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Küß

Georg Rodolf Weckherlin

Einig süßes mündelein, röter dan ein röselein, das die sonn durch ihr ansehen macht aufgehen;

lefzen übertreffend weit den thau, so die erden netzet, und mit fruchtbarkeit ergetzet in der süßen frühlingszeit.

Mein liebreiches schätzelein, gib mir so vil schmätzelein, so vil du gibst meinem herzen pein und schmerzen,

so viel pfeil der fliegend got wider mein herz abgeschossen, so vil ich leid unverdrossen jamer, trübsal, angst und spot.

So vil man wol körnlein sands am ufer des Morenlands, so vil gras in dem feld stehen man kan sehen;

so vil tropfen in dem meer, so vil fisch die wasser bringen, vögel durch den luft sich schwingen und so vil der herbst weinbeer.

So vil schöne lieblichkeit, schmollende holdseligkeit, so vil höflichkeit und lachen lieblich machen

deinen theuren purpurmund; wie vil rosen deine wangen, wie vil lilgen machen prangen deinen busen steif und rund.

So oft küß mich, Nymfelein, so oft schmätz mich schimpfelein, laß uns miteinander scherzen und uns herzen,

bis ich sag: „mein frid, mein freid, ich kan nicht mehr, laß mich gehen!“ so solt du ein weil abstehen, daß ich seufzend halb verscheid.

Darnach küß mich widerum, daß noch größer werd die sum, stüpf mich auch mit deiner zungen ungezwungen,

die so süß als honig ist: also laß uns kurzweil führen damit wir ja nicht verlieren der jugend einige frist.

Laß uns nach der lieb willkur wandlen auf der jugend spur, bis das alter krum gebogen kom gezogen

mit kält, zittern, forcht und graus, welches mit sich auf dem rucken vil leids bringet, uns zu drucken, bis es uns macht den garaus.

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