Skip to content
1200

Anfortas.

Wolfram von Eschenbach

Wer nun will hören wo er bleibt, Den Aventür von Haus vertreibt, Der mag großer Wunder viel Vernehmen, eh er kommt ans Ziel.

Laßt reiten Gahmuretens Kind. Wo nun getreue Leute sind, Die wünschen Heil ihm und Gedeihn: Er muß nun leiden hohe Pein;

Dazwischen Freud und Ehre. Eins schuf ihm Herzensschwere: Er mied ein Weib, die er besaß, So edel, daß kein Mund je las

Oder meldete die Märe, Daß Eine schöner, beßer wäre. Gedanken an die Königin Trübten ihm den frohen Sinn:

Er hätt ihn längst schon ganz verloren, Wär er nicht herzhaft geboren. Selbst trug das Ross den Zaum empor Ueber Blöcke, Sumpf und Moor;

Nicht führt' es seines Reiters Hand. Uns macht die Aventür bekannt, Er ritt denselben Tag so weit, Ein Vogel hätte Arbeit,

Wollt er's auf einmal überfliegen. Will mich die Märe nicht betriegen, So glich sein Ritt kaum so dem Flug Des Tages, da er Ithern schlug,

Und später, als er von Graharz Ritt in das Königreich Brobarz. Hört nun wo er Herberg nahm. An einen See er Abends kam,

Fischer ankerten daran; Ihnen war das Waßer unterthan. Wohl hören mochten sie sein Fragen, Unfern vom Gestade lagen

Sie noch, da sie ihn reiten sahn. Einen sah er in dem Kahn In so herrlichem Gewande, Dienten ihm alle Lande,

Es wäre schwerlich noch so gut. Von Pfauenfedern war sein Hut. An diesen Fischer wandt er sich, Und ermahnt' ihn bittentlich,

Daß er ihm riethe, Gott zu Ehren Und seine Zucht zu bewähren, Wo er träfe Herberg an. Zur Antwort gab der traurge Mann.

Er sprach: „Herr, nicht bekannt ist mir, Daß dreißig Meilen weit von hier Das Land bebaut und urbar sei. Ein Haus nur kenn ich nahebei;

Zur Herberg darf ich es empfehlen; Ihr könnt kein andres heute wählen. Dort wo die Felsen enden Müßt ihr zur Rechten wenden.

Kommt ihr dahin, der Graben Läßt euch nicht weiter traben. So heißt die Brücke senken, Wollt ihr zum Burghof lenken.“

Er that wie ihm der Fischer rieth; Mit Urlaub er von dannen schied. Der sprach: „Wenn ihr euch nicht verirrt, So bin ich selber euer Wirth;

So danket wie wir euch verpflegen. Nur hütet euch vor falschen Wegen: Ihr könntet bei der Halde Irr reiten leicht im Walde;

Unlieb geschäh mir doch daran.“ Da hub sich Parzival hindann Und fand mit wackerm Traben Den Weg bis an den Graben.

Da war die Zugbrück aufgezogen, Die Burg um Feste nicht betrogen, Wie auf der Drechselbank gedreht. Beschwingt nur oder vom Wind geweht

Dränge man hinein mit Sturm. Mancher Saal und mancher Thurm Stand da in wunderbarer Wehr: Und zögen alle Völker her,

Sie gäben drin um solche Noth In dreißig Jahren noch kein Brot. Ein Knappe hatt ihn wahrgenommen, Und frug ihn, wo er hergekommen,

Und was er suche vor dem Wall? „Der Fischer,“ sprach da Parzival, „Hat mich zu euch hergesandt. Ich neigte dankend seiner Hand,

Da sie mir Herberg hier geschenkt. Er will, daß ihr die Brücke senkt, Daß ich reite zu euch ein.“ „Herr, ihr sollt willkommen sein.

Da der Fischer es versprach, Man beut euch Ehr und Gemach, Ihm der euch sandte zu Gefallen,“ Sprach der Knapp und ließ die Brücke fallen.

In die Burg ritt der Kühne, Auf weiten Angers Grüne Unzerstampft im Ritterspiel; Kurzen Grases stand da viel.

Da ward nicht oft turniert, gestritten, Mit Panieren hin und her geritten Wie auf dem Anger zu Abenberg. Selten war solch fröhlich Werk

Da geschehn in langer Zeit: Sie hatten Noth und Herzeleid. Der Gast jedoch des nicht entgalt: Ihn empfiengen Ritter jung und alt;

Kleine Junker volle Zahl Sprang ihm nach dem Zaum zumal; Ein Jeder thäte gern das Beste. Sie hielten ihm den Stegreif feste,

Dieweil er abstieg von dem Ross. Ritter führten ihn ins Schloß Wo sie ihm schufen gut Gemach. Unlange währt' es darnach

Bis er mit Zucht entwappnet ward. Da sie den Jungen ohne Bart Ersahen also minniglich, Glücklich pries ihn männiglich.

Um Waßer bat der junge Mann: Da er den Rost sich hindann Gewaschen von Gesicht und Händen, Da schien er Jung und Alt zu blenden

Wie eines zweiten Tages Helle: So saß der wonnige Geselle. Ein Mantel ward ihm hingebracht, Aus arabschem Stoff gemacht

Und alles Tadels ledig gar: Den legt er an, der Degen klar. Die Schnur blieb unverbunden dran: Da gefiel er Allen, die ihn sahn.

Da sprach der Kammerwärter klug: „Repans de Schoi wars, die ihn trug, Meine Frau, die Königin. Er sei euch von ihr geliehn,

Denn euch ist noch kein Kleid geschnitten. Wohl mocht ich sie's mit Ehren bitten, Denn ihr seid ein werther Mann, Wenn ichs recht ermeßen kann.“

„Gott lohn euch, Herr, daß ihr mir traut. Wenn ihr recht mich beschaut, So war das Glück mir immer hold: Gottes Kraft giebt solchen Sold.“

Man schenkt' ihm ein und pflegt' ihn so, Die Traurgen waren mit ihm froh; Ein Jeder bot ihm Lieb und Ehr. Da war auch aller Fülle mehr

Als er zu Pelrapäre fand, Das von Kummer schied des Helden Hand. Sein Rüstzeug war beiseit getragen: Das wollt er jetzo schier beklagen,

Da er Scherzes hier sich nicht versah. Allzu vorlaut mahnte da Ein immer wortreicher Mann Den edeln Fremdling wohlgethan

Zum Wirth, als spräch er es im Zorn. Das Leben hätt er schier verlorn Von dem jungen Parzival. Da er sein Schwert von lichtem Stahl

Nicht mehr bei sich liegen fand, Da zwang er so zur Faust die Hand, Daß den Nägeln Blut entschoß Und ihm den Aermel übergoß.

„Nicht doch, Herr,“ sprach die Ritterschaft, „Dieser Mann uns gern zu lachen schafft, Wie traurig wir auch anders sei'n; So mögt ihr wohl ihm freundlich sein.

Ihr habt nichts andres vernommen, Als der Fischer sei gekommen. Geht hin, ihr seid sein werther Gast; Schüttet ab des Zornes Last.“

Hundert Kronen niederhiengen In dem Saal, zu dem sie giengen, Mit vielen Kerzen besteckt; So war auch rings überdeckt

Mit kleinen Kerzen die Wand. Hundert Ruhebetten fand Man an den Seiten aufgeschlagen, Darauf hundert Kissen lagen.

Je vier Gesellen trug ein Sitz; Die Plätze unterschied ein Schlitz. Davor ein Teppich bilderhell: Le Fils dü Roi Frimutel

Besaß doch Reichthum unermeßen. Eines Dings war nicht vergeßen: Sie hatte nicht das Gold gedauert, Von Marmor waren aufgemauert

Drei viereckge Feuerrahmen. Da brannt ein Holz, daß man mit Namen Nannte lignum aloe. Wer hat so große Feuer je

Hier gesehn zu Wildenberg? Es war fürwahr ein kostbar Werk. Der kranke Wirth selber hat Vor der mittlern Feuerstatt

Auf einem Spannbett Platz genommen. Zum Bruche war's gekommen, Zwischen ihm und der Freude; Sein Leben war ein morsch Gebäude.

In den Saal gegangen Ward da gar wohl empfangen Von dem, der ihn dahin gesandt, Parzival der Weigand.

Ihn ließ der Wirth nicht lange stehn, Er bat ihn, nah heran zu gehn Und zu sitzen: „hier an meine Seite; Wies' ich euch in größre Weite,

Das hieß' euch allzu fremd gethan.“ So sprach der jammersreiche Mann. Des Wirthes Siechthum heischte leider Große Feur und warme Kleider.

Weit und lang, von Zobel fein, So muste aus und innen sein Der Mantel und der Pelz darauf. Der geringste Balg war theur zu Kauf

Schwarz- und Grauwerk fand man da. Um das Haupt de Wirthes sah Man die gestreifte Mütze gehn, Von Zobel, theuer zu erstehn.

Arabsche Borten giengen Oben in goldnen Ringen, Und von der Spitze nieder schien Als Knopf ein leuchtender Rubin.

Ritter saßen da genug, Als man Jammer vor sie trug. Herein zur Thür ein Knappe sprang, Eine Lanze trug er, die war lang,

(Die Sitte war zur Trauer gut); Die Schneide nieder tropfte Blut Und lief am Schaft bis auf die Hand, Wo es am Aermel verschwand.

Da ward geweint überall Und geschrien in dem Saal, Daß dazu mit Kehl und Augen Kaum dreißig Völker möchten taugen.

Also trug er den Sper An den vier Wänden umher Bis wieder zu des Saales Thür, Wo der Knappe sprang hinfür.

Da war des Volkes Noth gestillt, Das erst von Jammer stand erfüllt, Da es die Lanze hatt erkannt, Die der Knappe trug in seiner Hand.

Mag es euch nicht verdrießen, Will ich die Mär erschließen, Daß ihr vernehmet und erfahrt, Wie herrlich da gedienet ward.

Zu Ende an dem langen Saal Auf gieng eine Thür von Stahl: Zwei werthe Kinder traten ein; Vernehmt, wie die geschaffen sei'n:

Daß sie wohl gäben Minnesold, Wem sie um Dienste würden hold. Das waren Jungfrauen klar, Kränzlein über bloßem Haar:

Die Blumen hielt ein lichtes Band. Jedwede trug in der Hand Einen Leuchter von Gold. Ihr Haar in blonden Locken rollt.

Auf jedem Leuchter brennt ein Licht. Vergeßen wollen wir nicht Von der Jungfraun Kleid zu sagen, Das sie vor den Rittern tragen.

Die Gräfin von Tenabrock, Von braunem Scharlach war ihr Rock; So war auch ihr Gespiel geziert. Das weite Kleid war affischiert

Mit zweien Gürteln, da wo schlank Die Frauen sind und schmal und schwank. Hinzu tritt eine Herzogin Und ihr Gespiel. Sie trugen hin

Kleiner Stollen zween von Helfenbein. Ihr Mund gab feuerrothen Schein. Alle Viere neigten sich; Nun setzten zwo behendiglich

Vor den Wirth die Stollen hin; Das war ihr Dienst, wie es schien. Dann traten sie gepaart zurück Und waren klar und hell von Blick.

Die Viere trugen gleiches Kleid. Nun versäumen nicht die Zeit Andrer Frauen zweimal vier. Was hatten die zu schaffen hier?

Vier musten große Kerzen tragen; Die andern durftens nicht versagen, Sie trugen einen theuern Stein, Die Sonne warf hindurch den Schein.

Sein Namen ist uns wohl bekannt: Es war ein Granatjachant, So lang und breit, daß ers wohl litt, Als ihn so dünne zerschnitt,

Der zum Tischblatt ihn zersägte, An dem der Wirth zu eßen pflegte. Die Jungfraun traten alle acht Vor den Wirth, indem sie sacht

Wie zum Gruß ihr Haupt bewegten. Die Viere dann die Tafel legten Auf der Stollen schneeweiß Helfenbein, Das zuvor getragen war herein.

Man sah sie züchtig wieder gehn Und bei den ersten vieren stehn. Röcke grün wie Gras zu schauen Trugen diese acht Frauen

Aus edelm Sammt von Aßagauch, Lang und weit, so wars Gebrauch. Ein theurer Gürtel schmal und lang In der Mitte sie zusammen zwang.

Dieser acht Jungfrauen klug Auf dem Haupt Jegliche trug Ein Blumenkränzlein wohlgethan, Von Nonel der Graf Iwan

Und Jernis, der Herr von Reile, Ihre Töchter über manche Meile Hatte der Gral in Dienst genommen. Man sah die Jungfrauen kommen

In gar wonniglichem Staat. Zwei Meßer, schneidig wie ein Grat, Trugen die Jungfrauen hehr Auf zwo Zwickeln daher.

Von Silber ist die Kling und weiß, Und nicht versäumt von Künstlerfleiß, Geschärft, gewetzt zu solcher Glätte, Daß es wohl Stahl geschnitten hätte.

Vor dem Silber trugen Frauen werth, Die auch der Gral zum Dienst begehrt, Lichter, daß es heller sei, Vier Kinder alles Tadels frei.

So giengen diese Sechse nun: Höret, was sie sollen thun. Sie grüßten. Zwei Jungfräulein Trugen auf der Tafel Schein

Das Silber, legten es da nieder. Dann giengen sie mit Züchten wieder Zu den ersten Zwölfen hin. Wenn ich recht berichtet bin,

Hier sollen achtzehn Frauen stehn. Nun sieht man neue sechse gehn In Kleidern, die man schwer bezahlt; Es war zur Hälfte Plialt,

Zur Hälfte Pfell von Ninnive. Sie und die Sechse, der ich eh Erwähnt, getheilt war ihre Tracht, Jeder Theil aus anderm Stoff gemacht.

Nach diesen kam die Königin. Ein Glanz von ihrem Antlitz schien, Sie wähnten all es wolle tagen. Ein Kleid sah man die Jungfrau tragen

Von Pfellel aus der Arabie. Auf grünem Kissen von Achmardi Trug sie des Paradieses Fülle So den Kern wie die Hülle.

Das war ein Ding, das hieß der Gral, Irdschen Segens vollster Stral. Repanse de Schoie hieß Von der der Gral sich tragen ließ.

Der Gral war von solcher Art: Sie hat das Herz sich rein bewahrt, Der man gönnt des Grals zu pflegen: Sie durfte keine Falschheit hegen.

Lichter kamen vor dem Gral: Die waren schön und reich zumal. Sechs lange Gläser hell und klar, Drin brannte Balsam wunderbar.

Da sie gemeßnen Schritts herfür Zur Tafel kamen von der Thür, Die Königin verneigte sich Und jede Jungfrau züchtiglich,

Die da Balsamgläser trug. Die Köngin ohne Falsch und Trug Setzte vor den Wirth den Gral. Die Märe spricht, daß Parzival

Sie hab andächtig lang beschaut, Der der Gral war anvertraut; Er hatt auch ihren Mantel an. Die Sieben giengen sacht hindann

Zu den achtzehn Ersten. Da nahmen sie alle die Hehrste Zwischen sich: Zwölf standen ihr Zu beiden Seiten, sagt man mir.

Da stand die Magd die Krone tragend Schön aus den Gespielen ragend. All den Rittern zumal, Die da saßen in dem Saal

Ließ man von den Kämmerlingen In goldnen Becken Waßer bringen. Je vier bediente Einer Und ein Junker, ein kleiner,

Der eine weiße Zwickel trug. Man sah da Reichthum genug. Der Tafeln musten hundert sein, Die man zur Thüre trug herein.

Man setzte jegliche hier Vor der werthen Ritter vier: Tischlachen blendend weiß Legte man darauf mit Fleiß.

Der Wirth nun selber Waßer nahm; Er war an frohem Muthe lahm. Da wusch sich Parzival zugleich. Eine seidne Zwickel bilderreich

Hielt ein Grafensohn ihm hin; Den sah man hurtig niederknien. Wo eine Tafel war gestellt, Bier Knappen sah man da gesellt,

Daß sie zu dienen nicht vergäßen Denen, die an ihr säßen. Zweene musten knieend schneiden; Die andern durftens nicht vermeiden,

Sie trugen Speis' und Trank herbei Und dienten ihnen nach der Reih. Hört mehr von Reichthum sagen. Vier Karossen musten tragen

Manchen Becher goldenklar Jedem Ritter, der zugegen war. Die wurden rings umher gerollt; Von vier Rittern ward das Gold

Auf die Tafeln hingesetzt. Ein Schaffner folgte zuletzt; Dem war es aufgetragen, Alles wieder in den Wagen

Zu setzen, wenn gedienet wäre. Nun vernehmet andre Märe. Hundert Knappen man gebot, Daß sie in weiße Zwickeln Brot

Knieend nähmen vor dem Gral. Zurück dann traten sie zumal Und vertheilten vor die Tafeln sich. Man sagte mir, so sag auch ich

Auf euern eigenen Eid: Vor dem Grale war bereit (Sollt ich damit betrügen, So helfet Ihr mir lügen)

Wonach einer bot die Hand, Daß er alles stehen fand, Speise warm, Speise kalt, Speise neu und wieder alt,

Fisch und Fleisch, Wild und Zahm. Es ist kein wahres Wort daran, Hör ich Manchen sprechen; Der will sich viel erfrechen,

Denn der Gral war alles Segens Born, Weltlicher Süße volles Horn: Es that es dem beinahe gleich Was man erzählt vom Himmelreich.

In kleine Goldgefäße kam Was man zu jeder Speise nahm, Pfeffer, Salz und Agraß. Der Genügsame, der Fraß,

Alle hatten da genug; Höflich man es vor sie trug. Moraß, Wein, Sinopel roth, Wonach den Napf ein Jeder bot,

Was er Trinkens mochte nennen, Das konnt er drin erkennen, Alles durch des Grales Kraft. Die herrliche Genoßenschaft

Ward bewirthet von dem Gral. Wohl bemerkte Parzival Den Reichthum und das große Wunder; Doch nicht zu fragen unterstund er.

Er gedachte: „Treulich rieth Mir Gurnemans, bevor ich schied, Viel zu fragen sollt ich meiden; Man wird mich hier wohl auch bescheiden

Wie es dort bei ihm geschah. So hör ich ohne Frage ja Wie es um diese Leute steht.“ Wie er so dachte, sieh, da geht

Ein Knappe her und bringt ein Schwert, Die Scheide tausend Marken werth; Das Gehilz war ein Rubin; Auch war die Klinge wie es schien,

Großer Wunder Thäterin. Seinem Gaste gab der Wirth es hin Und sprach: „Es half mir in der Noth Manchesmal, bevor mich Gott

So schwer am Leibe hat verletzt. Ich hoffe, daß es euch ersetzt Was hier fehlt an eurer Pflege; Führt es künftig allewege:

Ihr seid, erkennt ihr seine Art, Im Streite wohl damit verwahrt.“ Weh, daß er da vermied zu fragen! Das muß ich noch für ihn beklagen.

Denn da das Schwert ihm ward gegeben, Das mahnt' ihn, Frage zu erheben. Auch jammert mich sein edler Wirth, Daß er der Qual nicht ledig wird,

Der ihn enthoben hätte Fragen. Nun war hier sattsam aufgetragen. Die's angieng, griffens wieder an Und trugen das Geschirr hindann.

Die vier Karossen lud man da; Jedes Fräulein seinen Dienst versah, Erst die letzten, dann die ersten. Sie traten alle mit der Hehrsten

Wieder hin zu dem Gral. Vor dem Wirth und Parzival Verneigte sich die Königin Und all die Jungfraun wie vorhin

Und trugen wieder aus der Thür Was sie mit Zucht gebracht herfür. Parzival blickt ihnen nach: Da sieht er in dem Vorgemach

Eh sie die Thüre zuthun, Auf einem Spannbette ruhn Den allerschönsten alten Mann, Des er Kunde je gewann.

Ich greif es traun nicht aus der Lust, Er war noch grauer als der Duft. Wer der Greis gewesen, Das hört ihr künftig lesen,

Dazu der Wirth, die Burg, das Land, Die werden euch von mir genannt Künftig, wenn es an der Zeit, Bescheidentlich, ohn allen Streit,

Und sogleich, unverzogen. Die Sehne sag ich sonder Bogen. Die Sehne dient zum Gleichniss hier. Behende scheint der Bogen dir,

Doch ist schneller was die Sehne jagt. Hab ichs nicht unbedacht gesagt, So gleicht die Sehne schlichten Mären, Womit wir gern zufrieden wären;

Denn wer die Krümme wandelt viel, Der führt uns allzuspät ans Ziel. Wenn ihr den Bogen spannen saht, Erst war die Sehne schlicht und grad;

Sie muß sich dehnen, muß sich biegen, Soll der Schuß zum Ziele fliegen. Doch Wer die Märe schießt dem Thoren, Der hat sein Dehnen auch verloren:

Sie findet nirgend eine Statt Und gar geräumigen Pfad Zu einem Ohr ein, zum andern aus. Lieber bleib ich zu Haus,

Als daß ich den mit Mären dränge, Denn ich sagte oder sänge Beßer wahrlich einem Bock Oder einem morschen Stock.

Ich will euch ferner doch bedeuten Von den jammerhaften Leuten, Die hier besucht hat Parzival. Mn vernahm da selten Freudenschall,

Weder Tanz noch Ritterspiel. Ihrer Trübsal war so viel, Sie dachten auf Erholung nicht. Oft wohnt die Volkszahl minder dicht,

Doch thut ihr manchmal Freude wohl; Hier waren alle Winkel voll Und auch der Hof, wo man sie sah. Der Wirth sprach zu dem Gaste da:

„Nun ist eur Bette wohl bereit, Drum rath ich, wenn ihr müde seid, Euch zur Ruhe zu begeben.“ Nun sollt ich Zeterschrei erheben

Um ihr so gethanes Scheiden! Hir wächst Unheil ihnen beiden. Vor des Wirthes Bette trat Auf den Teppich hin und bat

Um den Urlaub Parzival; Gute Nacht ihm bot der Wirth zumal. Auf sprang die Ritterschaft in Eil; Ihn zu geleiten kam ein Theil.

Da führten sie den jungen Mann In ein Schlafgemach hindann: Das war also ausstaffiert, Mit einem Bette geziert,

Daß mich die Armut schmerzlich müht, Da der Erde solcher Reichthum blüht. Dem Bett war Armut theuer; Als glüht' er im Feuer

Gab drauf ein Pfellel lichten Stral. Die Ritter bat da Parzival, Sie möchten auch zur Ruhe gehn; Denn Ein Bett sah er hier nur stehn.

Mit Urlaub giengen sie hindann. Hier hebt ein andrer Dienst sich an. Viel Kerzen und sein klar Gesicht Wetteifernd gaben helles Licht:

Wie möchte heller sein der Tag? Vor seinem Bett ein andres lag, Ein Polster drauf; da setzt' er sich. Jungherren gar behendiglich

Entschuhn ihm Beine, die sind blank: Mancher ihm zu Hülfe sprang. Auch zog ihm seine Kleider ab Mancher wohlgeborne Knab:

Es waren schmucke Herrlein. Zur Thüre traten jetzt herein Vier klare Jungfrauen, Die man gesandt zu schauen,

Ob man ihn wohl verpfläge, Und ob er sanft gebettet läge. Die Märe meldet sonder Trug, Eine helle Kerze trug

Ein Knappe Jeglicher voran. Parzival der schnelle Mann Sprang unters Decklachen. Sie sprachen: „Ihr sollt wachen

Uns zu Lieb noch eine Weile.“ Verborgen in der Eile Hatt er unterm Bett sich ganz; Nur seines Antlitzes Glanz

Gab ihren Augen Hochgenuß Eh sie empfiengen seinen Gruß. Ihnen schufen auch Gedanken Noth, Daß sein Mund ihm war so roth

Und daß vor Jugend Niemand wahr Da nahm auch nur ein halbes Haar. Diese vier Jungfrauen klug, Hört was Jegliche trug:

Moraß, Wein und Lautertrank Trugen drei auf Händen blank; Die vierte Jungfraue weis Trug Aepfel aus dem Paradeis

Auf blanker Zwickel hin vor ihn. Diese sah man niederknien. Er hieß das Mägdlein sitzen: Sie sprach: „Laßt mich bei Witzen;

Ich könnt euch sitzend nicht bedienen, Und darum sind wir hier erschienen.“ Süßer Red er nicht vergaß; Der Herr trank, einen Theil er aß,

Dann giengen sie mit Urlaub wieder. Da legte Parzival sich nieder. Die Junker setzten vor ihn Die Kerzen auf den Teppich hin,

Da sie ihn entschlafen sahn; Also eilten sie hindann. Parzival lag nicht allein: Gesellt bis zu des Morgens Schein

War ihm strenges Herzeleid. Alles künftige Leid Hat Boten ihm vorausgesandt, Daß Schreck den Blühnden übermannt;

Seine Mutter bracht einst so in Noth Der Traum von Gahmuretens Tod. So verbrämt war ihm der Traum, Mit Schwertschlägen um den Saum,

Mit Tjosten oben reich gestickt: Von Lanzen auf sein Herz gezückt Litt er im Schlafe manchmal Noth. Lieber zwanzigmal den Tod

Hätt er dulden mögen wach: So gab den Sold ihm Ungemach. Der Aengstigungen Strenge Must ihn wecken auf die Länge.

Ihm schwitzten Adern und Gebein. Auch drang der Tag durchs Fenster ein. Da sprach er: „Weh, wo sind die Kinde, Daß ich sie nicht vor mir finde?

Wer soll mir reichen mein Gewand?“ So erharrte sie der Weigand Bis er abermals entschlief. Niemand sprach, Niemand rief,

Sie blieben all verborgen. Wieder zu Mitte Morgen War erwacht der junge Mann; Vom Bette sprang er schnell hindann.

Auf dem Teppich sah der Werthe Seine Rüstung liegen und zwei Schwerte: Eins das der Wirth ihm geben ließ, Das andre war von Gahevieß.

Da hub er zu sich selber an: „Weh, wer hat mir dieß gethan? Gewiss, ich soll mich wappnen drein. Ich litt im Schlafe solche Pein;

Wachend ist mir Arbeit Heute sicher auch bereit. Wenn diesen Wirth ein Feind bedroht, So leist ich gerne sein Gebot,

Und Ihr Gebot mit Treuen, Die den Mantel, diesen neuen, Mir geliehen hat aus Güte. Stünd also ihr Gemüthe,

Daß sie Dienst von mir begehrte, Wie gern ich den gewährte! Doch nicht um Minnelohns Gewinn, Denn mein Weib die Königin

Ist von Antlitz wohl so klar Wie sie, und klarer, das ist wahr.“ Er hilft sich selber, weil er muß, Wappnet sich von Haupt zu Fuß,

Daß er fertig sei zum Streite; Zwei Schwerter schnallt er an die Seite. Der werthe Degen gieng hinaus; Da war sein Ross vor dem Haus

Angebunden, Schild und Sper Stand dabei; das freut' ihn sehr. Eh Parzival der Weigand Sich des Rosses unterwand,

Der Held in manche Kammer lief, Wo er nach den Leuten rief. Niemand hörte, sah er da, Daran ihm großes Leid geschah.

Der Degen kam in übeln Zorn. Da lief er in den Burghof vorn, Wo er gestern stieg vom Pferde. Da war Gras und Erde

Von manchem Hufschlag berührt Und der Thau hinweggeführt. Der junge Mann mit lautem Rufen Kehrte zu des Hauses Stufen.

Mit manchem Scheltworte Sprang er zu Ross. Die Pforte Fand er weit offen stehn Und große Stapfen aus ihr gehn.

Die Brücke war hinab gelaßen: Hinüber ritt er seiner Straßen. Ein verborgner Knappe zog das Seil: Der Schlagbrücke Vordertheil

Brachte schier sein Ross zu Fall. Das Haupt wandte Parzival: Da wollt er gerne sich befragen: „Der Sonne Haß sollt ihr tragen“

Sprach der Knapp. „Ihr seid 'ne Gans. Hättet ihr gerührt den Flans Und hättet den Wirth gefragt! Nun bleibt euch großer Preis versagt.“

Der Gast rief um Erklärung: Da ward ihm nicht Gewährung. Wie viel er bat, wie lang' er rief, Der Knappe that, als ob er schlief'

Und schlug die Pforte vor ihm zu. Allzu früh für seine Ruh Schied da hinweg, der nun mit Leid Entgalt seiner frohen Zeit:

Die blieb ihm nun verborgen. Er hatt um schwere Sorgen Gedoppelt, als den Gral er fand, Mit seinen Augen, ohne Hand

Und ohne Würfel zumal. Weckt ihn Kummer nun und Qual, Des war er früher ungewohnt; Ihn hatte Trübsal noch verschont.

Parzival verfolgte da Die Hufspur, die er vor sich sah. „Die vor mir,“ dacht er, „reiten, Die werden mannlich streiten

Heut um des Wirthes Ehre. Sie verschmähns, sonst wäre Ihre Schar mit mir just nicht geschwächt: Ich wollt in keinem Gefecht

Von ihnen weichen in der Noth, Daß ich verdiente mein Brot, Und dieß wonnigliche Schwert, Das ihr Herr mir hat verehrt,

Und das ich unverdient noch trage. Sie wähnen wohl, ich wär ein Zage.“ Der aller Falschheit that entgegen, Hielt sich an den Hufschlägen.

Daß er so scheidet, jammert mich; Nun erst aventürt es sich. Die Fährt allmählich ihm zerrann: Hier schieden, die ihm sind voran.

Die Spur ward schmal, erst war sie breit, Er verlor sie ganz: das war ihm leid. Da erfuhr der junge Mann, Davon er Herzeleid gewann.

Der kühne Degen ohne Zagen Hört' eine Frauenstimme klagen. Naß von Thau noch war das Gras. Vor ihm auf einer Linde saß

Ein Weib, die Treu gebracht in Noth. Gebalsamt lag ein Ritter todt Ihr zwischen beiden Armen. Wollt es Einen nicht erbarmen,

Der sie so säh in Schmerzen, Das geschäh aus falschem Herzen. Sein Ross der Ritter zu ihr wandte, Der sie immer nicht erkannte:

Sie war doch seiner Muhme Kind. Was irdsche Treue nur ersinnt, Das ward vor ihrer Treu zunicht. Nun grüßt sie Parzival und spricht:

„Herrin, mir ist herzlich leid, Daß ihr so bekümmert seid. Könnt euch mein Dienst davon befrein, Zu euerm Dienste wollt ich sein.“

Sie dankt' ihm mit des Jammers Sitten Und frug: „Wo kommt ihr hergeritten?“ Sie sprach: „Es folgte schlimmem Rath Wer noch je die Reise that

Her in diesen öden Wald. Unkundem Gaste mag da bald Großen Schadens viel geschehn; Gehört oft hab ich und gesehn

Von Leuten, die den Tod hier nahmen Und wehrlich doch zu sterben kamen. Hinweg, wenn ihr das Leben liebt! Nur sagt, wo diese Nacht ihr bliebt?“

„Eine Meile nur von hier, nicht mehr, Steht eine Burg, wie keine hehr Durch alle Pracht und Herrlichkeit: Die ließ ich erst vor kurzer Zeit.“

Sie sprach: „Der euch Vertraun will schenken, Den sollt ihr nicht mit Lügen kränken. Eur Schild muß euch als fremd bekunden; Ihr hättet Wald zuviel gefunden

Von gebautem Lande hergeritten. Dreißig Meilen weit ward nie verschnitten Zu einem Hause Holz noch Stein. Nur Eine Burg steht dort allein,

Reich an Allem was die Erde preist. Wer die zu suchen sich befleißt, Der kann sie leider niemals finden: Doch sind Viele, die sichs unterwinden.

Es muß unwißend geschehn Soll Jemand die Burg ersehn. Die ist euch, Herr, wohl nicht bekannt. Monsalväsch ist sie genannt.

Terre de Salväsch geheißen wird Das Reich, wo Krone trägt der Wirth. Vererbt einst hat es Titurel Seinem Sohn, dem König Frimutel:

So hieß der werthe Weigand; Den Preis erwarb oft seine Hand. Auch gab ihm eine Tjost den Tod, Den ihm die Minne gebot.

Vier werthe Kinder ließ er nach: Drei haben Gut, doch Ungemach; Der vierte wählte Armut: So büßt er seinen sündgen Muth;

Er heißt mit Namen Trevrezent. Anfortas sein Bruder lehnt, Denn sitzen kann er nicht noch gehn, Auch weder liegen noch stehn,

Der auf Monsalväsche wohnt; Groß Unheil hat ihn nicht verschont.“ Sie sprach: „Wenn ihr gekommen wärt Zu der Schar, die Gram beschwert,

Vielleicht wär nun der Wirth befreit Von seinem lang getragnen Leid.“ Zu der Jungfrau sprach der Waleis laut: „Groß Wunder hab ich da geschaut

Und viel Frauen wohlgethan.“ An der Stimm erkannte sie den Mann. Da sprach sie: „Du bist Parzival. Nun sage, sahest du den Gral

Und den Wirth, den Freudeleeren? Laß liebe Kunde hören. Ist sein Jammer noch zu stillen, Wohl dir, der sel'gen Reise willen!

So weit die Lüfte Land umfangen, So weit soll deine Hoheit langen. Dir dienet Alles, Zahm und Wild, Aller Erdenwunsch ist dir gestillt.“

Parzival der Weigand Sprach: „Woran habt ihr mich erkannt?“ Da sprach sie: „Sieh, ich bins, die Magd, Die dir ihr Leid schon hat geklagt,

Dir deinen Namen nannte. Verschmäh nicht die Verwandte: Deine Mutter ist mir Muhme, Aller Erdenreinheit Blume,

Ob lautern Thau sie nie empfieng. Gott lohn's, daß dir so nahe gieng Mein Freund, den eine Tjost mir schlug. Hier hab ich ihn. Noth genug

Hat mir Gott an ihm gegeben, Daß er nicht länger sollte leben. Er war reich an Mannesgüte: Aus seinem Tod mein Leid erblühte;

Auch hat sich mir von Tag zu Tage Schmerzlich um ihn erneut die Klage.“ „O weh, wo blieb dein rother Mund! Bist dus, Sigune, die mir kund

That so getreulich, wer ich war? Dein lockig langes braunes Haar, Das ist von deinem Haupt geschwunden. Da ich dich in Briziljan gefunden,

Da warst du noch so minniglich, Obwohl schon Jammer warb um dich. Jetzt verlorst du Farb und Kraft. Dieser traurigen Gesellschaft

Verdröße mich, sollt ich sie haben: Laß diesen Todten uns begraben.“ Die Augen näßten ihr das Kleid. Auch hätt ihr wohl zu keiner Zeit

Lunete solchen Rath gegeben. Die rieth der Herrin: „Laßt am Leben Diesen Mann, der euern schlug: Er giebt euch wohl Ersatz genug.“

Sigune wollte kein Ersetzen Wie Fraun, die Wechsel mag ergetzen, Die mir zu nennen nicht behagen. Hört mehr Sigunens Treue sagen.

Die sprach: „Soll mir noch Freude werden, Die wird mir, wenn Ihn die Beschwerden Laßen, den unselgen Mann. Sollt er Hülf von dir empfahn,

Fürwahr, so bist du Preises werth; Du trägst am Gürtel auch sein Schwert. Kennst du auch des Schwertes Gaben? Du magst zum Streit wohl furchtlos traben.

Ihm liegen seine Schärfen recht. Ein Schmied von edelm Geschlecht, Trebüschet, schufs mit eigner Hand. Ein Brunnen steht bei Karnant;

Drum heißt des Landes König Lach. Das Schwert besteht den ersten Schlag, Doch von dem andern brichts entzwei. Bringst du's zum Brunnen, wieder neu

Wird es von des Waßers Guß. Doch von der Quelle nimm den Fluß, Am Fels, eh ihn beschien der Tag. Der Brunnen heißt auch selber Lach.

Wenn nicht versplittert sind die Stücken, Man muß sie recht zusammendrücken Indem der Brunnen sie benetzt; Ganz und noch viel schärfer jetzt

Wird gleich ihm Falz und Schneide sein Und jedes Mal behält den Schein. Doch das Schwert bedarf ein Segenswort: Das fürcht ich, ließest du dort.

Hat's jedoch dein Mund gelernt, So gedeiht und wächst und kernt Des Heiles Fülle stäts bei dir. Lieber Vetter, glaube mir,

So dienet immer deiner Hand Was Wunders dort dein Auge fand; So muß dir die Krone Des höchsten Heils zum Lohne

Ob allen Würdgen werden; Was man wünschen mag auf Erden Wird dir völlig gegeben: So reich mag Niemand leben,

Der sich dir vergleichen kann, Hast du der Frag ihr Recht gethan.“ „Keine Frage,“ sprach er, „that ich da.“ „O weh, daß euch mein Auge sah,“

Sprach die jammersreiche Magd, „Da ihr zu fragen habt gezagt! So große Wunder, wie ihr saht, Daß eur Mund da keine Frage that!

Ihr sahet doch den hehren Gral, Saht edler Frauen reiche Zahl, Die werthe Garschiloie Und Repans de Schoie,

Schneidendes Silber, blutgen Sper. O weh, was kommt ihr zu mir her? Unseliger, verfluchter Mann! Ihr tragt des giftgen Wolfes Zahn,

An dem die Galle bei der Treue So früh sich zeigt zu später Reue. Euch hätt eur Wirth erbarmen sollen, An dem Gott Wunder wirken wollen:

So fragtet ihr nach seiner Noth. Ihr lebt und seid am Heile todt.“ Da sprach er: „Liebe Base, zeigt Beßer, daß ihr mir geneigt.

Ich büß es, wenn ich was verbrach.“ „Das sei euch erlaßen,“ sprach Sigune. „Mir ist wohl bekannt, In Monsalväsch an euch verschwand

Ehr und ritterlicher Preis. Ihr findet nun in keiner Weis Antwort fernerhin bei mir.“ So schied Parzival von ihr.

Daß er zu fragen war so laß, Als er bei dem traurgen Wirthe saß, Das muste da in Treuen Den kühnen Degen reuen.

Seine Noth war groß, der Tag war heiß, Er begann zu triefen von Schweiß. Den Helm, sich zu lüften, band Er ab und trug ihn in der Hand;

Auch entstrickt er die Vinteilen sein; Durch Eisenrost war licht sein Schein. Er kam auf eine frische Spur: Vor ihm, wenig Schritte nur,

Gieng ein Ross gar wohl beschlagen, Und ein barfuß Pferd, das sah man tragen Eine Frau, die vor ihm ritt In einem hinkenden Schritt.

Von Mangel schien das Pferd gequält, Man hätt ihm durch die Haut gezählt Seine Rippen allzumal: Wie ein Härmlein war es fahl.

Eine Halfter trugs von Bast, Zu den Hufen fiel die Mähne fast, Die Augen tief, die Gruben weit. Der Gaul war von langem Leid

Abgequält und abgehetzt; Oft weckt ihn Nachts der Hunger jetzt. Er war dürr wie Zunder; Sein Gehn war ein Wunder,

Zumal die Werthe, die er trägt, Wohl selten noch ein Pferd gepflegt. Das Reitgeräthe allzumal War ohn alle Breite schmal,

Schellen, Sattelbogen Zerstückt und verbogen. Sie hatt an Ueppigkeit nicht Theil; Ihr Obergurt war ein Seil:

Dem war sie doch zu wohlgeborn. Hier ein Zweig und dort ein Dorn Hatt ihr das Kleid zerrißen. Wo's von Zerren war zersplißen,

Da wars geflickt mit Stricken; Darunter sah er blicken Ihre Haut noch weißer denn ein Schwan. Sie hatte nichts als Hadern an:

Wo ihr die geschützt die Haut, Da wurde sie so blank erschaut; Das Uebrige litt von Sonne Noth. Wie es auch kam, ihr Mund war roth:

Den sah man solche Farbe tragen, Man hätte Feuer draus geschlagen. Wo man sie mocht anreiten, Stäts wars zur bloßen Seiten,

(Nannte sie Einer Vilan Der hätt ihr Unrecht gethan), So wenig hatte sie an ihr. Unverdient, das glaubet mir,

Trug die Frau so großen Haß, Die nie der reinsten Zucht vergaß. Noch viel von ihrer Armut Sagt' ich leicht; es ist schon gut:

Ich nähm doch ihren bloßen Leib Für manches wohlgeschmückte Weib. Da Parzival den Gruß ihr bot, Sie erkannt' ihn gleich und wurde roth.

Er war der schönste Mann im Land, Drum hatte sie ihn bald erkannt. Sie sprach: „Ich hab euch einst gesehn; Groß Leid ist mir davon geschehn.

Möcht euch mehr Freud und Ehren Gott immerdar gewähren Als ihr verdient habt an mir. Nun hat mein Kleid nicht solche Zier,

Als da ihr mich zuerst ersaht. Herr, wenn Ihr mir nicht genaht Wäret zu derselben Zeit, So hätt ich Ehre sonder Leid.“

Da sprach er: „Frau, bedenkt es wohl, Wer euern Unmuth dulden soll. Nimmer ward (so viel ich weiß) Euch noch andrer Frau mit Fleiß

Schande zugefügt von mir (Es wär mir selber keine Zier), Seit ich den Schild zuerst gewann Und auf Waffenthaten sann.

Doch muß mich euer Kummer peinen.“ Sie ritt dahin mit lautem Weinen, Auf die Brüste rann es ihr, Brüste, wie gedreht so zier,

Sie standen hoch empor und weiß; Es könnte keines Drechslers Fleiß Sie schöner bilden sicherlich. War sie gleich so minniglich,

Sie must' ihn doch erbarmen. Mit den Händen, mit den Armen Begann sie sich zu decken Vor Parzival dem Recken.

Da sprach er: „Herrin, nehmt um Gott, Denn ich biet es ohne Spott, An euern Leib mein Ueberkleid.“ „Herr, und wär das außer Streit,

Daß all mein Glück daran hienge, So wagt' ich nicht, daß ichs empfienge. Wollt ihr uns Tödtens machen frei, So reitet schnell an mir vorbei:

Obwohl ich minder meinen Tod Beklagen würd als eure Noth.“ „Frau, wer nähm uns wohl das Leben? Das hat uns Gottes Macht gegeben.

Und heischt' es auch ein ganzes Heer, So stünd ich doch für uns zu Wehr.“ Sie sprach: „Es heischts ein werther Degen: Der ist so tapfer und verwegen,

Daß eurer Sechs ihn nicht bestreitet: Mir ist leid, daß ihr hier bei mir reitet. Ich bin einmal sein Weib gewesen; Jetzt taugte mein verkümmert Wesen

Des Helden Dirne nicht zu sein; So schafft er mir mit Zürnen Pein.“ Da hub er zu der Frauen an: „Sagt an, Wer ist bei euerm Mann?

Denn flöh ich jetzt nach euerm Rath, Das däucht euch selber Missethat. Bevor ich fliehen lerne, Ich sterbe wohl so gerne.“

Da sprach die bloße Herzogin: „Ich bin hier ganz allein um ihn: Das hilft euch nicht, wenn Streit sich hübe.“ Nichts als Hadern und die Schiebe

War an der Frauen Hemde ganz. Bei Armut trug sie den Kranz Weiblicher Zucht in Blüthe. Sie pflag so reiner Güte,

Daß aller Falsch an ihr verschwand. Er verstrickte der Vinteilen Band, Den Helm er mit den Schnüren, Zum Kampf ihn zu führen,

Auf dem Haupt zurechte rückte. Das Ross, das sich bückte, Schrie dem Pferde zu mit lautem Schall. Der da ritt vor Parzival

Und vor der bloßen Frauen, Vernahms, und wollte schauen Wer bei seinem Weibe ritte. Das Ross mit Zornessitte

Warf er herum mit aller Kraft. Mit eingelegtem Lanzenschaft Hielt der Herzog Orilus Zur Tjost bereit, mit festem Schluß

Und rechter mannlicher Wehr. Von Gahevieß war sein Sper: Die Farben zeigt' er oft genug, Die er auch in seinem Wappen trug.

Seinen Helm wirkte Trebüschet. Der Schild war zu Toled, In König Kailetens Land, Geschmiedet diesem Weigand;

Rand und Buckel hatten Kraft. Zu Alexandrien in der Heidenschaft War gewirkt ein Pfellel gut, Davon der Herzog hochgemuth

Trug so Kleid als Wappenrock. Seine Decke war zu Tenabrock Aus harten Ringen geschaffen. Sein Stolz war sichtbar in den Waffen.

Der Eisendecke Bezug War ein Pfellel, man schlug Ihn an, daß er nicht wohlfeil wär. Ihm waren reich und doch nicht schwer

Hosen, Halsberg, Härsenier. In manches Eisenschillier War gewappnet dieser kühne Mann, Gewirkt zu Bealzenan,

In der Hauptstadt von Anschau. Die Kleider dieser bloßen Frau Glichen Seinen nicht in Stoff und Schnitt, Die hinter ihm so traurig ritt,

Und es leider jetzt nicht beßer hatte. Von Soissons war die Harnischplatte; Sein Ross war von Brumbane De Salwäsch bei der Montane;

In einer Tjost Roi Lähelein Erwarb es da, der Bruder sein. Parzival war auch bereit: Galoppierend ritt er in den Streit

Gegen Orilus de Lalander. Auf dessen Schilde fand er Einen Wurm, als ob er lebte. Ein andrer Drache schwebte

Auf seinen Helm gebunden; Drachen wurden auch gefunden Goldgetrieben, zierlich klein (Mit manchem kostbaren Stein

War ein jeder ausgeschmückt, Von Rubin ihm Augen eingedrückt) Auf dem Helm und auf dem Kleid. Den Anlauf nahmen da weit

Die beiden Helden unverzagt. Von keinem ward erst widersagt, Weil sie der Treu schon ledig waren. In die Lüfte sah man fahren

Starke Splitter von den Schäften. Mein Ehrgeiz käm zu Kräften, Hätt ich solche Tjost gesehn Wie hier die Märe läßt geschehn.

Da ward in vollem Lauf geritten Und eine neue Tjost gestritten. Sich gestand Frau Jeschute Nie sah sie Tjost so gute.

Die hielt da, rang die Hände; Die freudenlos elende Gönnte beiden keinen Schaden. Im Schweiß sah man die Rosse baden.

Sie wollten beide Preis erringen. Den Glanz der blitzenden Klingen, Das Feur, das aus den Helmen sprang Bei manchem kräftigen Schwang,

Sah man leuchten fern und nah. Die besten Kämpfer waren da Im Kampf zusammen gekommen, Mög es schaden, möge frommen

Den Kühnen kampferfahren. Wie bereit die Rosse waren, Darauf sie beide saßen, Des Sporns sie nicht vergaßen,

Noch des Schwerts von lichtem Stahl. Preis verdient hier Parzival, Daß er sich also wehren kann Vor hundert Drachen, Einem Mann.

Der Drachen Einer ward versehrt, Mit mancher Wunde beschwert: Der auf Orilus Helme lag. So durchleuchtig, daß der Tag

Hindurch warf seinen vollen Schein, Stob nieder mancher Edelstein. Das ergieng zu Ross und nicht zu Fuß. Jeschuten ward des Mannes Gruß

Wieder erobert mit dem Schwert Durch diesen Degen kühn und werth. Im Anritt sie einander schoben, Daß die Ringe von den Knien zerstoben,

Ob sie gleich von Eisen waren. Sie wusten kampflich zu gebahren. Dem Einen reizt' es den Zorn, Daß seiner Frauen wohlgeborn

Jüngst Gewalt war geschehn, Die ihn zum Vogt doch hatt ersehn; Ihm war ihr Schutz und Schirm verliehn. Er wähnt', ihr weiblicher Sinn

Hätte sich von ihm gekehrt, Also daß sie hätt entehrt Keuschheit und Reine In verbotenem Vereine.

Das verzieh er ihr nicht; Auch ergieng sein Gericht So über sie, daß größre Noth Kein Weib noch litt, bis auf den Tod,

Und Alles doch ohn ihre Schuld. Er durft ihr freilich seine Huld Versagen, wenn er wollte; Niemand ihn hindern sollte,

Da der Mann des Weibes Meister ist. Doch unser Held, der das vergißt, Jeschuten mit dem Schwerte Orilusens Huld begehrte.

Sonst pflegt mans gütlich zu erbitten; Doch Er vergaß der Schmeichelsitten. Unrecht haben Beide nicht. Der was krumm ist und was schlicht

Erschuf, der möge beiden Den Kampf so gnädig scheiden, Daß es ohne Tod ergehe; Sie thun doch sonst sich wehe.

Nun stieg der Kampf zur Härte. Sie wehrten mit dem Schwerte Kühn den Preis einander. Dük Orilus de Lalander

Stritt nach früh erlernten Sitten. Wo hat ein Mann so viel gestritten? Er hatte Kunst genug und Kraft; Drum war er manchmal sieghaft

Geworden, wie es heut auch gieng. Das gab ihm Muth: er umfieng Den jungen starken Parzival. Doch der ergriff auch ihn zumal

Und hob ihn aus dem Sattel so: Wie eine Garbe Haferstroh Hielt er ihn untern Arm geschwungen, Und schnell mit ihm vom Ross gesprungen

Drückt' er ihn über einen Klotz. Da ließ besiegt von seinem Trotz, Der solcher Noth war ungewohnt. „Du büßest, daß so übel lohnt

Dieser Frau dein blöder Zorn. Sieh, nun bist du verlorn, Wenn du ihr deine Huld nicht schenkst.“ „Das geht so schnell nicht als du denkst,“

Sprach der Herzog Orilus: „Noch zwingt mich nichts zu solchem Schluß.“ Parzival der werthe Degen Drückt' ihn, daß des Blutes Regen

Aus dem Helme kam gesprungen. Da war der Fürst bezwungen, Man mochte viel von ihm erwerben: Er wollte doch nicht gerne sterben.

Der Held zu Parzival begann: „Weh, du kühner starker Mann, Wie verdient' ich solche Noth, Durch dich zu sterben den Tod?“

„Ich will dich gerne laßen leben,“ Sprach Parzival, „doch must du geben Dieser Frauen deine Huld.“ „Das thu ich nimmer: ihre Schuld

Ist so, daß man sie nie verzeiht. Sie war so reich an Würdigkeit: Die hat sie selber gekränkt Und mich in tiefes Leid gesenkt.

Ich leiste was du sonst begehrst, Wenn du das Leben mir gewährst. Das war mir sonst von Gott verliehn: Nun bracht es deine Kraft dahin,

Daß ichs danke Deinem Preise.“ So sprach der Fürst, der weise. „Mein Leben kauf ich theur von dir. In zweien Landen trägt die Zier

Der Königskrone würdiglich Mein Bruder, reicher viel als ich. Nimm dir, Welches dir gefällt, Daß ich dem Tod nicht sei gesellt.

Ich bin ihm lieb, er löset mich Wie ichs bedinge gegen dich. Auch nehm ich dann mein Herzogthum Von dir. Dein preislicher Ruhm

Erwarb hier neue Würdigkeit. Nur erlaß mir, Degen kühn im Streit, Diesem Weibe hold zu werden: Alles magst du sonst auf Erden

Mir gebieten immerhin. Mit der entehrten Herzogin Will ich nicht versöhnt mich sehn, Mag mir was da will geschehn.“

Parzival mit hohem Muth Sprach: „Leute, Land, noch fahrend Gut, Nichts kommt dir zu Gute hier, Es sei denn, du gelobest mir

Gen Britannien zu fahren, Und die Reise länger nicht zu sparen Zu einer Magd: die schlug um mich Ein Mann, ich räch es sicherlich,

Wenn Sie's nicht wehrt: das ist geschworen. Du sollst dem Mägdlein wohlgeboren Sichern und meinen Gruß ihr sagen: Wo nicht, so wirst du hier erschlagen.

Artus und seinem Ehgemahl Bringe meinen Gruß zumal: Sie lohnen meinen Dienst damit, Wenn sie Ihr vergüten, was sie litt.

Dazu will ich schauen, Daß du verzeihst dieser Frauen Ohn Arglist und Gefährde, Sonst must du statt zu Pferde

Auf einer Bahre hinnen reiten, Willst du mirs widerstreiten. Merk das Wort und thu die Werke; Deine Hand mirs eidlich bestärke.“

Da sprach der Herzog Orilus Zu Parzival mit Verdruß: „Mag dem Niemand widerstreben, So leist ichs, denn ich will noch leben.“

In der Furcht für ihren Mann Jeschute dachte kaum daran, Daß noch zu scheiden wär der Streit: Ihr war des Feindes Kummer leid.

Parzival ihn aufstehn ließ, Da er Verzeihung ihr verhieß. Der Bezwungne sagte da: „Frau, da dieß um euch geschah,

Daß ich den Unsieg hab erlangt, Wohl her, daß ihr den Kuss empfangt. Mir geht viel Preis durch euch verloren: Was thuts? das hab ich auch verschworen.“

Die Frau mit dem zerrißnen Kleid War zum Sprunge schnell bereit Von dem Pferd auf den Rasen. Wie das Blut aus der Nasen

Noch den Mund ihm machte roth, Sie küsst' ihn, als er Kuss gebot. Die dreie ritten unverwandt Vor eine Klaus in felsger Wand,

Weil Parzival der König da Eine Heilthumskapsel sah; Ein bemalter Sper daneben lehnt. Der Einsiedel hieß Trevrezent.

Parzival getreu verfuhr, Auf das Heilthum that er diesen Schwur; Er selber stabte sich den Eid Und sprach: „Hab ich Würdigkeit –

Ob ich sie habe oder nicht, Wer mit mir unterm Schilde ficht, Der erfährt wohl meine Ritterschaft. Dieses Namens ordentliche Kraft,

Wie uns des Schildes Amt besagt, Hat oftmals hohen Preis erjagt; Es ist auch noch ein hoher Nam. Ich aber will verzagter Scham

Stäts vor aller Welt verfallen, Und meinen Preis verlieren allen. Diesen Worten steh mein Glück zu Pfand Vor der Allerhöchsten Hand;

Ich zweifle nicht, die trage Gott. Mög ich denn Verlust und Spott In beiden Leben stäts empfangen Durch Seine Kraft, wenn sich vergangen

Hat diese Frau, da sichs begab, Daß ich ihr nahm den Fürspann ab: Noch führt' ich Goldes mehr hindann. Ich war ein Thor und noch kein Mann,

Zu klugen Sinnen nicht gediehn. Ich sah sie weinen und sich mühn, Vor Jammer schwitzt' ihr all der Leib: Sie ist wahrlich ein unschuldig Weib.

Ich nehm es nimmermehr zurück, Zu Pfande stell ich Ehr und Glück.“ „So laßt sie denn unschuldig sein. Seht, gebt ihr hin ihr Ringelein;

Ihr Fürspann wurde so verthan, Meine Thorheit sah man wohl daran.“ Die Gab empfieng der Degen gut. Da strich er von dem Mund das Blut

Und küsste sie, sein Herzenstraut; Auch bedeckt' er ihre bloße Haut. Ihr schob der Degen auserkannt Das Ringlein wieder an die Hand

Und legt' ihr an sein Ueberkleid. Das war von theuerm Pfellel, weit, Und von Heldeshand zerhauen. Noch selten hab ich Frauen

Wappenröcke sehen tragen, Die im Streite so zerschlagen. Ihr Ruf hat auch nicht oft Turnei Gesammeliert noch Sper entzwei

Gebrochen, wo es sollte sein. Der gute Knapp und Lämbekein Wüsten beßer wohl Bescheid. So ward die arme Frau befreit.

Der Herzog Orilus begann Zu Parzival dem kühnen Mann: „Held, mir schafft dein freier Eid Große Freud und kleines Leid.

Die Niederlage, die ich litt, Macht mich alles Kummers quitt. Wohl mit Ehren darf ich nun Der werthen Frau Genüge thun,

Die ich aus meiner Huld verstieß. Als ich die süße einsam ließ, Wars Ihre Schuld, was ihr geschehn? Doch weil sie sprach, du wärst so schön,

So wähnt' ich, wäre mehr dabei. Gott lohn dir, Sie ist Falsches frei: Ich hab ihr Unrecht gethan. Aus dem Wald zu Briziljan

Ritt ich dir nach durch jeune Bois.“ Parzival nahm den Sper von Troyes Und führt' ihn mit sich hindann. Den vergaß der wilde Taurian,

Dodines Bruder, dort. Nun sprecht, wie und an welchem Ort Uebernachten wohl die Helden? Von Helm und Schilden kann ich melden,

Man sah sie ganz verhauen. Der Held nahm von der Frauen Urlaub und von ihrem Herrn. Der edle Herzog nähm ihn gern

Mit sich an seine Feuerstatt: Es half ihm nicht, wie viel er bat. Die beiden Degen schieden hier, So sagt die Aventüre mir.

Als Orilus der werthe Held Wieder heimkam an sein Zelt, Wo er sein Jagdgesinde fand, Die Freud in Aller Augen stand,

Daß ihr Herr versöhnt erschien Mit der liebreichen Herzogin. Das blieb nun länger nicht gespart: Orilus entwappnet ward;

Auch wusch er Rost sich ab und Blut. Er nahm die Herzogin gut, Sie an die Sühnstatt zu geleiten; Zwei Bäder ließ er auch bereiten.

Da lag Frau Jeschute Weinend bei ihm, die gute, Vor Freude, nicht von Leideswegen, Wie noch wohl gute Frauen pflegen.

Auch ist das Sprichwort Vielen kund: Weinende Augen, süßer Mund. Davon zu sagen wär noch viel, Die Lieb ist Freud und Jammers Ziel.

Wer der Liebe Freud und Qualen Legt in verschiedne Wagschalen, Hielt' er ewig sich am wägen, So ist's, so bleibt es allerwegen.

Zur Sühne kams hier sicherlich; Dann giengen sie und badeten sich. Zwölf klare Jungfrauen Mochte man bei ihr schauen,

Die sie gepflegt, seit sie den Mann Ohne Schuld zum Feind gewann. Sie theilten Nachts ihr Decken mit, Wie bloß sie oft am Tage ritt.

Sie jetzt zu baden, freute sie. Wollt ihr nun gerne hören (wie Orilus des inne ward) Aventüre von Artusens Fahrt?

So begann ein Ritter ihm zu sagen: „Auf einem Plan sind aufgeschlagen Tausend Zelte, wo nicht mehr. Artus, der reiche König hehr,

Den die Britten nennen ihren Herrn, Lagert dort, von uns nicht fern, Mit wonniglicher Frauen viel; Eine Meile fern ist uns das Ziel.

Da ist auch von Rittern großer Schall. Sie liegen den Plimizöl zu Thal Dieß- und jenseits vom Gestade.“ In Eil fuhr aus dem Bade

Orilus der Herzog froh; Er und Jeschute thaten so: Die süße Herrin wohlgethan Gieng zu seinem Bett heran

Aus dem Bad: sie hatten frohe Zeit. Sie verdiente wohl ein beßer Kleid Als lange ward der Armen. Mit engem Umarmen

Gab Minne freudigen Gewinn Dem Herzog und der Herzogin. Die Fürstin zogen Jungfraun an; Die Rüstung brachte man dem Mann.

Jeschutens Kleid war wohl zu loben. Vögel gefangen auf dem Kloben Die Zwei mit Freuden aßen, Die vor dem Bette saßen.

Frau Jeschute manchen Kuss Empfieng; den gab ihr Orilus. Da brachte man der Fraue werth Ein schönes starkes Zelterpferd;

Gezäumt ists und gesattelt wohl. Man hebt sie drauf, die reiten soll Von hinnen mit dem Kühnen. Sein Ross trug Eisenschienen,

Wie er es heut im Streit geritten. Das Schwert, mit dem er früh gestritten, Vorn vom Sattel niederhieng. Von Haupt zu Fuß gewappnet gieng

Der Herzog zu dem Pferde hin Und sprang drauf vor der Herzogin. Eh er mit ihr fuhr hindann, Gebot er seinem ganzen Bann

Gen Laland heimzukehren; Nur ein Ritter sollt ihn lehren Wo König Artus weile, Sein harrn das Volk derweile.

Sie waren Artus schon so nah, Daß man seine Zelte sah Am Waßer prangen nicht mehr fern: Da ward der Ritter von dem Herrn

Zurückgesandt, der ihn geleitet. Frau Jeschute nur begleitet Ihn als Gesind, und Niemand mehr. Artus der reiche König hehr

War nach dem Eßen Auf einem Plan umseßen Von der Tafelrunder Reihe. Orilus der Falschesfreie

Kam da in ihren Kreiß geritten; Sein Helm, sein Schild war so verschnitten, Man sah da keiner Zierde Mal: Die Schläge schlug ihm Parzival.

Vom Rosse sprang der kühne Mann; Frau Jeschute hielt es an. Mancher Junker näher sprang; Um ihn und sie war großer Drang:

„Laßt uns der Rosse pflegen.“ Orilus der werthe Degen Legt' auf's Gras des Schildes Scherben Und begann nach Ihr, der sein Werben

Galt, zu fragen allzuhand. Kunneware de Laland Ward ihm gezeigt, wo sie saß, Die nichts an edler Zucht vergaß.

Gewappnet er so nahe gieng, Daß ihn das Königspaar empfieng. Er gieng und brachte Sicherheit Seiner Schwester, der schönen Maid.

Bei den Drachen am Gewand Hatte sie ihn gleich erkannt. Sie sprach: „Du bist der Bruder mein, Orilus oder Lähelein.

Nicht nehm ich eure Sicherheit: Ihr wart mir beide stäts bereit Zu jedem Dienste, der mir Noth. Ich wär an aller Treue todt,

Sollt ich wider euch kriegen, Mich selbst um Zucht betriegen.“ Der Herzog kniete vor der Magd. Er sprach: „Du hast wahr gesagt:

Dein Bruder Orilus bin ich. So zwang der rothe Ritter mich, Dir Sicherheit zu geben; So erkauft ich mir das Leben.

Nimm sie an: so thu ich nur Was ihm verheißen hat mein Schwur.“ Sie empfieng die Treu in weiße Hand Des, der trug den Serpant,

Und gab ihn frei. Als das geschah, Aufstehend sprach der Kühne da: „Nun zwingt die Treue mich zu klagen: O weh, wer hat dich geschlagen?

Deine Schläge thun mir auch nicht wohl: Wird es Zeit, daß ich sie rächen soll, So sieht, wer Lust hat, es zu sehn, Mir sei groß Leid daran geschehn.

Auch hilft der kühnste Mann mirs klagen, Den je ein Mutterschooß getragen: Der nennet sich der Ritter roth. König und Köngin, er entbot

Euch seine Dienste williglich, Und meiner Schwester sonderlich. Ihr lohnt ihm seinen Dienst damit, Ihr zu vergüten, was sie litt.

Auch hätt ichs sicherlich genoßen Bei dem Helden unverdroßen, Wüst er, wie nahe sie mir steht, Und mir ihr Leid zu Herzen geht.“

Keie erwarb da neuen Haß Von Rittern, Fraun und Wer da saß Am Gestad des Plimizöl. Gawan und Jofreit, Fils Idöl,

Und von dessen Noth ihr höret eh, Den gefangnen König Klamide Und sonst noch manchen werthen Mann (Deren Namen ich wohl nennen kann,

Doch will ich es nicht längen), Sah man sich um sie drängen. Ihr Dienst ward höfisch angenommen. Jeschute muste näher kommen

Auf ihrem Pferd, wo sie noch saß. Der König Artus nicht vergaß, Und sein Weib die Königin, Sie giengen grüßend zu ihr hin.

Von den Frauen mancher Kuss geschah. Zu Jeschuten sprach Herr Artus da: „König Lach von Karnant, Euer Vater, war mir so bekannt,

Daß ich euern Kummer klagte, Als man davon mir sagte. Auch seid ihr selbst so wohlgethan: Wie that der Freund euch Solches an?

Denn euer minniglicher Glanz Erwarb zu Kanedig den Kranz: Weil ihr trugt der Schönheit Krone Ward der Sperber euch zum Lohne,

Er ritt auf eurer Hand hindann. Was Orilus mir auch gethan, Euch gönnt ich nicht des Leids Beschwer, Und gönne sie euch nimmermehr.

Mir ist lieb, daß ihr versöhnet seid Und wieder herrliches Kleid Tragt nach eurer großen Noth.“ Sie sprach: „Herr, das vergelt euch Gott:

So wird auch euer Preis gemehrt.“ Jeschuten und den Herzog werth Nahm da mit sich an der Hand Frau Kunneware de Laland.

In des Kreises Befang, Wo ein Brunnen laut entsprang, War ihr Pavillon zu schauen: Da schlug ein Wurm die Klauen

Halb um einen Apfelknauf. Vier Seile zogen den Drachen auf, Als ob er lebend flöge, In die Luft das Zelt ihr zöge.

Der Fürst erkannt es an dem Bild; Denn er trugs in seinem Wappenschild. Entwappnet ward er in dem Zelt; Die süße Schwester bot dem Held

Ehre sattsam und Gemach. All das Ingesinde sprach, Des rothen Ritters Kraft und Muth Wär zum höchsten Preise gut.

So sprach man unverhohlen. Kei bat Kingraun verstohlen, „Dient Orilus an meiner Statt!“ Er konnt es wohl, den er da bat,

Denn er hatt es oft gethan Vor Klamide zu Brandigan. Warum er selbst den Dienst vermied? Weil ihm einst sein Unstern rieth

Des Fürsten Schwester hart zu schlagen: Drum must er solchem Dienst entsagen. Auch wollt ihm nicht die Schuld verzeihn Das wohlgeborne Mägdelein.

Doch schickt' er Speise hin genug: Kingraun sie Orilusen trug. Kunnewar, die löblich weise, Schnitt dem Bruder seine Speise

Mit ihrer blanken linden Hand. Frau Jeschute von Karnant Bei ihm bescheiden saß und aß. Artus der König nicht vergaß,

Er kam hin wo Beide saßen, Freundlich beisammen aßen. Er sprach: „Dient man euch übel hie, Mein Wille sicher war es nie.

Ihr aßt noch keines Wirthes Brot, Der es mit beßerm Willen bot: Das ist sicherlich wahr. Nun sollt ihr, Frau Kunnewar,

Eures Bruders gütlich pflegen; Gute Nacht leih Gottes Segen.“ Da gieng Artus zur Ruhestätte; Orilusen wurde solch ein Bette,

Daß sein Frau Jeschute pflag Geselliglich bis an den Tag.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Anfortas. · Wolfram von Eschenbach · Poetry Cove