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1773

Dritter GesangFußnoten

Christoph Martin Wieland

Am fünften, da ihr Weg sich durch Gebirge stahl, Auf einmal sehen sie in einem engen Tal Viel reiche Zelten aufgeschlagen, Und Ritter, mehr als zwanzig an der Zahl,

Die gruppenweis umher in Palmenschatten lagen. Sie ruhten, wie es schien, nach ihrem Mittagsmahl: Indessen Helm' und Speer' an niedern Ästen hingen, Und ihre Pferde frei im Grase weiden gingen.

Kaum wird die ritterliche Schar Der beiden Reisigen noch auf der Höh gewahr, So raffen alle von der Erde Sich eilends auf aus ihrer Mittagsruh,

Als ob zum Kampf geblasen werde. Das ganze Tal wird reg in einem Nu, Man zittert hin und her, man läuft den Waffen zu, Die Ritter rüsten sich, die Knappen ihre Pferde.

„Laß sehen“, spricht mein Held zu Scherasmin, „Was diese Ritterschaft, die dem Verdauungswerke So friedlich obzuliegen schien, In solche Unruh setzt.“ – „Wir selber, wie ich merke“,

Erwidert jener; „seid auf eurer Hut. Sie kommen uns in halbem Mond entgegen.“ Herr Hüon zieht mit kaltem Blut den Degen, „Freund“, spricht er, „der ist mir für allen Schaden gut.“

Indem tritt aus dem Kreis, in seinem Wehrgeschmeide, Ein feiner Mann hervor, grüßt höflich unsre beide, Und bittet um Gehör. „Mit Gunst, Herr Paladin! Ein jeder“, spricht er, „ist hier angehalten worden,

Wer noch von unserm Stand und Orden Seit einem halben Jahr in diesem Tal erschien. Nun steht's in eurer Wahl, ein Speerchen hier zu brechen, Wo nicht, sogleich zu tun, warum wir euch besprechen.“

„Und was?“ fragt Hüon züchtiglich. „Nicht weit von hier“, spricht jener, „mästet sich In einer festen Burg der Riese Angulaffer; Ein arger Christenfeind, ein wahrer Wüterich,

Auf schöne Fraun erpichter als ein Kaffer, Und, was das schlimmste ist, fest gegen Hieb und Stich, Kraft eines Rings, den er dem Zwerg genommen, Aus dessen Park die Herren hergekommen.

Mein Herr, ich bin ein Prinz vom Berge Libanon. Ich hatte mich dem Dienst der schönsten aller Schönen Drei Jahre sonder Minnelohn Verdingt, bevor sie sich so viele Treu zu krönen

Erbitten ließ: und wie ich nun als Bräutigam Ihr eben itzt den Gürtel lösen wollte, Da kam der Wehrwolf, nahm sie untern Arm und trollte Vor meinen Augen weg mit meinem holden Lamm.

Fast sieben Monden sind verflossen, Seit ich zu ihrem Heil mein Äußerstes versucht: Allein der Eisenturm, worein er sie verschlossen, Wehrt mir den Zugang, ihr die Flucht.

Das Einzge, was von Amors süßer Frucht Ich in der langen Zeit genossen, War, Tage lang von fern auf einem Baum zu lauern, Und hinzusehn nach den verhaßten Mauern.

Zuweilen däuchte mich sogar Ich sehe sie, in los gebundnem Haar, Am Fenster stehn, mit aufgehobnen Armen, Als flehte sie zum Himmel um Erbarmen.

Mir fuhr ein Dolch ins Herz. Und die Verzweiflung nun Trieb mich, seit jenem Tag, aus bloßer Not zu tun Was ihr erfahren habt, wie alle diese Streiter: Kurz, ungefochten, Herr, kommt hier kein Ritter weiter.

Gelingt es euch, was keinem noch gelang, Aus meinem Sattel mich zu heben, So seid ihr frei und reiset ohne Zwang Wohin ihr wollt: wo nicht, so müßt ihr euch ergeben,

Wie diese Herren hier, mir zu Gebot zu stehn, Und keinen Schritt von hier zu gehn, Bis wir das Abenteur bestanden Und meine Braut erlöst aus Angulaffers Banden.

Doch, wenn ihr etwa lieber schwört In seinen Eisenturm geraden Wegs zu dringen, Und meine Angela allein zurück zu bringen, So habt ihr freie Wahl, und seid noch Dankes wert.“

„Prinz“, sprach der Paladin, „was braucht's hier erst zu kiesen? Genug, daß ihr die Ehre mir erwiesen! Kommt, einen Ritt mit euch und eurer ganzen Zahl, Vom übrigen ein andermal!“

Der schöne Ritter stutzt, doch läßt er sich's gefallen: Sie reiten, die Trompeten schallen, Und, kurz, Herr Hüon legt mit einem derben Stoß Den Prinzen Libanons gar unsanft auf den Schoß

Der guten alten Mutter Erde. Drauf kommen nach der Reih die edeln Knechte dran; Und als er ihnen so wie ihrem Herrn getan, Hebt er sie wieder auf mit höflicher Gebärde.

„Bei Gott, Herr Ritter, (spricht, indem er zu ihm hinkt, Der Cedernprinz) ihr seid ein scharfer Stecher! Doch Basta! eure Hand! Kommt, weil der Abend winkt, Zum brüderlichen Mahl und zum Versöhnungsbecher.“

Herr Hüon nimmt den Antrag dankbar an: Drei Stunden flogen weg mit Trinken und mit Scherzen; Und, wie die Ritter ihn so schön und höflich sahn, Verziehn sie ihm ihr Rippenweh von Herzen.

„Itzt“, spricht er, „liebe Herrn und Freunde, da ich euch Was mein war ehrlich abgewonnen, Itzt, sollt ihr wissen, geht's geraden Weges gleich Dem Riesen zu. Ich war's vorhin gesonnen,

Und tu es nun mit desto größrer Lust, Weil einem Biedermann ein Dienst damit geschiehet.“ Drauf dankt er daß sie sich so viel mit ihm bemühet, Und drückt der Reihe nach sie all' an seine Brust.

Und als sie ihm zur Burg des ungeschlachten Riesen Durch einen Föhrenwald den nächsten Weg gewiesen, Entläßt er sie, mit der Versicherung, Sie sollten bald von ihrer Dame hören.

„Lebt wohl, ihr Herrn!“ – „Viel Glücks!“ – Und nun in vollem Sprung Zum Wald hinaus. Kaum rötete die Föhren Die Morgensonn, als ihm im blachen Feld Ein ungeheurer Turm sich vor die Augen stellt.

Aus Eisen schien das ganze Werk gegossen, Und ringsum war's so fest verschlossen, Daß nur ein Pförtchen, kaum zwei Fuß breit, offen stand; Und vor dem Pförtchen stehn, mit Flegeln in der Hand,

Zwei hochgewaltige metallene Kolossen, Durch Zauberei belebt, und dreschen unverdrossen So hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag Sich unzerknickt kein Lichtstrahl drängen mag.

Der Paladin bleibt eine Weile stehen; Und, wie er überlegt was anzufangen sei, Läßt eine Jungfrau sich an einem Fenster sehen, Und winkt gar züchtiglich ihn mit der Hand herbei.

„Ei ja!“ ruft Scherasmin, „die Jungfer hat gut winken! Ihr werdet doch kein solcher Waghals sein? Seht ihr die Schweizer nicht zur Rechten und zur Linken Da kommt von euch kein Knochen ganz hinein!“

Doch Hüon hielt getreu an seiner Ordensregel, Dem Satan selber nicht den Rücken zuzudrehn. „Hier“, denkt er, „ist kein Rat als mitten durch die Flegel Geradezu aufs Pförtchen los zu gehn.“

Den Degen hoch, die Augen zugeschlossen, Stürzt er hinein; und, wohl ihm! ihn verführt Sein Glaube nicht; die ehernen Kolossen Stehn regungslos, so bald er sie berührt.

Kaum ist der Held hinein gegangen, Indessen Scherasmin im Hof die Pferde hält, So eilt die schöne Magd den Ritter zu empfangen; Mit schwarzen Haaren, die ihr am Rücken niederhangen,

In weißem Atlasrock, der bis zur Erde fällt, Und den am leicht bedeckten Busen Ein goldnes Band zusammen hält, Das zierlichste Modell zu Grazien oder Musen!

„Was für ein Engel, (spricht, indem sie seine Hand Nur kaum berührt, das Mädchen süß errötend) Was für ein Engel, Herr, hat euch mir zugesandt, Ich stand am Fenster just, zur heilgen Jungfrau betend,

Als ihr erschient. Gewiß hat Sie's getan, Und als von Ihr geschickt nimmt Angela euch an. Von Ihr, die schon so oft sich meiner angenommen, Zu Hülfe mir gesandt, seid tausendmal willkommen!

Nur laßt uns nicht verziehn; denn jeder Augenblick Ist mir verhaßt, den wir in diesem Kerker weilen.“ „Ich komme nicht“, spricht Hüon, „so zu eilen: Wo ist der Ries?“ – „O der“, versetzt sie, „liegt, zum Glück,

In tiefem Schlaf, und wohl, daß ihr ihn so getroffen; Denn, ist er wieder auferweckt, Vergebens würdet ihr ihm obzusiegen hoffen, So lang der Zauberring an seinem Finger steckt.

Doch diesen Ring ihm sicher abzunehmen Ist's noch gerade Zeit.“ „Wie so?“ – „Der tiefe Schlaf, Der täglich drei- bis viermal ihn zu lähmen Und zu betäuben pflegt, ist kein gemeiner Schlaf.

Ich will euch, weil noch wohl zwei ganze Stunden fehlen Bis er erwacht, die Sache kurz erzählen. Mein Vater, Balazin von Phrygien genannt, Ist Herr von Jericho im Palästinerland.

Beinah vier Jahre sind's, seit mich Alexis liebte, Der schönste Prinz vom Berge Libanon; Und wenn ich ihn durch Sprödetun betrübte, So wußte, glaubet mir, mein Herz kein Wort davon:

Es fiel mir schwer genug! Doch, in den ersten Wochen Hatt' ich's der heiligen Alexia versprochen, Nur, wenn der Prinz drei Jahre keusch und rein

Mir diente, anders nicht, die Seinige zu sein. Ganz heimlich ward er mir mit jedem Tage lieber; Die Prüfungszeit war lang, allein sie ging vorüber; Ich ward ihm angetraut, – und kurz, schon sahen wir

Ins Brautgemach zusammen uns verschlossen: Auf einmal flog im Sturm die Kammertür Erdonnernd auf, der Riese kam geschossen, Ergriff mich, floh, und sieben Monden schier

Sind, seit mich dieser Turm gefangen hält, verflossen. Zu wissen, ob der Ries es mir so leicht gemacht Ihm Stürme ohne Zahl beständig abzuschlagen, Müßt ihr ihn selber sehn. Mein Herr, was soll ich sagen?

Stets angefochten, stets den Sieg davon zu tragen, Ist schwer. Einst, da er mich in einer Mondscheinsnacht (Noch schaudert's mich!) aufs Äußerste gebracht, Fiel ich auf meine Knie, rief mit gerungnen Händen

Die Mutter Gottes an, mir Hülfe zuzusenden. Die holde Himmelskönigin Erhörte mich, die Jungfrau voller Gnaden. Getroffen wie vom Blitz sank der Versucher hin,

Und lag, ohnmächtig mir zu schaden, Sechs ganzer Stunden lang. So oft, seit dieser Zeit, Er den verhaßten Kampf erneut, Erneut das Wunder sich; stracks muß sein Trotz sich legen,

Und nichts vermag sein Zauberring dagegen. Dies war erst heute noch der Fall; und nach Verlauf Der sechsten Stunde (vier sind schon davon verloffen) Steht er zu neuem Leben auf,

So frisch und stark, als hätt ihn nichts betroffen. Des Ringes Werk ist dies. So lang ihn der beschützt, Kann ihm am Leben nichts geschehen. Ihr glaubt nicht was der Ring für Tugenden besitzt!

Allein, was hält euch, selbst das alles anzusehen?“ Nun ging's dem Ritter just wie euch. Er hatte sich, nach Angulaffers Namen, Ein Untier vorgestellt aus Titans rohem Samen,

Den wilden Erdensöhnen gleich, Die einst, den Göttersitz zu stürmen, Den hohen Pelion zusamt den Wurzeln aus Der Erde rissen, um ihn dem Ossa aufzutürmen:

Nun ward ein Mann von sieben Fuß daraus. Habt ihr das Götterwerk von Glykon je gesehen, Den großen Sohn der langen Wundernacht, Im Urbild, oder nur in Gipse nachgemacht,

So denkt, ihr seht den Mann leibhaftig vor euch stehen, Der in der schönen Mondscheinsnacht Die arme Angela aufs Äußerste gebracht. Ihn hätte, wie er lag, von unsern neuern Alten

Der Schlauste für ein Bild vom Herkules gehalten; Für einen Herkules in Ruh, Als er dem Augias den Marmorstall gemistet; So breit geschultert, hoch gebrüstet

Lag Angulaffer da; auch traf die Kleidung zu. Der Ritter stutzt: denn in den Altertümern Lag seine Stärke nicht; und so, vorm keuschen Blick Des Tages, im Kostüm der Heldenzeit zu schimmern,

Däucht ihm ein wahres Heidenstück. „Nun“, flüstert ihm die Jungfrau, „edler Ritter, Was zögert ihr? Er schläft. Den Ring, und einen Hieb, So ist's getan!“ – „Dazu ist mir mein Ruhm zu lieb.

Ein Feind, der schlafend liegt, und nackter als ein Splitter, Schläft sicher neben mir: erst wecken will ich ihn.“ „So macht euch wenigstens zuvor des Ringes Meister“, Spricht sie. Der Ritter naht, den Reif ihm abzuziehn,

Und macht, unwissend, sich zum Oberherrn der Geister. Der Ring hat, außer mancher Kraft Die Hüon noch nicht kennt, auch diese Eigenschaft, An jeden Finger stracks sich biegsam anzufügen;

Klein oder groß, er wird sich dehnen oder schmiegen Wie's nötig ist. Der Paladin begafft Den wundervollen Reif mit schaurlichem Vergnügen, Faßt drauf des Riesen Arm, und schüttelt ihn mit Macht

So lang und stark, bis er zuletzt erwacht. Kaum fängt der Riese sich zu regen an, so fliehet Die Tochter Balazins mit einem lauten Schrei. Herr Hüon, seinem Mut und Ritterstande treu,

Bleibt ruhig stehn. Wie ihn der Heide siehet, Schreit er ihn grimmig an: „Wer bist du, kleiner Wicht, Der meinen Morgenschlaf so tollkühn unterbricht, Dein Köpfchen muß, weil du's von freien Stücken

Mir vor die Füße legst, dich unerträglich jücken?“ „Steh auf und waffne dich“, versetzt der Paladin, „Dann, Prahler, soll mein Schwert dir Antwort geben! Der Himmel sendet mich zur Strafe dich zu ziehn;

Das Ende naht von deinem Sündenleben.“ Der Riese, da er ihn so reden hört, erschrickt Indem er seinen Ring an Hüons Hand erblickt. „Geh“, spricht er, „eh mein Blut beginnt zu sieden,

Gib mir den Ring zurück und ziehe hin in Frieden.“ „Ich nahm dir nur was du gestohlen ab, Und dem er angehört werd ich ihn wieder geben“, Spricht Hüon; „ich verschmäh ein so geschenktes Leben

Steh auf und rüste dich, und komm mit mir herab!“ „Du hättest mich im Schlaf ermorden können“, Versetzt der Reck in immer sanfterm Mut; „Du bist ein Biedermann; mich daurt dein junges Blut;

Gib mir den Ring, den Kopf will ich dir gönnen.“ „Feigherziger“, ruft Hüon, „schäme dich! Vergebens bettelst du! Stirb, oder, wenn du Leben Verdienst, verdien es ritterlich!“

Jetzt springt der Unhold auf, daß selbst die Mauern beben Sein Auge flammet wie der offne Höllenschlund, Die Nase schnaubt, Dampf fährt aus seinem Mund; Er eilt hinweg den Panzer anzulegen,

Der undurchdringlich ist selbst einem Zauberdegen. Der Ritter steigt herab, und ungesäumt erscheint Ganz in verlupptem Stahl sein trotzig sichrer Feind, Der in der Wut vergaß, daß vor des Ringes Blitzen

Ihn keine Zauberwaffen schützen. Allein der erste Stoß, den Hüons gutes Schwert Auf seinen Harnisch fahrt, gibt ihm die Todeswunde; Das Blut schießt wie ein Strom den Hals empor, und sperrt

Des Atems Weg in seinem weiten Schlunde. Er fällt, wie auf der Stirn des Taurus eine Fichte Im Donner stürzt; der Turm, das Feld umher Erbebt von seinem Fall; er fühlt sich selbst nicht mehr,

Sein starrend Auge schließt auf ewig sich dem Lichte, Und den verruchten Geist, von Freveltaten schwer, Schon schleppen Teufel ihn zum schrecklichen Gerichte. Der Sieger wischt vom blutbefleckten Stahl

Das schwarze Gift, und eilt zur Jungfrau in den Saal. „Heil euch, mein edler Herr! ihr habt mich wohl gerochen“, Ruft Angela, indem sie sich entzückt Zu seinen Füßen wirft, so bald sie ihn erblickt,

„Und dir, die ihn zum Retter mir geschickt, O Himmelskönigin, sei es hiermit versprochen, Der erste Sohn, mit dem ich in die Wochen Einst komme, werd, in klarem dichtem Gold,

So schwer er ist, zum Opfer dir gezollt!“ Herr Hüon, als er sie gar ehrbar aufgehoben, Erwidert ihren Dank mit aller Höflichkeit Der guten alten Ritterzeit,

Die zwar so fein, wie unsre, nicht gewoben, Doch desto derber war, und besser Farbe hielt. Des Ritters große Pflicht war Jungfraun zu beschützen, Und, wenn sein Herz sich gleich unangemutet fühlt,

Auf jeden Ruf sein Blut für jede zu verspritzen. Die Dame hatte noch nicht Zeit und Ruh genug Gehabt, den jungen Mann genauer zu erwägen; Itzt, da sie ihn erbat die Waffen abzulegen,

Itzt hätte sie sich gleich mehr Augen wünschen mögen Als Junons Pfau in seinem Schweife trug, So sehr däucht ihr der Ritter, Zug für Zug, Von Kopf zu Fuß, an Bildung und Gebärden,

An Großheit und an Reiz, der erste Mann auf Erden. Nicht, daß sie just mit jemand ihn verglich Der zwischen ihm und ihrem Herzen stünde; Ganz arglos überließ sie ihren Augen sich,

Und bloßes Sehn ist freilich keine Sünde. Kein Skrupel störte sie in dieser Augenlust, So sanft spielt noch um ihre junge Brust Der süße Trug; denn, was sie sicher machte

War, daß ihr Herz nicht an Alexis dachte. Ein Glück für dich, unschuldge Angela, Daß keiner deiner Blick' in Hüons Busen Zunder Zum Fangen fand. Und freilich war's kein Wunder:

Denn, kam ihr auch, wie dann und wann geschah, Der seinige auf halbem Weg entgegen, So war's der Blick von einem Haubenkopf; Er hätt auf einen Blumentopf,

Auf ein Tapetenbild, nicht kälter fallen mögen. Ein unbekanntes Was, das ihn wie ein Magnet Nach Bagdad zieht, scheint allen seinen Blicken Die scharfe Spitze abzuknicken,

Und macht, daß jeder Reiz an ihm verloren geht. Vergebens ist ihr Wuchs wie eine schöne Vase Von Amors eigner Hand gedreht; Vergebens schließt die sanft erhobne Nase

Sich an die glatte Stirn in stolzer Majestät; Umsonst hebt ihre Brust, gleich einem Doppelhügel Von frischem Schnee, um den ein Nebel graut, Den dünnen weißen Flor; umsonst ist ihre Haut

So rein und glatt als wie ein Wasserspiegel, Worin im Rosenschmuck Aurora sich beschaut; Vergebens hat ihr königliches Siegel Die Schönheit jedem Teil so sichtbar aufgedrückt,

Daß ihr Gewand sie weder deckt noch schmückt. Kurz, Angela mit allen ihren Reizen Ist ihm vergebens schön und jung; Und, ferne nach Verlängerung

Der holden Gegenwart zu geizen, Wünscht er mit jedem Augenblick In ihres Bräutgams Arm recht herzlich sie zurück, Und kann zuletzt sich nicht entbrechen,

Da Sie nichts sagt, ihr selbst davon zu sprechen. Kaum daß er ihr dazu Geleit und Schutz versprach, Und ihre Lippen sich in Dank dafür ergossen: Als ein Getös von Reisigen und Rossen

Im Hof der Burg sie plötzlich unterbrach. Schon trampelt's laut die langen Wendelstiegen Herauf. Die junge Frau erschrickt – „Wer kann es sein?“ Doch bald zerschmilzt ihr Schrecken in Vergnügen,

Denn, siehe da! Alexis tritt herein. Ihm war, zwar etwas spät, zu Sinne Gestiegen, daß es ihm nicht allzu rühmlich sei, Wenn Hüon seine Braut dem Recken abgewinne,

Indessen, weit vom Schuß, mit seiner Reiterei Er, ihr Gemahl, im Schatten, frank und frei, Sein zärtlich Blut mit Palmenwein verdünne: Auch konnte ja (wer wird dafür ihm stehn?)

Der Ritter gar davon mit seinem Engel gehn. Demnach, so hatt' er, stracks als ihm sein Ohr gesungen, Mit seiner Ritterschaft zu Pferde sich geschwungen, Und kam in vollem Trab, falls etwa die Gefahr

Durch Hüons Tapferkeit bereits vorüber war, Die Schöne in Empfang zu nehmen, Dem fremden Ritter Gottes Lohn Zu wünschen, und – ein wenig sich zu schämen,

(Denkt ihr) allein, er war ein Prinz von Libanon. Herr Hüon, unverhofft des Umwegs überhoben Mit Angela zurück ins Palmental zu ziehn, Läßt von den schönen Herrn sich in die Wette loben,

Und fühlt sich just dabei so gut, als ob man ihn Gescholten hätt. Und nun, die Wohltat zu vollenden, Wird, durch des Ringes Kraft, von unsichtbaren Händen Mit allem was den Gaum ergetzt

Ein großer runder Tisch in Überfluß besetzt. „Ah“, ruft die schöne Braut, „schier hätt ich es vergessen: Herr Ritter, ehe wir zum Essen Uns setzen, geht und schließt mit eigner Hand geschwind

Des Riesen Harem auf; denn funfzig Jungfern sind Noch außer mir in diesem Turm verwahret; Der schönste Mädchenflor, ein wahres Tulpenbeet! Er hatte sie für seinen Mahomed

Zu Opfern, denk ich, aufgesparet.“ Der Harem tut sich auf, und zeigt, in vollem Putz Und buntem lieblichem Gewimmel, Ein wahres Bild von Mahoms lustgem Himmel.

Herr Hüon läßt die Damen all' im Schutz Der schönen Herrn, und ist schon weit davon geritten, Da hinter ihm noch alles lärmt und schnarrt, Die Ehre seiner Gegenwart

Sich wenigstens zur Tafel auszubitten. Schon schlich, indes in Grau das Abendrot zerfloß, Der stille Mond herauf am Horizonte, Als Hüon, weil sein Gaul nicht länger laufen konnte,

An einem schönen Platz zu ruhen sich entschloß. Er sieht sich auf der grünen Erde Nach einem Lager um, indessen für die Pferde Sein Alter sorgt. Auf einmal steht, ganz nah,

Ein prächtiges Gezelt vor seinen Augen da. Ein reicher Teppich liegt, so weit es sich verbreitet, Auf seinem Boden ausgespreitet, Mit Polstern rings umher belegt,

Die, wie beseelt von innerlichem Leben, Bei jedem Druck sanft blähend sich erheben. Ein Tisch von Jaspis, den ein goldner Dreifuß trägt, Steht mitten drin, und, was dem essenslustgen Magen

Zum Göttertisch ihn macht, das Mahl ist aufgetragen. Der Ritter bleibt wie angefroren stehn, Winkt Scherasmin herbei, und fragt ihn, was er sehe? „O, das ist leicht“, erwidert der, „zu sehn:

Freund Oberon ist sichtlich in der Nähe. Wir hätten ohne ihn die Nacht, Anstatt uns nun in Schwanenflaum zu senken, Auf unsrer Mutter Schoß so sanft nicht zugebracht.

Das nenn ich doch an seine Freunde denken! Kommt, lieber Herr, nach dieser langen Fahrt Schmeckt Ruhe süß; laßt hurtig euch entgürten! Ihr seht, der schöne Zwerg hat keinen Fleiß gespart,

Wiewohl im Flug, uns herrlich zu bewirten.“ Herr Hüon folgt dem Rat. Sie lagern beide sich Halb sitzend um den Tisch, und schmausen ritterlich; Auch wird, beim Sang Gasconscher froher Lieder,

Der Becher fleißig leer und füllt sich immer wieder. Bald löset unvermerkt des Schlafes weiche Hand Der Nerven sanft erschlafftes Band. Indem erfüllt, wie aus der höchsten Sphäre,

Die lieblichste Musik der Lüfte stillen Raum. Es tönt als ob ringsum auf jedem Baum Ein jedes Blatt zur Kehle worden wäre, Und Maras Engelston, der Zauber aller Seelen,

Erschallte tausendfach aus allen diesen Kehlen. Allmählich sank die süße Harmonie, Gleich voll, doch schwächer stets, herunter bis zum Säuseln Der sanftsten Sommerluft, wenn kaum sich ie und ie

Ein Blatt bewegt und um der Nymphe Knie Im stillen Bache sich die Silberwellen kräuseln. Der Ritter, zwischen Schlaf und Wachen, höret sie Stets leiser wehn, bis unter ihrem Wiegen

Die Sinne unvermerkt dem Schlummer unterliegen. Er schlief in Einem fort, bis, da der frühe Hahn Aurorens Rosenpferde wittert, Ein wunderbarer Traum sein Innerstes erschüttert.

Ihm däucht, er geh auf unbekannter Bahn, Am Ufer eines Stroms, durch schattige Gefilde; Auf einmal steht vor ihm ein göttergleiches Weib, Im großen Auge des Himmels reinste Milde,

Der Liebe Reiz um ihren ganzen Leib. Was er empfand ist nicht mit Worten auszudrücken, Er, der zum ersten Mal itzt Amors Macht empfand, Und atemlos, entgeistert vor Entzücken,

Sein Leben ganz in seinen Blicken, Im Boden eingewurzelt stand, Sie noch zu sehen glaubt, nachdem sie schon verschwand. Und, da der süße Wahn zuletzt vor ihm zerfließet,

Nichts mehr zu sehn die Augen sterbend schließet. Betäubt, in fühlbarm Tod, lag er am Ufer da In seinem Traum: als ihn bedünkt, er spüre Daß eine warme Hand sein starres Herz berühre.

Und, wie vom Tod erweckt, erhob er sich und sah Die Schöne abermal zu seiner Seite stehen, Die keiner Sterblichen in seinen Augen gleicht, Und dreimal schöner, wie ihm däucht,

Und holder als er sie zum ersten Mal gesehen. Stillschweigend schauten sie einander beide an, Mit Blicken, die sich das unendlich stärker sagten, Was ihre Lippen noch nicht auszusprechen wagten.

Ihm ward in ihrem Aug ein Himmel aufgetan, Wo sich in eine See von Liebe Die Seele taucht. Bald wird das Übermaß der Lust Zum Schmerz: er sinkt im Drang der unaufhaltbarn Triebe

In ihren Arm, und drückt sein Herz an ihre Brust. Er fühlt der Nymphe Herz an seinem Busen schlagen Der Glückliche! wie schnell, wie stark, wie warm! Und – plötzlich hört es auf zu tagen,

Auf schwarzen Wolken rollt des Donners Feuerwagen, Laut heulend bebt der Stürme wilder Schwarm; Von unsichtbarer Macht wird schnell aus seinem Arm Im Wirbelwind die Nymphe fortgerissen

Und in die Flut des nahen Stroms geschmissen. Er hört ihr ängstlich Schrein, will nach – o Höllenpein! Und kann nicht! steht, entseelt vor Schrecken, Starr wie ein Bild auf einem Leichenstein.

Vergebens strebt er, keicht, und ficht mit Arm und Bein; Er glaubt in Eis bis an den Hals zu stecken, Sieht aus den Wellen sie die Arme bittend strecken, Und kann nicht schrein, nicht, wie der Liebe Wut

Ihn spornt, ihr nach sich stürzen in die Flut. „Herr!“ ruft ihm Scherasmin, da er sein banges Schnauben Vernimmt, „erwacht, erwacht! ein böser Traum Schnürt euch die Kehle zu.“ – „Fort, Geister, macht mir Raum“,

Schreit Hüon, „wollt ihr mir auch ihren Schatten rauben?“ Und wütend fährt er auf aus seinem Traumgesicht; Noch klopft von Todesangst umfangen Sein stockend Herz, er starrt ins Tageslicht

Hinaus, und kalter Schweiß liegt auf den bleichen Wangen. „Das war ein schwerer Traum“, ruft ihm der Alte zu, „Ihr lagt vermutlich wohl zu lange auf dem Rücken?“ „Ein Traum?“ seufzt Siegwins Sohn mit minder wilden Blicken,

„Das war's! allein ein Traum, der meines Herzens Ruh Auf ewig raubt!“ – „Das wolle Gott verwehren, Mein bester Herr!“ – „Sag mir im Ernste, (spricht Der Ritter ernstvoll) glaubst du nicht

Daß Träume dann und wann der Zukunft uns belehren?“ „Man hat Exempel, Herr, – und wahrlich, seit ich euch Begleite, leugn' ich nichts“, erwidert ihm der Alte. „Doch, wenn ich euch die reine Wahrheit gleich

Gestehen soll, so sag ich frei, ich halte Nicht viel von Träumen. Fleisch und Blut Hat, wenigstens bei mir, sein Spiel so oft ich träume: Dies wußten unsre Alten gut,

Und lehrten's uns im wohl bekannten Reime. Inzwischen, wenn ihr mir den Inhalt eures Traums Vertrautet, könnt ich euch vielleicht was Bessers reimen.“ „Das will ich auch“, spricht Hüon, ohne Säumen.

„Kaum rötet noch den Gipfel jenes Baums Der Morgenstrahl. Wir haben Zeit zum Werke. Nur reiche mir zuvor den Becher her, Damit ich meine Geister stärke:

Es liegt mir auf der Brust noch immer zentnerschwer.“ Indes der wundervolle Becher Den Ritter labt, sieht ihn der Alte, still, Als einer an, dem's nicht gefallen will,

Den wackern Sohn des braven Siegwins schwächer, Als einem Manne ziemt, zu sehn. „Ei (denkt er bei sich selbst, kopfschüttelnd) im Erwachen Noch so viel Werks aus einem Traum zu machen!

Doch, weil's nun so ist, mag's zum Frühstück immer gehn!“

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