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1877

Die Wolkenstadt

Bruno Wille

Über rußbestaubten Dächerwogen, Straßendunst und dumpfem Werkgetose, Über all dem bang beladnen Volke Schwebt die Wolke

Blendend weiß, wie eine Riesenwasserrose Über schwarzem Kolke. Und hernieder blickt die Reine In den düstern Hof, wo zwischen Mauern,

Ungeliebt vom Sonnenscheine, Ein gebeugtes Weib die Jugend muß vertrauern Bei der Nadel fieberhaftem Rasseln. – Blasses Weib, erhebe dein Gesicht

Zu der Wolke hehrem Licht! Und ihr Werkelmänner arbeitsheiß, Laßt das Hämmern, laßt des Schwungrads Treiben, Tretet an die trüben Werkstattscheiben,

Trocknet von der Stirn den Schweiß, Andachtsvoll den Blick erhoben Zu der weißen Wolke droben! Alle, die durch graue Gassen

Grübelnd hasten und einander hassen Um ein karges, hartes Brod, Die um armen Leibes Not In das Morgen schaun mit Bangen,

Die gebrochen und verlassen Hüsteln mit gehöhlten Wangen, Die den Tod verzweifelnd suchen, Oder hinter Eisenstangen

Schmachtend fluchen, – All die Fensteraugen jener langen Häuserreihen sollen aufwärts schauen Zur verklärten Wolke.

In dem matten, wasserblauen Abendhimmel schwimmt das selige Eiland Ruhevoll und glänzend weiß, Wie auf Hochgebirgen keusches Eis.

Sanfte Thäler thun sich droben auf; ich schaue Seidenzarte, schneeige Hyazinthenfelder, Auf den Hügeln duftige Apfelblütenwälder Und dazwischen, blitzend gleich dem Thaue,

Alabasterne Paläste. Um Geblüm und Blütenäste Hauchen Lüfte, frisch wie auf der Alpenaue, Und da singt es wie von Kinderstimmen.

Doch wo weilen sie, die auf den Himmelsthronen Rein und selig wohnen? Dort an weißer Hügel Rändern Stehen sie in schimmernden Gewändern,

Eng geschaart. Und sieh, die Einen Hüllen ihr Gesicht und weinen, Andre schauen starr und trauernd, Oft zusammenschauernd,

Wie entsetzt, hernieder Auf der Weltstadt wüste Riesenglieder, Die in Staub und Sünde angstvoll keucht. Und in liebendem Erbarmen

Möchten sie die Stadt umarmen: „Arme trübe Schwester, hebe Deinen Blick zu uns und schwebe Sehnsuchtsvoll empor, –

Wie ein frisch erblühter Silberfalter Sonnetrunken aufwärts fliegt, Während grau und leer sein alter Puppenschrein im Staube liegt.“

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