Skip to content
1839

Der Abschied

Georg Weerth

Meine alte, gute Mutter, Die nähte die halbe Nacht; Sie hat mir aus feinem Linnen Ein feines Hemd gemacht.

Meine wunderschöne Schwester, Die hat einen freien Sinn; Die stickte mit stolzer Seide Meinen stolzen Namen darin.

Und morgens, um halber viere, Da hat der Hahn gekräht; Nun schnüre seinen Ranzen, Wer auf die Reise geht!

Und morgens, um halber fünfe, Da hab ich meinen Vater geweckt; Der hat drei rostige Kronen In meinen Sack gesteckt.

Wir standen unter der Linde, Da ward mein Herz so schwer; Meine treue Mutter meinte, Sie sähe mich nimmermehr.

Mein Vater ward so stille, Meine Schwester schluchzte darauf – Da ging in den Weizenfeldern Die goldene Sonne auf.

Und vor den Toren klang es: „Ade, du dumpfige Stadt! Nun freue sich, wer ein freies, Ein lustiges Leben hat!“

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Der Abschied · Georg Weerth · Poetry Cove