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Arnive.

Wolfram von Eschenbach

Die Augen zog ihm Müde zu, Er genoß bis an den Morgen Ruh: Da war erwacht der Weigand. Viel Fenster sah er an der Wand

Des Zimmers, lichtes Glas davor. Auch fand er ein geöffnet Thor Nach einem Baumgarten gehn: Er trat hinein, sich umzusehn;

Auch wohl um Luft und Vogellieder. Da sah er bald die Veste wieder, Die er Tags zuvor gesehn, Vor der sein Kampfspiel war geschehn.

Viel Frauen sah er auf dem Saal, Und manche schöne in der Zahl. Es wundert' ihn, daß auf dem Schloß Die Fraun des Wachens nicht verdroß,

Denn er sah, sie schliefen nicht, Da kaum noch schien des Tages Licht. Er dachte: „Daß sie schlafen mögen Will ich mich auch noch schlafen legen.“

Wieder an sein Bett er gieng. Der Jungfrau Mantel überfieng Ihn als seine Decke. Ob ihn nicht Jemand wecke?

Nein: das wär dem Wirthe leid. Da dachte sein die junge Maid, Die an der Mutter Seite lag. Die Gute sich des Schlafs entbrach

Und gieng hinauf zu ihrem Gast, Der wieder schlief in süßer Rast. Weil sie gern bedient ihn hätte, Auf den Teppich vor sein Bette

Setzte sich die Jungfrau klar. Nicht oft geschieht es mir fürwahr, Daß mir Abends oder frühe Solch Abenteuer blühe.

Als drauf Gawan erwachte, Sah er sie an und lachte: „Gott lohn euch,“ sprach er, „Fräulein, Daß ihr so von wegen mein

Euern Schlaf unterbrecht, Und es an euch selber rächt, Daß ich euch niemals Dienst gethan.“ Da sprach die Jungfrau wohlgethan:

„Euern Dienst entbehr ich gern, Wär mir nur eure Huld nicht fern: Herr, gebietet über mich: Was ihr gebietet, thu ich.

All die bei meinem Vater sind, Die Mutter und ein jedes Kind, Wir sehn als unsern Herrn euch an, So Liebes habt ihr uns gethan.“

Er sprach: „Seid ihr schon lang gekommen? Hätt ich es eher nur vernommen, Eine Frage hätt ich euch gestellt, Wenn es euch anders gefällt

Mir Bescheid darauf zu sagen. Ich sah in diesen Tagen Viel Fraun auf mich hernieder blicken. Seid so gut, wenn es sich schicken

Will, und sagt mir, wer sie sein?“ Da erschrak das Mägdelein: „Ach, Herr,“ begann sie, „fragt das nicht, Denn ich geb euch nicht Bericht.

Ihr werdets nicht von mir erfragen; Weiß ich es gleich, ich darfs nicht sagen. Ihr dürfts nicht übel nehmen; Ich laß euch Alles gern vernehmen,

Nur schweigt hievon, folgt meinem Rath.“ Doch Gawan neue Frage that Und forschte nach der Märe, Wie es mit den Frauen wäre,

Die er auf dem Saale sitzen sah. Das treue Mägdlein weinte da, In helle Thränen brach sie aus, Ihr Jammer scholl durchs ganze Haus.

Es war noch früh an der Zeit: Da kam der Vater der Maid. Ohne Zorn ließ ders bewenden, Ob er mit starken Händen

Sein Töchterlein bezwungen Oder doch mit ihr gerungen. Das züchtge Mädchen wohlgethan Stellte sich nicht anders an,

Zumal sie vor dem Bette saß; Das ließ der Vater ohne Haß. „Tochter,“ sprach er, „weine nicht: Was man wohl scherzweis thut und spricht,

Setzt das auch Anfangs böses Blut, Hernach ist Alles wieder gut.“ Gawan sprach: „Hier ist nichts geschehn, Das wir nicht offen eingestehn.

Ich frug das Kind nach Einem Theil: Das däuchte sie mein Unheil Und bat, daß ich die Frage ließe. Wenn ich nun Euch nicht auch verdrieße,

Und euch mein Dienst bewegen kann, So geruht, Herr Wirth, und sagt mir an, Wie ist es mit den Frauen dort? Ich weiß in aller Welt den Ort

Nicht, wo man schöner Frauen So viel möchte schauen, Mit so lichtem Gebände.“ Da rang der Wirth die Hände

Und sprach: „Herr, fragt das nicht, um Gott, Denn hier ist Noth ob aller Noth!“ „So will ich ihren Kummer klagen,“ Sprach Gawan. „Wirth, ihr sollt mir sagen,

Warum ist euch mein Fragen leid?“ „Herr, wegen eurer Mannheit. Könnt ihr der Frage nicht entbehren, So werdet ihr auch Kampf begehren.

Der bringt euch tödtliche Gefahr, Und macht uns aller Freude bar, Mich, und alle meine Kinder, Die euch zu Diensten sind, nicht minder.“

„Ihr sollt mirs sagen,“ sprach Gawan; „Wenn ich es hier nicht hören kann, Daß Eure Kunde mir entgeht, Ich erfahre doch wohl wie es steht.“

Da sprach der Wirth mit Treuen: „Daß ihr das Fragen scheuen Nicht wollet, Herr, das schafft mir Pein. Einen Schild will ich euch leihn;

Wappnet euch zu neuem Streit. Zu Terre merveille ists, wo ihr seid, Denn das Lit merveil ist hie. Herr, bestanden ward noch nie

Auf Schatel merveil die Noth: Euer Leben will nun in den Tod. Wieviel auch stritt eure Hand, Wieviel sie Abenteuer fand,

Das war noch Alles Kinderspiel: Hier trefft ihr Angst und Schreckens viel.“ Gawan sprach: „Es wär mir leid, Ritt ich aus Gemächlichkeit

Unthätig hin von diesen Frauen, Ohne recht die Sache zu beschauen. Ich hatte längst davon vernommen; Nun ich so nah ihr bin gekommen,

So darf ich nicht verzagen, Für die Frauen mich zu wagen.“ Der Wirth beklagt' ihn, der getreue. Er sprach zu seinem Gast aufs Neue:

„Alle Noth ist Kleinigkeit, Die man finden mag im Streit, Gegen dieß Abenteuer: Es ist scharf und ungeheuer

Fürwahr und sonder Lügen: Glaubts, Herr, ich kann nicht trügen.“ An Furcht und Schrecken kehrte Sich Gawan nicht, der Kampfbewährte.

Er sprach: „Nun gebt zum Kampf mir Rath: Wenn ihrs verhänget, Rittersthat Werd ich hier leisten, will es Gott. Eurn Rath und eur Gebot

Nehm ich immer willig an. Herr Wirth, ich thäte übel dran, Wollt ich so von hinnen scheiden: Die Lieben und die Leiden

Hielten mich für einen Zagen.“ Nun erst begann der Wirth zu klagen, Dem größer Leid wohl nie geschah. Zu seinem Gaste sprach er da:

„Wenn es Gottes Willen ist, Daß ihr den Tod nicht leiden müßt, So wird zu Theil euch dieses Land. Viel Frauen stehen hier zu Pfand,

Die Zauberei gefeßelt hält (Erlösen mochte sie kein Held), Dazu viel edle Ritterschaft; Kann sie befreien Eure Kraft,

So ist euch Preises viel gewährt. Euern Namen hat Gott hoch geehrt: Das Glück läßt euch gewaltig sein Ueber Schönheit, lichten Schein,

Fraun aus manchen Landen. Es gereicht' euch nicht zu Schanden, Wär zu scheiden eur Entschluß, Da Lischois Giwellius

Seinen Preis an euch verloren hat, Der manche ritterliche That Zuvor vollbracht, der holde Mann, Wie ich wohl ihn nennen kann.

Kühn war seine Ritterschaft: So manche Tugend Gottes Kraft Noch aus Keinem Herzen blühen ließ, Nehm ich Ithern aus von Gahevieß.“

„Mein Schiff Ihn gestern über trug, Der Ithern vor Nantes schlug. Fünf Rosse hat er mir gegeben (Laß ihn Gott mit Freuden leben),

Die Fürsten sonst und Kön'ge ritten. Sie müßen wie sie mit ihm stritten Nun selbst zu Pelrapär vermelden: Das gelobten sie dem Helden.

Sein Schild trägt mancher Tjoste Mal; Er ritt hier forschen nach dem Gral.“ „Herr Wirth, wo ist er hingekommen? Und hat er,“ sprach der Gast, „vernommen,

Als er so nahe ritt vorbei, Wie es mit diesen Frauen sei?“ „Er hats, Herr, nicht erfahren. Die Rede konnt ich sparen,

Ihn Dessen zu bescheiden: Den Unfug wollt ich meiden. Hättet Ihr die Frage nicht erdacht, Ich hätt euch nicht darauf gebracht

Was hier bestanden werden soll: Ein Abenteuer schreckenvoll. Laßt ihr mich nichts verhindern, So ist mir und meinen Kindern

Wohl nimmer leider geschehn, Wenn ihr fallen müßt und untergehn. Sollt ihr den Sieg behalten, Dieses Landes künftig walten,

So muß meine Armut enden, Denn ich getrau es euern Händen, Daß ihr mir Reichthum verleiht. Mit Freuden Lieb ohne Leid

Mag euer Preis hier erben, Müßt ihr nicht ersterben.“ „Nun wappnet euch zu scharfem Streit.“ Noch trug Gawan kein Eisenkleid:

Er sprach: „Bringt mir die Rüstung her.“ Der Wirth erfüllte sein Begehr. Von Fuß auf wappnet' ihn alsbald Das süße Mägdlein wohlgestalt,

Da nach dem Ross der Vater gieng. An seiner Wand ein Schildrand hieng, Der war dick und also hart, Daß er Gawans Erretter ward:

Ihm wurden Schild und Ross gebracht. Nun hatte sich der Wirth bedacht, Und als er wieder vor ihm stund, Begann er: „Herr, ich thu euch kund,

Wie ihr sollt verfahren, Euer Leben zu bewahren.“ „Meinen Schild sollt ihr tragen: Er ist nicht durchstochen noch zerschlagen,

Denn ich kämpfe selten: Wes sollt er denn entgelten? Herr, wenn ihr vor das Burgthor kommt, Ich weiß, was euerm Rosse frommt:

Es sitzt ein Krämer an dem Thor, Dem übergebt das Ross davor. Kauft von ihm was euch gefällt, Nur daß er euch das Ross behält,

Wenn ihr es ihm zu Pfande setzt. Bleibt ihr im Kampf dann unverletzt, Mögt ihr das Ross zurück empfahn.“ Da sprach mein Herr Gawan:

„Reit ich nicht zu Ross hinein?“ „Nein, Herr. All jener Frauen Schein Bleibt vor euch verborgen. Es naht nun Angst und Sorgen.“

„Im Saale seht ihr euch allein: Ihr findet weder Groß noch Klein, Das da leb und Athem habe. Nun stärk euch Gottes Gabe,

Wenn ihr in die Kammer geht, Darin das Lit merveil steht. Das Bett und die vier Rollen sein Von Marokko der Mahmumelein,

Wollte Der mir allen Schätzen Kron und Land dagegen setzen, Das reichte nicht an seinen Werth. An diesem Bette widerfährt

Euch dann was Gott euch zugedacht: Lenk es gnädig seine Macht. Merkt euch Herr, und seid belehrt: Diesen Schild und euer Schwert,

Laßt sie nicht aus den Händen. Denkt ihr, nun solle enden Eure schreckhafte Pein, So bricht die Noth erst recht herein.“

Als Gawan sich zu Rosse schwang, Da ward dem armen Mägdlein bang. Alle klagten, die da waren Mit ängstlichem Gebahren.

Er sprach zum Wirth: „Gott gönne nur, Was mir hier Gutes widerfuhr Durch eure treue Pflege, Daß ichs einst vergelten möge.“

Urlaub nahm er von der Maid, Die er zurückließ im Leid. Dort ritt er hin; hier ward geklagt. Wenn euch zu hören nun behagt,

Was sich mit Gawan zugetragen, Desto lieber will ichs sagen. Ich sag es, wie ich es vernahm: Als er vor die Pforte kam,

Er fand davor den Krämer wohl, Und seinen Kram der Schätze voll. Feil lag solch Gut darinne, Stäts hätt ich frohe Sinne,

Wär solcher Reichthum mir beschert. Da schwang sich Gawan ab vom Pferd. Nie hatt er reichern Markt gesehn, Als er hier sah vor sich stehn.

Die Bude war ein sammtnes Zelt, Im Viereck hoch und weit gestellt. Was da feil war und zu Kauf? So leicht wohl wög es Niemand auf.

Der Baruch von Baldag Bezahlt' es nicht was drinne lag; Das thät auch nicht von Rankulat Der Katholiko. Der Griechenstaat,

Als man in Dem noch Schätze fand, Da bezahlt' es doch des Kaisers Hand Nicht mit Hülfe jener Zween: So köstlich Gut war hier zu sehn.

Den Krämer grüßte Gawan Und als er sah, was der Mann Feil bot für Wunderdinge, Er erwies ihm nicht geringe

Ehre, und ließ mit Neigen Sich Spang und Gürtel zeigen. Der Krämer sprach: „Hab ich fürwahr Doch hier geseßen manches Jahr,

Daß es kein Mann zu schauen Gewagt, nur edle Frauen, Was mein Kram für Schätze beut. Nährt euer Herz nun Mannheit,

So ist euch Alles zugedacht. Es ward aus fernem Land gebracht. Wenn ihr den Sieg errungen habt (Falls ihr zum Kampfe kommt getrabt,

Und euch hier soll gelingen), So ist leicht mit mir dingen, Denn was in meinem Krame liegt, Das gehört euch Alles, wenn ihr siegt.

Zieht weiter und vertraut auf Gott. Hat euch Plippalinot, Der Fährmann, hergewiesen? Noch von mancher Frau gepriesen

Wird euer Kommen in dieß Land, Wenn sie erlöst eure Hand.“ „Wollt ihr das Abenteur bestehn, So laßt das Ross hier bei mir stehn:

Vertraut mirs, ich bewahr es euch.“ Mein Herr Gawan versetzte gleich: „Wüst ich, wenn ichs euch ließe, Ob ich wider euch verstieße!

Mich schreckt euer köstlich Gut: In so reichen Marschalls Hut Kam es nie, seit Ichs geritten.“ Der Krämer sprach mit holden Sitten:

„Herr, Ich selbst mit allen Schätzen (Was soll ichs auseinandersetzen?) Bin euer, wenn das Glück euch lacht. Wem wär ich anders zugedacht?“

Gawan war so verwegen, Zu Fuß der Noth entgegen Gieng er kühn und unverzagt. Wie ich euch voraus gesagt,

Das Schloß war großer Weite; Und stand an jeder Seite Mit Mauern wohl zur Wehre. Um Sturm nicht eine Beere

Gäb es in dreißig Jahren. Was hätt es zu befahren? In der Mitte lag ein Anger; Das Lechfeld ist langer.

Viel Thürme ragten hoch empor. Die Märe meldet uns: als vor Dem Saale Gawan draußen stand, Da war das Dach bis an den Rand

Bunt wie der Pfaun Gefieder: So schillernd blickt' es nieder. Weder Regen noch der Schnee That dem Glanz des Daches weh.

Innen war die Burg geziert, Mit allem Reichthum ausstaffiert; Die Fenstersäulen wohl zu loben, Ein hoch Gewölbe drauf erhoben.

Ruhebetten ohne Zahl An den Wänden überall; Steppdecken drauf von mancher Art Wie man sie schöner nie gewahrt.

Der Fraun, die da geseßen, Ward keine jetzt vergeßen, Sie waren All gegangen. Von keiner ward empfangen

Der doch Heil und Freiheit brachte, Wie Gawan zu thun gedachte; Sie hatten ihn doch wohl gesehn: Konnt ihnen Lieberes geschehn?

Unrecht ists wohl von Allen: Er kam ihnen zu Gefallen. Doch hatten sie nicht Schuld daran. Nun gieng mein Herr Gawan

In dem Saale hin und her, Zu schaun was da zu schauen wär. Da sah er dort an jener Wand – Ob zur rechten oder linken Hand –

Eine Thür weit aufgethan: Da sollt ihm die Entscheidung nahn, Ob er hohen Preis erwürbe, Oder um den Preis erstürbe.

Nun trat er zu dem Zimmer ein: Dem war des Estriches Schein Wie Glas so schlüpfrig und so klar. Das Lit merveil darinne war,

Das wunderbare Bette. Dem liefen auf der Glätte Von Rubin vier helle Scheiben; Kein Wind kann schneller treiben

Als die Rollen wurden fortgeschoben. Den Estrich muß ich euch loben: Von Sardinen, Jaspis, Chrysolith Getäfelt, wie es Klinschor rieth,

Der dieses Werk hatt erdacht, Und durch weise Zaubermacht Geholt aus manchen Landen Die Steine, die da standen.

So schlüpfrig war der Estrich, Auf den Füßen konnte sich Herr Gawan kaum erhalten. Wenn er das Glück ließ walten

Und hin gieng zu dem Bette, Schnell fuhr es von der Stätte Darauf es Platz genommen. Wohl fühlt' er sich beklommen,

Zumal der Schild ihm lästig wird, Den so dringend ihm empfahl der Wirth. „Wie komm ich,“ dacht er, „denn zu dir? Springst du hin und her vor mir,

Ich will dich innen bringen, Daß ich auch weiß zu springen.“ Jetzo stand es vor ihm eben, Da eilt' er sich zum Sprung zu heben

Und sprang auch glücklich mittendrein. Der Schnelle mag kein Gleichniss sein, Wie das Bette fuhr bald rechts bald links. Wider die vier Wände giengs,

Hier ein Stoß, dort wieder Stöße, Die Burg erscholl von dem Getöse. So ritt er manchen Ritt, der Ritter. Furchtbarer donnert kein Gewitter;

Die Posauner alle Zumal in Einer Halle, Bliesen sie aus Hungersnoth Um das letzte Stückchen Brot,

Nicht ärger könnt es krachen. Gawan muste wachen, Lag er gleich im Bette. Wie sich der Held nun rette?

Er hätte gern den Lärm gestillt; Doch zog er über sich den Schild, Lag da und ließ den walten, Der sich Hülfe vorbehalten,

Und den der Hülfe nie verdroß, Wenn ihm fromm das Herz erschloß, Der seiner Hülfe Noth gewann. Der weise herzhafte Mann,

Wird dem Kummer bekannt, Zu Hülfe ruft er Gottes Hand, Des stäts an Hülfe reichen, Der wird ihm Hülfe reichen.

Das ward an Gawan neu bewährt: Der seinen Preis noch stäts gemehrt Durch seine Kraft und Güte, Den bat er, daß er ihn behüte.

Das Krachen nahm ein Ende. Von jeder der vier Wände Gleich entfernt war die Stätte, Wo das wundervolle Bette

Blieb auf dem Estriche stehn. Noch sollt er größre Noth bestehn: Fünfhundert Wurfschwingen An verborgnen Federn hiengen:

Die wurden jetzt gezogen. Da kamen Steine geflogen Auf das Bette wo er lag: Der Schild, dem Härte nicht gebrach,

Schützte deckend sein Gebeine. Es waren Waßersteine, Hart genug, schwer und rund; Der Schild ward hier und da doch wund.

Die Steine waren auch verthan. Nie empfunden hatt er bisheran So scharfe Würfe wie da flogen. Nun waren auch zum Schuße Bogen

Gespannt, fünfhundert oder mehr. Die zielten allzumalen her Auf das Bette wo er lag. Wer solche Noth bestand, der mag

Wohl reden über Pfeile. Doch währt' es kurze Weile, Sie waren bald verstoben. Wer sich Gemach will loben,

Gerath' in solches Bette nicht, Das ihm nicht viel Gemachs verspricht. Jugend wohl möcht ergrauen, Das Gemach zu schauen,

Das Gawan in dem Bette fand. Doch fühlt' er noch in Herz und Hand Sich keine Schwäche regen. Der Stein und Pfeile Regen

War nicht gänzlich abgeglitten: Gequetscht, wohl auch geschnitten War Gawan durch die Ringe. Schon wähnt' er, hiermit gienge

Nun seine Noth zu Ende: Da musten seine Hände Noch Preis erwerben im Streit. Denn siehe, zu derselben Zeit

Erschloß sich vor ihm eine Thür; Ein starker Bauer trat herfür, Ein entsetzlicher Mann. Von Fischhäuten hatt er an

Eine Mütze und ein Oberkleid, Und desselben Stoffs zwei Hosen weit. Einen Kolben in der Hand er trug, Die Keule dicker als ein Krug.

Der schritt gerad auf ihn daher; Nicht war es eben sein Begehr: Seines Kommens ihn verdroß. Gawan dachte: „Der ist bloß;

Da hab ich beßre Wehr und Hut.“ Er richtete sich auf so gut Als seine Müdigkeit es litt. Zurück trat Jener einen Schritt

Als wollt er fliehen aus dem Haus, Und rief in seinem Zorn doch aus: „Von Mir soll euch kein Leid geschehn; Doch will ich gleich zu sorgen gehn,

Daß ihr zu Pfand das Leben gebt. Der Teufel weiß, wie ihr noch lebt: Hat der euch vor dem Tod bewahrt, Doch bleibt euch Sterben ungespart:

Des bring ich euch wohl innen; Laßt mich nur erst von hinnen.“ So trat der Bauer aus dem Haus. Mit dem Schwerte schlug im Saus

Gawan vom Schilde sich die Schäfte. Die Pfeile waren durch die Kräfte Des Schußes meist hindurch gegangen, So daß sie in den Schienen klangen.

Gebrüll füllt jetzt die Hallen, Wie wenn zwanzig Trommeln schallen Zum Tanz bei einem Feste. Sein kühner Muth, der feste,

Den noch nie der Zagheit Schwert Verwundet hatte noch versehrt, Dachte: „Was soll jetzt geschehn?“ Hier könnt es übel wohl ergehn.

Will sich mein Leid noch mehren? Hier gilt es sich zu wehren. Er blickte nach des Bauern Thür: Ein starker Löwe sprang herfür,

Einem Rosse gleich an Höhe. Gawan, der ungern flöhe, Ergriff den Schild beim Riemen, Wie zur Wehr ihm mochte ziemen,

Indem er auf den Estrich sprang. Der starke Löwe hatte lang Gefastet, Hunger macht ihn grimm; Und doch ergieng es hier ihm schlimm.

Zornig sprang er auf den Mann: Zur Wehre stellte sich Gawan. Er hätt ihm schier den Schild entrungen; Durch den Schild war gedrungen

Beim ersten Griff seine Tatze. Den Griff hat selten eine Katze Durch solche Härte gethan. Mit Zucken wehrte sich Gawan,

Der ihm ein Bein vom Leibe schwang: Der Leu auf dreien Füßen sprang; Im Schilde blieb sein vierter Fuß. Niederschoß des Blutes Guß,

Daß es den Estrich näßte: Nun stand Gawan erst feste. Oft sprang der Leu empor an ihm, Seine Nase schnaubte ungestüm,

Wenn er zähnebleckend stöhnte. Wenn man ihn so gewöhnte, Gute Leute zu verschmausen, Möcht ich nicht mit ihm hausen.

Im Kampf um Tod und Leben auch Missfiel Gawanen solcher Brauch. Er hatt ihn schon so schwer verletzt Allenthalben war benetzt

Das Gemach mit seinem Blut. Aufsprang der Leu mit zorngem Muth Und wollt ihn zucken unter sich: Gawan gab ihm einen Stich

Durch die Brust bis an die Hand, Davon des Löwen Zorn verschwand: Er stürzte nieder und war todt. So hat Gawan die große Noth

Ueberwunden im Streit. Nun gedacht' er um die Zeit Bei sich: „Was wäre mir nun gut? Ich säß nicht gern in diesem Blut:

Auch will ich vor dem Bett mich wahren: Es weiß so toll umher zu fahren, Ich lege mich nicht wieder drein: Da müst' ich wahrlich unklug sein.“

Doch so betäubt und sinnberaubt Von den Würfen war sein Haupt, Auch war ihm durch die Wunden Des Bluts so viel geschwunden,

Daß seine trotzige Kraft Jetzt allmählich war erschlafft, Und er schwindelnd nun zusammenbrach. Das Haupt ihm auf dem Löwen lag,

Der Schild fiel nieder unter ihn. Besaß er jemals Kraft und Sinn, Jetzt sind ihm beide weit entführt: Wer hat so unsanft ihn berührt?

Der Sinn verließ ihn völliglich. Sein Kopfkissen glich Nicht jenem, das Gimele Von Monte Ribele,

Die in Liedern wird gepriesen, Unterschob Kahenisen; Daß er den Preis verschlief in Ruh: Der Preis lief diesem Manne zu.

Denn Ihr habt ja wohl vernommen, Wie er von Sinnen ist gekommen, Daß er dalag ohne Leben, Wie sich Alles hat begeben.

Heimlich lauschend wards beschaut, Wie mit Blut war überthaut Der Kemenaten Estrich, Und Jedweder Leichen glich,

Der Löwe und Herr Gawan. Eine Jungfrau wohlgethan Lugte scheu von oben ein: Da erblich der lichte Schein

Der Jungen, die verzagte, Daß drob die Alte klagte, Arnive die weise. Noch gereicht es ihr zum Preise,

Daß sie dem Ritter Hülfe bot Und ihn schützte vor dem Tod. Sie selber gieng nun schauen. Da ward von der Frauen

Durch das Fensterlein geblickt. Was ist es, daß der Himmel schickt? Sinds künftge Freudentage, Ist es währende Klage?

Der Ritter, sorgte sie, ist todt, Der Gedanke schuf ihr Noth, Da er so auf dem Löwen liegt Und auf kein ander Bett sich schmiegt.

Sie sprach: „Mir ist von Herzen leid, Wenn deine treue Mannheit Dein werthes Leben hat verloren: Hast du den Tod allhier erkoren

Für uns Heimathlose, Gab dir Treue das zum Looße, So erbarmt mich deine Tugend, Du habest Alter oder Jugend.“

Zu allen Frauen sprach sie da, Daß sie so den Helden liegen sah: „Ihr Frauen, die die Tauf empfiengen, Fleht Gott, ihm Hülfe noch zu bringen.“

Sie sandte zwei Jungfrauen Hinunter, nachzuschauen; Daß sie leise zu ihm schlichen Und nicht eher von ihm wichen,

Bis sie wüsten sichre Märe, Ob er am Leben wäre, Ob verfallen schon dem Tod; Beiden gab sie dieß Gebot.

Die reinen süßen Maide, Ob sie nicht weinten beide? Ja, Jedwede weinte, Jedwede Jammer peinte,

Da sie ihn so gefunden, Daß von seinen Wunden Der Schild im Blute schwebte. Sie besahn ihn ob er lebte?

Die Eine jetzt mit klarer Hand Ihm den Helm vom Haupte band Und entschnürt' ihm die Fintalen sein. Sie sah ein leichtes Schäumelein

Vor seinem rothen Munde. Sie lauschte nach der Kunde, Ob sie seinen Athem spüre, Kein Leben mehr sich rühre:

Das lag noch mit dem Tod im Streit. Von Zobel stand auf seinem Kleid Ein gedoppelt Gampilon, Wie Ilinot der Breton

Mit großem Preis das Wappen trug. Der brachte Würdigkeit genug, Ein Jüngling, an sein Ende. Da rupften ihre Hände

Ein wenig Zobel aus, das hielt sie sacht Vor seine Nase, gab dann acht, Ob sich sein Athem regte, Daß es sich leis bewegte.

Da fand sich Athem genug. Nun hieß sie ohne Verzug Nach dem Hofe springen Und lautres Waßer bringen:

Ihr Gespiel wohlgethan Bracht es eilends heran. Da schob die Magd ihr Ringelein Zwischen seiner Zähne Reihn:

Sie wust' es gar geschickt zu thun. Des Waßers goß die Gute nun Ein wenig nach, und mählich mehr: Zu gießen brauchte sie nicht sehr

Bis er die Augen aufschwang. Da bot er Dienst und sagte Dank Den holden Jungfrauen: „Daß Ihr mich mustet schauen,

Hier so ungezogen liegen! Wird es von euch verschwiegen, Für Güte rechn ich das euch an: Eure Zucht bewährt ihr dran.“

Da sprach sie: „Ihr lagt und liegt Wie Der den höchsten Preis ersiegt. Ihr habt den Preis hier so behalten, Daß ihr mit Freuden möget alten:

Der Sieg ist eure Beute. Tröstet auch uns arme Leute: Steht es um eure Wunden so, Daß wir mit euch werden froh?“

Er sprach: „Säht ihr mich gerne leben, So sollt ihr mir Hülfe geben.“ So bat er die Frauen: „Laßt meine Wunden schauen

Aerzte, die sich drauf verstehn. Soll ich der Kämpfe mehr bestehn, So geht und reicht den Helm mir her; Mein Leben schütz ich gern mit Wehr.“

Sie sprachen: „Kampfes seid ihr ledig. Herr, laßt uns bleiben, seid so gnädig. Doch geh Eine sich gewinnen Bei vier Königinnen

Das Botenbrot, daß ihr am Leben. Auch soll man gut Gemach euch geben Und bereiten Arzenei: Mit Salben pflegt man euch dabei

Getreulich, die so heilsam sind, Und so sanft und gelind, Daß von Quetschungen und Wunden Ihr müßet bald gesunden.“

Die Eine schnell von dannen sprang, Nicht mit lahmendem Gang; Die trug zu Hof die Märe, Daß er am Leben wäre,

„So den Lebendigen gleich, Daß er noch freudenreich Mit Freuden macht, geliebt es Gott. Nur ist ihm guter Hülfe Noth.“

Sie riefen alle: „Dieu merzis.“ Die alte Königin ließ Ein Bette gleich bereiten Und davor den Teppich spreiten

Bei einem guten Feuer. Heilsame Salben theuer, Gemischt mit kundigem Sinn, Bracht herbei die Königin,

Daß sie seine Wunden heile. Auch gebot sie in Eile Vier Frauen, daß sie giengen Seinen Harnisch ihr zu bringen;

Doch sollten sie ihn leise Entkleiden solcher Weise, „Daß er sich nicht braucht zu schämen. Einen Pfellel mögt ihr um euch nehmen,

Und ihn entwappnen ungesehen. Kann er schon vor Schwäche gehen, So geh er, oder tragt ihr ihn Zu Bette, wo ich bei ihm bin;

Ich sorge, daß er sanft mag liegen. Wust er so im Kampf zu kriegen, Daß er nicht ward von Herzen wund, So mach ich ihn wohl bald gesund.

Eine Wund in seinem Herzen, Die müst uns Alle schmerzen: So wären wir mit ihm erschlagen, Müsten den Tod lebendig tragen.“

Nun, dieß Alles ward gethan. Entwappnet wurde Gawan, Alsdann zu Bett geleitet Und ihm Beistand bereitet

Von solchen, die 's verstunden. Da waren seiner Wunden An funfzig oder gar noch mehr. Doch fand man durch des Panzers Wehr

Die Pfeile nicht gar tief gedrückt, Weil er den Schild davor gerückt. Die alte Königin nahm Warmen Wein und Diktam:

Mit einem blauen Zindal strich Sie aus den Wunden säuberlich Sein geronnen Blut, und verband Sie so, daß bald sein Leid verschwand.

Wo der Helm war eingebogen, Das Haupt mit Beulen überzogen Von den Würfen und Schüßen – Diese Quetschungen müßen

Nun weichen vor der Salbe Kraft Und der Aerztin Meisterschaft. „Ich erleicht'r euch,“ sprach die Hehre. „Kondrie la Sorziere

Besucht mich hier zuweilen: Was Arznei vermag zu heilen, Das lehrt sie mich. Seit Anfortas So schwer verwundet wurde, daß

Man auf Hülfe für ihn sann, Hat diese Salb ihm wohlgethan; Von Monsalväsche kommt sie her.“ Da Gawan der Degen hehr

Monsalväsch aus ihrem Mund Vernahm, da ward ihm Freude kund. Er wähnt', es wäre nahebei. Da sprach der Degen falschesfrei,

Gawan zu der Königin: „Bewustsein, Herrin, und Sinn, Die ich beide schon verloren, Habt Ihr zurückbeschworen

In mein Herz mit Einem Mal; Auch lindert schon sich meine Qual. Hab ich Kraft nun und Sinn, So verdankt euch den Gewinn

Euer Dienstmann ganz allein.“ Sie sprach: „Euch dankbar zu sein Müßen wir alle streben Und uns treulich Mühe geben.

Folgt mir nur und sprecht nicht viel. Eine Wurzel ich euch geben will, Daß ihr erquicklich schlafen müßt. Eßens, Trinkens kein Gelüst

Sollt ihr haben vor der Nacht. Kehrt euch dann wieder Leibesmacht, So trag ich so viel Speis euch zu, Daß ihr wohl harrt bis Morgen fruh.“

Da legte sie in seinen Mund Eine Wurzel: er entschlief zur Stund. In Decken hüllte sie ihn tief, Daß er des Tages Rest verschlief.

Der Ehrenreiche, Schandenarme Lag sanft und warm in Schlafesarme; Nur fiel zuweilen Frost ihn an, Daß er zu niesen begann:

Das war der Salbe Wirken. Man sah ihn Fraun umzirken; Sie giengen aus und wieder ein Und trugen lichter Schönheit Schein.

Doch musten alle halten Arnivens Rath, der alten, Daß keine spräch und riefe So lang der Held da schliefe.

Verschließen ließ sie auch den Saal, Daß die Ritter allzumal, Die Bürger und die Knechte, Vom bestandenen Gefechte

Nichts erführen vor dem andern Tage. Da kam den Frauen neue Klage. So schlief der Held bis an die Nacht. Da war die Königin bedacht

Ihm die Wurzel aus dem Mund zu thun. Er erwachte: trinken sollt er nun; Getränk und süße Speise Schafft' ihm herbei die weise.

Er richtete sich auf und saß: Auch schmeckt' ihm wohl was er aß. Manch schöne Frau da vor ihm stand: Nie ward ihm beßrer Dienst bekannt;

Er ward mit großer Zucht gethan. Da spähte mein Herr Gawan Bald nach diesen bald nach jenen; Doch must er stäts sich sehnen

Nach Orgelus, der klaren. Ihm war in seinen Jahren Noch kein Weib so nah gegangen, Ob er Minne hatt empfangen,

Ob ihm Minne blieb versagt. Da sprach der Held unverzagt Zu der alten Königin, Arniven, seiner Aerztin:

„Frau, es kränkt mir meine Zucht, Und schiene großen Hochmuths Frucht, Ließ' ich die Frauen vor mir stehn: Gebietet, daß sie sitzen gehn;

Oder laßt sie mit mir eßen.“ „Herr, hier wird nicht geseßen Von ihrer Einer bis auf mich: Schämen müsten Alle sich,

Dienten sie euch nicht gar gern, Denn Ihr seid unsrer Freude Stern. Jedoch was ihr gebieten wollt, Das leisten sie, sie sind euch hold.“

Die hochgebornen Frauen Ließen ihrer Zucht wohl schauen, Denn sie baten ihn zumal Mit holdem Mund, daß er beim Mal,

Wenn es ihn nicht verdrieße, Sie vor ihm stehen ließe. Nun das vorbei ist, gehn sie wieder; Zum Schlafe legt sich Gawan nieder.

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