Wolke – du weiße Taube im Blauen – Willst du mich locken zu seligem Fluge Über die jugendfröhlichen Wiesen, Über der Wälder jubelnde Häupter,
Über den spiegelnden See? – Ach ich kann nicht schwärmen wie eh'. Über Wiesen, über Wälder Seh ich finstre Schatten gleiten,
Trauerschatten ... mir wird so weh. Wie ein Wandrer, Der zur sterbenden Mutter eilt, Vor Sorge nicht sieht die Gärten am Wege,
Und der Bäume, der alten Freunde, Grüßendes Flüstern überhört: So schwebt vom deutenden Hügel Meine seufzende Seele
Achtlos über den Reiz der Flur Zur fern gelagerten Stadt Und umfängt die trübe Stadt Mit leidender Liebe –
Wie der weinende Wandrer Die kranke Mutter. Leidende Liebe! Kränze mein williges Haupt
Mit dornigen Träumen, Laß mein durstendes Auge trinken Meiner Geschwister Leiden! – Mit Geliebten Leiden ist süß,
Und Vergessen ist Sünde. Trübe Stadt, mürrische Schaar Schwärzlicher Dächer in Dunst gehüllt, Steinerne Nester brütender Uebel,
Feuchte Kerkermauern, Bange Krankenkammern Meiner bleichen Geschwister! ... Dort am engen Giebelfenster
Trauert ein blasses Mädchengesicht Gleich welkender Blume geneigt; Durch die schmalen Finger Schleicht der Faden schlangenhaft
Und heftet die matte Hand An das peinliche Gewebe. Finster wie ein Sklavenvogt Schaut vom Hofe die Mauer zu.
Drunten im sonneschmachtenden Hofe Sitzt auf kühlen Steinen ein Kind Träumerischen Auges Und spielt mit Hölzchen
Und pflanzt die Hölzchen in spärliche Erde Und baut ein Gärtchen Im sonneschmachtenden Hofe. Heimlich aber schleicht das Siechthum
Und küßt des Kindes Wange. Wo ist des Kindes Mutter? Sie krümmt den schmerzenden Rücken Am dunstigen Waschfaß,
Bis die barmherzige Nacht Die müde Hand ergreift. Der Vater aber steht Auf staubiger Straße im Sonnenbrand
Und schwingt mit braunen Armen Den eisenbereiften Stampfer Zum Stoß auf ächzende Steine, Um zu ersticken
Der Erde keimende Sehnsucht, Halm und Blumen. – Und Mutter Erde lockte so gern Die Menschenkinder mit Halm und Blumen
Zu Kindesliebe und Kindesglück ... O dornige Träume, Schmiegt euch heiß und heißer Um die Erlösung grübelnde Stirn.
Wilder lodre mein Sehnen, Lauter rufe mein Flehen: Erlösender Tag, erwache! Früher hebt der erlösende Tag
Dann vom Schlaf sein muthiges Haupt; Himmlisches Licht Regnet auf die schmachtende Stadt Die finstern Dächer vergoldend;
Wonnige Luft in Strömen Bespült die dumpfigen Mauern Und scheucht aus steinernen Nestern Dunkle Wolken gespenstischer Vögel.
O selig, Zu öffnen die Thore der Stadt, Genesende Geschwister Zu führen an den Händen
Zur mutterglücklichen Natur, Die mit heißem Sonnenmunde Die bleichen Kinder küßt! Dann schwärmen wir
Hand in Hand, Gelockt von fliegenden Wolken, Den weißen Tauben im Blauen, Über die jugendfröhlichen Wiesen,
Über der Wälder jauchzende Häupter, Über den wonnespiegelnden See.
Cookies on Poetry Cove