Gestand, mit Seiner Würdigkeit Wage Niemands Preis den Streit.
Er war ein Quellborn der Tugend: In unerschöpflicher Jugend Litt er des Falsches Trübung nicht. Aus der Finsterniss zum Licht
Hatt er sich hervorgethan, Und trug den Preis so hoch hinan, Daß Niemand ihn erreichte, Den Falschheit je erweichte.
Sein Preis war hoch emporgetrieben, Daß all die andern drunten blieben, Aus seines Herzens Kernen: So kreist ob allen Sternen
Der schnelle Saturnus. Getreu wie der Monocirus, Wenn ich die Wahrheit sprechen kann, So war mein erwünschter Mann.
Das Einhorn sollten Jungfraun klagen: Ihrer Reinheit halber wirds erschlagen. Ich war sein Herz, er war mein Leib; Den verlor ich armes Weib.
Ihn erschlug der König Gramoflanz, Von dem ihr führet diesen Kranz.“ „Herr, sprach ich jemals euch zu nah, Wißt, daß es darum geschah,
Weil ich versuchen wollte, Ob ich mit Minne sollte Lohnen eure Würdigkeit. Mein Sprechen, weiß ich, that euch leid;
Doch versucht' euch nur mein Mund. Thut nun eure Milde kund, Indem ihr euerm Zorn befehlt Und mir verzeiht, wenn ich gefehlt.
Ich befand euch tugendreich: Recht dem Golde seid ihr gleich, Das man läutert in der Glut: So ist geläutert euer Muth.
Den zu bestreiten ich euch brachte, Wie ich denke, wie ich dachte, Der hat mir Herzeleid gethan.“ Da sprach mein Herr Gawan:
„Frau, mir wehr es denn der Tod, Den König lehr ich solche Noth, Daß seine Hochfahrt endet. Meine Treue steht verpfändet,
Ich will in kurzen Zeiten Mit ihm zum Kampfe reiten: Da gilt es, Mannheit kundzuthun. Frau, verziehen ist euch nun.
Wenn ihr aber nicht verschmäht Was mein einfältger Sinn euch räth, So wäre weibliche Ehre Und Würdigkeit meine Lehre.
Hier ist Niemand jetzt als Wir: Zeigt euch gnädig, Frau, an mir.“ „An geharnischtem Arm, Sprach sie, ward ich noch selten warm.
Doch will ichs nicht bestreiten, Ihr mögt zu andern Zeiten Wohl Lohn bei mir erjagen. Eure Mühsal will ich klagen,
Bis ihr von allen Wunden Mochtet völliglich gesunden, So daß aller Schaden heil. Gen Schatel merveil
Will ich euch jetzt begleiten.“ „Freude wollt ihr mir bereiten,“ Sprach der minnegehrende Mann. Er hob die Fraue wohlgethan
An sich drückend auf ihr Pferd. Dessen hatt er ihr nicht werth Geschienen, an dem Brunnen dort; Da gab sie ihm manch queres Wort.
Gawan ritt froh von hinnen; Sie ließ die Thränen rinnen, Bis er mit ihr klagte. Er bat, daß sie ihm sagte,
Warum sie Thränen vergieße? Daß sie um Gott das Weinen ließe. Da sprach sie: „Herr, ich muß euch klagen Von dem, der mir ihn hat erschlagen
Den werthen Helden, Cidegasten. Nun darf ins Herz mir Jammer tasten; Sonst wohnte Freude drinne Durch Cidegastens Minne.
Doch war ich so noch nicht verdorben, Ich hab ihm Schaden viel geworben, Dem König, trotz der Kosten: Mit manchen scharfen Tjosten
Stellt' ich ihm nach dem Leben. Vielleicht sollt Ihr mir Hülfe geben, Die mich rächt und mir vergütet Das Leid, das noch mein Herz durchwüthet.“
„Ich empfieng auf Gramoflanzens Tod Dienst, den mir ein Degen bot, Der jeden Erdenwunsch besaß; Sein Name, Herr, war Anfortas.
Von ihm als Minnekleinod nahm Ich jenen Tabroniter Kram, Der noch vor eurer Pforte steht, Und den man theuer wohl ersteht.
Von dem Lohn, den er erworben, Ist auch meine Freud erstorben: Da ich ihm Minne sollte schenken, Must ich neuen Jammers denken.
Sein Lohn war grimmige Beschwer. Gleichen Jammer oder mehr Als mir Cidegast gegeben Ließ mich Anfortas Wund erleben.
Nun saget selbst, wie sollt ich Arme Besonnen thun bei solchem Harme? Hieß es nicht von Treue wanken? Must ich selber nicht erkranken,
Da alle Hülf an ihm verloren, Den ich nach Cidegast erkoren Mich zu trösten und zu rächen? Herr, nun höret sprechen
Wie Klinschor zu dem reichen Kram Vor euerm Thor, der Zaubrer, kam.“ „Als Anfortas, meinem Lieb, Freud und Minne ferne blieb,
Der jene Gabe mir gegeben, Da sorgt' ich, Schande zu erleben. Klinschor wust' ich, dankt der Gunst Der negromantischen Kunst,
Daß er mit Zauber zwingen kann Wen er will, Weib und Mann. Weiß er irgends werthe Leute, Die werden seines Zaubers Beute.
Da ward mein reicher Kram um Frieden Klinschorn mit dem Beding beschieden: Wer sein Abenteur bestände Und den Sieg im Kampfe fände,
Den zu minnen wär mir Pflicht; Wollt er meine Minne nicht, So wär der Kram von Neuem mein; Jetzt sollt er unser beider sein.
Das beschwor mir Wer zugegen war. Verlocken wollt ich in Gefahr Gramoflanz mit solcher List, Die leider nicht gelungen ist.
Hätt er die Aventür gewagt, So blieb der Tod ihm unversagt.“ „Klinschor ist höfisch und klug: Willig vergönnt' er mir Fug,
Durch sein Land nach allen Seiten Darf mein Ingesinde reiten Mit manchem Stich und manchem Schlag. Die ganze Woche jeden Tag,
Die Wochen all im ganzen Jahr Drohn wechselnd Rotten ihm Gefahr, Die bei Tag und die bei Nacht. Die Kosten hab ich nie bedacht,
Galt es dem kühnen Mann zu schaden: Er ist mit ihrem Kampf beladen. Was ihn wohl beschützen mag? Seinem Leben stell ich nach.
Die zu reich sind meinem Sold, Oft wurden die umsonst mir hold: Um Minn ich manchen dienen ließ, Dem ich doch niemals Lohn verhieß.“
„Selten sah mich noch ein Mann, Von dem ich Dienst nicht bald gewann; Nur Einer, Waffen trägt er roth, Brachte mein Gesind in Noth.
Er kam vor Logrois geritten, Da hatt er gleich den Sieg erstritten. Mein Volk er nieder streute, Daß ich mich nicht drob freute.
Zwischen Logrois und euerm Plan Griffen ihn fünf der meinen an: Die stach er alsbald zur Erde Und gab dem Fährmann die Pferde.
Als er meine Ritter niederstach, Ritt ich selbst dem Helden nach. Ich bot mein Land, bot Hand und Leib: Er sprach, er hätt ein schöner Weib
Und die ihm lieber wäre. Unlieb war mir die Märe; Wie sie heiße, frug ich ihn. ‚Von Pelrapär die Königin,
Das ist die Schöne meiner Wahl; Ich selber heiße Parzival. Mich kümmert nicht, ob ihr mich liebt: Der Gral mir andern Kummer giebt.‘
So sprach der Held im Zorne; Hin ritt der Auserkorne. That ich daran Unrecht, Laßt es mich erfahren, sprecht,
Daß ich in meines Herzens Noth Dem werthen Ritter Minne bot? Bringt es meiner Minne Schmach?“ Gawan zu Orgelusen sprach:
„Frau, ich weiß, er war es werth, Von dem ihr Minne habt begehrt. Euer Preis wär unverloren Hätt er eure Minn erkoren.“
Gawan der Held kurtois Und die Herzogin von Logrois Blickten sich einander an. Da ritten sie so nah heran,
Sie wurden von der Burg erkannt, Wo er das Abenteur bestand. Da sprach er: „Frau, hört mein Begehren, Ihr werdets hoffentlich gewähren.
Laßt meinen Namen unbekannt, Den euch der Ritter hat genannt, Der mir entwandte Gringuljeten, Leicht thut ihr, wie ich euch gebeten.
Sollt euch Jemand darnach fragen, Mein Geselle, mögt ihr sagen, Ist mir unbekannt von Namen, Den meine Ohren nie vernahmen.“
Sie sprach zu ihm: „Es bleibt verhohlen, Da ihrs zu hehlen mir befohlen.“ Er und die Herrin wohlgethan Ritten zu der Burg heran.
Die Ritter hatten jetzt vernommen, Daß ein Ritter wär gekommen, Der die Aventür bestand, Den grimmen Löwen überwand
Und den Türkowiten auch hernach In rechter Tjost vom Sattel stach. Eben ritt da Herr Gawan Auf des Kampfspiels blumgen Plan:
Auf der Zinne sah man ihn. Die Ritter zogen gleich dahin Aus der Burg mit Schalle; Da führten sie Alle
Reiche Banner an den Schäften. Er sah sie mit Kräften Die schnellen Rosse reiten: Wollten sie mit ihm streiten?
Als er von fern sie kommen sah, Zur Herzogin begann er da: „Ziehn Die uns feindlich wohl daher?“ Da sprach sie: „Es ist Klinschors Heer,
Die euch nicht erwarten mögen, Sie reiten fröhlich euch entgegen Und empfangen ihren neuen Herrn. Ihren Gruß vernehmet gern,
Den ihnen Freude nur gebot.“ Nun war auch Plippalinot Mit seiner Tochter wohlgethan Angekommen in dem Kahn.
Auf dem Anger ihm entgegen gieng Die Magd, die freudig ihn empfieng. Gawan bot ihr seinen Gruß; Sie küsst' ihm Stegereif und Fuß
Und hieß die Herzogin willkommen. Sie hatte seinen Zaum genommen Und bat Gawanen: steigt vom Pferd. Die Herrin und der Degen werth
Giengen zu des Schiffleins Bord. Teppich und Polster sah man dort Liegen als zum Schmuck der Stelle, Wo, so wollt es ihr Geselle,
Die Herzogin bei Gawan saß, Während Bene nicht vergaß Ihn zu entwappnen. In das Schiff getragen War auch der Mantel, hört' ich sagen,
Der ihn gedeckt in jener Nacht, Die er bei dem Fährmann zugebracht: Der kam ihm jetzt zur rechten Zeit. Ihren Mantel und sein Oberkleid
Legte da der Degen an; Sie trug die Rüstung hindann. Hier nahm die Herzogin klar Erst seines Antlitzes wahr,
Da sie saßen beieinander. Zwei gebratene Galander, Dazu ein Glas gefüllt mit Wein Und zwei Kuchen blank und fein
Die süße Magd zur Stelle trug Auf einer Zwickel blank genug. Die Speise war des Sperbers Beute. Orgelus und Gawan musten heute
Vor dem Male sich bequemen Das Waschwaßer selbst zu nehmen; Was sie doch gerne thaten. Er war mit Freude wohlberathen,
Daß er mit ihr eßen sollte, Mit der er theilen wollte So die Freude wie die Noth. So oft sie ihm den Becher bot,
Den berührt jetzt hatt ihr Mund, Ward ihm neue Freude kund, Daß er nach ihr sollte trinken. Seine Trauer muste sinken,
Hochgemüthe ward ihm kund. Ihre lichte Farb, ihr süßer Mund Trieb alles Leid aus seinem Herzen, Er fühlte keine Wunde schmerzen.
Ihre Malzeit schauen Mochten auf der Burg die Frauen. Jenseits zu dem Kampfplatz kam Mancher Ritter lobesam:
Man sah sie kunstvoll Buhurt reiten. Herr Gawan dankt' auf dieser Seiten Dem Fährmann und der Tochter sein (Orgeluse stimmte gern mit ein)
Gütlich für Trank und Speise. Orgeluse sprach, die weise: „Wo ist der Ritter hingekommen, Der gestern vor den Sper genommen
Ward, eh ich von hinnen ritt? Wenn ihn Jemand niederstritt, Blieb er am Leben oder todt?“ Da sprach Plippalinot:
„Frau, ich sah ihn heut noch leben. Er ward mir für ein Ross gegeben. Wollt ihr diesen Mann befrein, So sei dafür die Schwalbe mein,
Die Sekundille sonst besaß, Und die euch sandte Anfortas: Wird die Harfe mir, so sei Bon Gowerzein der Herzog frei.“
Sie sprach: „Die Harf und was noch mehr Zum Kram gehört, das möge Der Verschenken oder behalten, Der hier sitzt: Ihn laß ich walten.
Zu zeigen daß er hold mir sei, Mach er mir Lischoisen frei, Den Herzogen von Gowerzein, Und auch den andern Fürsten mein,
Von Itolak Floranden, Der mir Wache Nachts gestanden. Er war mein Türkowit, und so Werd ich nimmer seines Kummers froh.“
Gawan sprach zu der Frauen: „Ihr sollt sie ledig schauen Beide, eh uns kommt die Nacht.“ Sie hatten sich derweil bedacht
Und fuhren an das Ufer hin. Da hub die schöne Herzogin Herr Gawan wieder auf ihr Pferd. Mancher edle Ritter werth
Empfieng ihn und die Herzogin. Sie wandten zu der Burg sich hin. Da ward mit freudgen Sitten Künstlich Buhurt geritten
Mit Stich und Lanzenbrechen. Was soll ich weiter sprechen? Als den werthen Gawan Und die Fürstin wohlgethan
Empfiengen so die Frauen, Sie mochtens gerne schauen, Auf Schatel merveil. Nun gereich es ihm zum Heil
Was ihm Liebes hier geschah. An sein Gemach führt' ihn da Arnive: seine Wunden Wurden ihm geschickt verbunden.
Zu Arniven sprach Gawan: „Frau, einen Boten schafft mir an.“ Eine Jungfrau ward hinausgesandt: Einen Fußknecht brachte die zuhand,
Der war mannlich und klug Für einen Fußknecht genug. Der Knappe schwur ihm einen Eid, Würd ihm Lieb oder Leid,
Doch verrieth' ers weder dort Noch anderwärts, als an dem Ort Wo er es bestelle. Gawan bat, daß man schnelle
Dinte holt und Pergament. Da schrieb die Botschaft, die ihr kennt, Lotens Sohn mit fertger Hand: Er entbot gen Löver in das Land
Artusen und Frau Ginoveren, Ihnen treue Dienste zu gewähren Sei er bereit in alter Weis; Und hab er je beseßen Preis,
Der sei an Würdigkeit nun todt Ohn Ihre Hülf in dieser Noth: Wenn sie der Treu nicht dächten Und gen Joflanze brächten
Der Ritter und der Frauen Schar. Zum Kampfe komm er selber dar Und löse seiner Ehre Pfand. Dann macht er ihnen noch bekannt,
Daß sich die Kämpfer vorgenommen, Mit Gepräng zum Kampf zu kommen. Auch entbot da Herr Gawan Und ersuchte Weib und Mann,
Artusens ganzes Ingesind, Wären sie ihm holdgesinnt, So riethen sie dem Herrn zu kommen; Es würd auch ihrer Ehre frommen.
All den Würdigen entbot Er Gruß und seines Kampfes Noth. Obgleich der Brief kein Siegel trug, Wahrzeichen standen drin genug,
Daß man sah, Wer ihn geschrieben. „Nun sollst dus länger nicht verschieben, Mein Knappe, deines Wegs zu ziehn. Der König und die Königin
Sind zu Bems an der Korka. Frau Ginoveren sollst du da Zu sprechen suchen gleich am Morgen: Du wirst es, hoff ich, wohl besorgen.
Der List vergiß mir nicht dabei: Verschweig, daß ich hier Herre sei. Daß du hier Ingesinde bist, Gedenke des zu keiner Frist.“
Der Knappe eilends aufbrach; Arnive schlich ihm leise nach Und frug, wohin er wollte Und was er bestellen sollte.
Er sprach: „Es wird euch, Frau, nicht kund: Ein Eid versiegelt mir den Mund. Behüt euch Gott, ich muß nun fahren.“ Da ritt er hin zu tapfern Scharen.
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