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1877

Aufruhr

Bruno Wille

An meinem Lager hält die Nacht Schweigend ihre Leichenwacht. Nur draußen über Häuserdächer streift Ein ruheloser Luftgeist, –

Wie Trauergewandung Über Sargesdeckel schleift. Unter den Dächern Modert es zahllos

Wie unter herbstlichen Bäumen Gestorbenes Laub ... Die Völker sind tot! Wohl sickert warmes Blut

Durch ihre Adern, Wohl heben sie im Morgengrau Augenlider und Häupter: Doch mürrisch wie Gefangne;

Und mürrisch strömt es durch die Straße Zu kerkerhaften Mauern, Wo Menschenleiber sich wandeln Zu Räderwerk und Balken,

Zu stumpfen Riesenmaschinen, Die stampfen und schaffen und stampfen, Bis draußen der sonnige Tag Wehmütigen Blicks zur Neige geht.

Und wieder auf die Straße strömt es, Aufthun sich die dumpfigen Häusersärge, Die Völker strecken sich nieder Und liegen tot.

Nur heimlich in den Häupten Keimen Träume, – Wie krankhaft bleiche Keime An Wurzelknollen, die im Keller lagern,

Sehnlich tasten Nach warmem Sonnenbade. – An meinem Lager hält die Nacht Finster ihre Leichenwacht.

Doch draußen über die Dächer Geht ein Seufzen; Das wird zum Stöhnen, Zu murrender Klage;

Zornig stößt ein Wind das Haus, Ein andrer Wind heult auf, Und heran stürmt es Bedrohlich brausend,

Wie tobende Aufruhrrotten. Thüre schlottert, Fenster rasselt, Luke klappt, Dachsparren knarren, Losgelöste Ziegel scharren

Übers Dach und krachen auf das Pflaster. Aus schnarchendem Schlaf in Federn Schrickt der Bürger empor Und horcht,

Wie's im Kamine schaurig heult Und durch den Thürspalt zischt: „Herbei, und schlüpft in die Kammer! Blaset den Narren, blaset!“

Und wie am Kirchthurm droben Die Wetterfahne ängstlich kreischt, – Bis ein wuchtiger Windstoß Von verbogener Stange

Die Rostige abbricht; Sie schollert übers Kirchendach Und prasselt auf das Pflaster Dem Pfarrer vor das Fenster.

Der Straßenwächter fährt zusammen, Entweicht zur nahen Hausthür Und schmiegt sich fröstelnd in die Nische. Drüben an der Anschlagsäule

Zerren spöttische Geister Am Papierbefehle Der hohen Obrigkeit Und wirbeln den Fetzen mit Straßenspreu.

Hinter der Mauer im Hofe Hebt der einsame Baum Zu den Lüften flehende Arme Und stöhnt und wimmert:

„Nehmt mich mit! Reißt mich aus! Fort aus steinerner Wüste, Aus dumpfigen Kerkermauern

Hinaus ins himmlische Freie Zu sonnefrohen Geschwistern!

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