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1618

Horatianisch

Georg Rodolf Weckherlin

Wie unverhinderlich ein jahr schnell nach dem andern dahin fliehet! wie unempfindlich unser haar sich grau zu färben nicht verziehet!

umsunst die fromkeit selbs, die stirn von rünzlen und von sorg das hirn zu freien sich bemühet. Lauf alle tag der kirchen zu

und dien dem, der allein allmächtig und ohn erquickung, nahrung, ruh erweis dich tag und nacht andächtig und christlich, so wird endlich doch

das unvermeidenliche joch des tods auch durch dich prächtig. Die sünd, die alle menschen gleich gemachet, machet sie fortgehen

und lasset weder arm noch reich sich länger spreißen noch still stehen. ein junker, herr, graf und monarch wird wie ein baur mit einem sarch

und einem grab versehen. Umsonst der forchtsam für ein weil dem meer, dem krieg, der pest entfliehet, dan ja der tod, der dan in eil,

dan langsam ist, nicht lang verziehet: gleich ist ihm der klein und der groß und der gewafnet und der bloß, der welk und der noch blühet.

Umsunst sich setzet ungeduld, forcht und geheul dem tod entgegen; es muß ein jeder dise schuld auf die bestimte zeit ablegen:

nichts kan den tod, unser geschlecht, von staub und aschen ein gemächt, zu sparen je bewegen. Da müssen wir dan alles gut,

so wir begehret und erfassen, was uns mit hochmut und unmut jemals zu lieben und zu hassen beliebet, mit dem lieben leib,

haus, hof, spil, kurzweil, kinder, weib und freind dahinden lassen. Hat einer (nichts mehr dan gestank) verlassend alles dan beschlossen,

erfolget dafür schlechter dank vermischet mit spot, schmach und bossen: wan er errungen vil alhie für andre leut mit sorg und müh

und (narr) selbs nicht genossen.

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