Skip to content
1618

Kennzeichen eines glückseligen lebens

Georg Rodolf Weckherlin

Ach, wie glückselig ist das leben, dem keines andern will gebeut, der ohn misgunst, neid oder streit sicht andrer glück fürüber schweben;

Der sein begird selbs recht regieret und dessen from und teutscher mut ist sein bewehrter schutz und hut, darunder sein herz triumfieret;

Der kein geschrei noch lob begehret, dem die warheit die gröste kunst, den fürsten oder pöfels gunst, den hofnung und forcht nicht bethöret;

Der die fuchsschwänzer fort läßt gehen, sie speisend nicht von seinem gut, und dessen fehl, fall und armut kan seine hässer nicht erhöhen;

Der selbs nichts weiß, wie übel schmürzet des bösen lob, des frommen fluch; dem ein freind oder gutes buch die lange zeit schadlos verkürzet;

Und dessen mut für nichts sich scheuet, als allzeit fertig für den tod; der ernstlich früh und spat zu got mehr um gnad, dan um güter, schreiet.

Der mensch besorgt sich keines falles, dieweil er frei, reich, gut und groß, sein selbs herr; ob er wol landlos und habend nichts, hat er doch alles.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Kennzeichen eines glückseligen lebens · Georg Rodolf Weckherlin · Poetry Cove