Du, dessen heitre Stirn der finstre Kummer fliehet, Und flüchtiges Gewölk nur selten überziehet, Sprich, Cronegk, ob die Kunst, sich immer zu erfreun, Dir keine Mühe macht: mir scheint sie nicht gemein.
Sieh alle Stände durch; du siehst nur Mißvergnügen: Gezwungnes Lachen rauscht von Lippen, die betrügen. Umsonst verschweigt der Mund, was uns das Auge klagt, Den Unmuth, der nur seufzt, und kaum zu seufzen wagt.
Ich will mit offnem Ohr aus deine Worte hören, Wenn, was dein Antlitz lehrt, mich deine Lippen lehren. Wo nicht, so höre du, was in geheimer Nacht Mir eine Muse jüngst vertraulich kund gemacht.
Vom Ganges bis zum Nil, und von den streitbarn Scythen Bis in der Griechen Land, wo feinre Künste blühten, Bis zum erhabnen Rom, das unter Lorbeern schlief, Als neuer Ueberfluß der fremden Weisheit rief:
In allen Gegenden, wo jemals Weise waren, Belehrten sie die Welt, bald einzeln, bald in Schaaren, Daß in des Lasters Arm die Freude Raserey Und dauerhafte Lust nicht ohne Weisheit sey.
Sie sprachen wahr und laut; und sprachen tauben Ohren: Die Vorwelt war nicht klug, die Enkel bleiben Thoren. Ihr kindisch Auge deckt ein unbeweglich Band; Sie tappen nach der Lust mit ungewisser Hand:
Wie, durch den Lenz belebt, im Schatten grüner Linden, Die Knaben sich im Spiel die Augen fest verbinden, Und was die rege Hand begierig sucht, nicht sehn, Demselben nahe sind und doch vorüber gehn.
So spielt ein junges Kind, so spielen auch die Alten, Die vor der Heerde gehn und die den Staat verwalten. Nach buntem Tande seufzt das thörichte Geschlecht, Und auch erseufzten Tand genießt es niemals recht.
Es will, will wieder nicht, und wechselt stets mit Bürden; Die ganze Seele brennt von streitenden Begierden. Es fällt ein Tropfen Lust an ein erhitztes Herz, Zischt ab und raucht hinweg und hinterläßt nur Schmerz.
So elend machten sich die Thoren aller Zeiten! Die Weisheit muß das Herz zur Freude vorbereiten. Mitleidig heilet sie die kranke Phantasey, Verbessert den Geschmack, macht unsre Seele frey,
Bereichert unvermerkt sie mit erhabnen Trieben, Lehrt sie das wahre Gut, das wahre Schöne lieben, Und pflanzt ihr den Entschluß, nie ungerecht zu seyn, Und milde Gütigkeit und iede Tugend ein.
Aus ieder Tugend quillt ein lautrer Strom der Freuden: Wie Thau das dürre Feld, erquickt er uns im Leiden. Der Pöbel sieht erstaunt des Weisen Angesicht, Sieht seine Heiterkeit, doch ihre Quelle nicht.
Die Quelle seiner Lust fließt, ohne zu versiegen: Denn ieder guten That folgt göttliches Vergnügen, Das über unser Herz mit reiner Klarheit strahlt, Und sein entzückend Bild auch auf die Stirne mahlt.
Beraubte Scipio, die Liebe zu versöhnen, Nicht fast mit gleicher Lust sich der gefangnen Schönen, Als dessen Freude war, der sie von ihm empfieng, Und mit entbranntem Blick an ihren Blicken hieng?
Camill, der nicht verzog, von angedrohten Ketten Sein undankbares Rom großmüthig zu erretten, War größer im Verzeihn und fröhlicher im Sieg, Als Cäsar, der zum Thron auf Bürgerleichen stieg.
Kann wahre Freude seyn bey schändlichen Verbrechen, Wann Geißeln innrer Angst verschmähte Tugend rächen, In unruhvoller Brust, wo späte Reue klagt, Und unzufriedner Neid am wunden Herzen nagt?
Nie darf des Weisen Herz von solchen Bissen bluten: Nein! gleich dem guten Gott, ergötzt er sich am Guten, Auch wann er Gutes thun und edel handeln sieht: Für ihn wird Wohlthat seyn, wenn andern wohl geschieht.
So viel Vergnügen kann sein eignes Herz ihm geben! Und welche neue Lust, nach feurigem Bestreben, Beut ihm die Wahrheit an! Er macht an ihrer Hand, Von reinem Licht bestrahlt, sich die Natur bekannt;
Durchforscht ihr weites Reich, wo jene Sonnen glänzen Die uns die Nacht verräth, und findet keine Gränzen, Und stets von Welt auf Welt geflügelt hingerückt, Erblickt er immer Gott, bewundernd und entzückt.
Ermüdet senkt er sich, mit irrenden Cometen, Nach unserm Aufenthalt, dem schattichten Planeten, Entdeckt mit kühnem Blick des Donners furchtbarn Sitz Im schweflichten Gewölk, und überrascht den Blitz.
Er freut sich überall, zur Schande stolzer Blinden, Die Ordnung der Natur und Gott in ihr zu finden Gott auf dem Ocean und im bestaubten Wurm, Im sanftbewegten Gras und im erzürnten Sturm;
Gott auch an unserm Leib und im verborgnen Bande, Das thierisches Gefühl mit englischem Verstande, Mit einem Geist vereint, der äußre Dinge sieht, Auch sich zu sehen wünscht, sich sucht und vor sich flieht.
Lauf einmal, edler Freund, mit eilenden Gedanken, Die Wissenschaften durch; miß ihre weiten Schranken: Sieh, wo der größte Witz nur zweifelt, oder schweigt, Und wo die Menschheit sich in ihrer Größe zeigt.
Was Kenntniß, Wissenschaft, was Künste schönes haben, Ein unergründlich Meer, das unerschöpft an Gaben, Stets giebt und immer hat! ist in des Weisen Brust, Der sich vergnügen will, die Quelle bessrer Lust.
Wie sehr erweitert sich die Sphäre wahrer Freuden, Die von des Pöbels Lust sich glänzend unterscheiden! So funkelt Stern an Stern, wenn um die Mitternacht Ein wolkenloses Blau hoch am Olympus lacht.
Beglückter Sterblicher, der sich gewöhnt zu denken, Und auf Natur und Gott den regen Geist zu lenken! Denn Freude, welche sich die weise Seele schafft, Ist rein und unvermischt, still, aber dauerhaft;
Hält bey Geschäften aus, an die uns Gott gebunden, Begleitet uns aufs Land und adelt freye Stunden, Und folget, ungetrennt auch in der bösen Zeit, Uns aus der Ehre Schooß zu dunkler Einsamkeit.
Stets flüchtig, stets zu kurz, doch kostbar zu gewinnen, Und oft verderblich sind die Freuden unsrer Sinnen: Wie thierisch ist ein Mensch, der, keiner Seele werth, Nur solche Freuden kennt, die auch das Vieh begehrt!
Wie darf der träge Phax sich einer Seele rühmen, Der ohne Neigungen, die einem Geist geziemen, Ganz Körper, itzt berauscht am vollen Tisch verweilt, Itzt von Lyäen wankt und zu Cytheren eilt?
Den halbverschlafnen Tag erträglich hinzubringen, Kriecht Metius herum bey hundert schlechten Dingen, Bey Karten und Geschwätz und Menschen, die er haßt; Und er und seine Zeit sind ewig ihm zur Last.
Umsonst betäubt er sich durch Freuden, die ermüden: Die Seele bleibt stets leer und bleibt stets unzufrieden, Und fühlt, wie klein sie sey, sie, die unsterblich ist, Und ihres hohen Rangs und wahren Glücks vergißt.
Ich höre, dünket mich, die jungen Scherze klagen, Und Amorn selbst erzürnt mit seinen Flügeln schlagen: Er führet sie zum Streit; und wider ihren Freund? Besang ich sie nicht selbst? und bin ich nun ihr Feind?
O nein! als Mensch gesinnt, such ich durch meine Lehren Die Menschheit zu erhöhn, nicht mürrisch zu zerstören. Ein zärtliches Gefühl entehrt nicht unsre Brust: Der uns die Sinne giebt, verbeut nicht ihre Lust.
Der Schöpfer heißet uns ein sinnliches Ergötzen Nicht über seinen Werth, nicht unterm Werthe schätzen, Nicht um ein schlechtres Gut die bessern thöricht fliehn, Nach diesen geizig seyn, nicht jenes uns entziehn.
Was hülf es, wenn dein Freund auf strengre Fordrung dächte? Betrög ich die Natur? Sie kennet ihre Rechte: Sie fordert ungestüm, was die Vernunft erlaubt, Und nimmt sich mit Gewalt, was Eigensinn ihr raubt.
Ein finstrer Heiliger, der sich zum Wald verbannte, Noch eh er sanfte Lust, sich selbst und Menschen kannte, Verberge sich nur stets in rauher Wüsteney! Dann bring ihn in die Welt: hier ist ihm alles neu.
Er fällt wie durstig hin auf lockendes Vergnügen, Berauscht in Wollust sich mit ungehemmten Zügen, Und was des Kenners Blut kaum leicht erhitzen kann, Flammt in des Wilden Brust ein schädlich Feuer an.
Die Tugend schlummert ein; sein strafendes Gewissen Ermuntert ihn umsonst mit wiederholten Bissen. Die Arbeit langer Zeit vernichtet oft ein Tag, Wie vieler Monden Frucht ein später Wetterschlag.
Du weißt es, Hannibal! Carthago hats empfunden! Bey Cannä siegtest du, und Rom war überwunden, Als, wie ein Winterstrom, der brausend überfloß, Sich in Campanien dein hungrig Heer ergoß.
Der braune Libyer, nachdem er viel erlitten, Mit Hitze, starrem Frost und Dürftigkeit gestritten, Fand jauchzend Ueberfluß, und roch Orangenduft An kühlen Strömen hin und in der schönsten Luft.
Er sah Falerner Wein in güldnen Bechern glänzen, Und iedes Bürgers Haupt mit Rosen sich bekränzen, Verführerischen Reiz auf tausend Wangen blühn, Und schlaue Zärtlichkeit in holden Augen glühn.
Er sahs, und brannte schon von ungewohnten Lüsten; Und wie ein müder Leu, der in Cyrenens Wüsten Zu frischem Wasser kömmt, das leis aus Felsen quillt, Im Trinken sich vergißt, und vor Vergnügen brüllt:
Indeß der falsche Mohr, bey Raub und Blut erzogen, Um dürre Klippen laurt, und vom gespannten Bogen Nun ein gestählter Pfeil, der nicht betrüglich irrt, Auf dich, zu sichres Thier, vom Tod begleitet, schwirrt:
So löschte der Soldat sein brennendes Verlangen, Und hörte nicht mehr auf, nachdem er angefangen: So ward ein ganzes Heer durch Ueppigkeit geschwächt, Entkräftet ieder Arm und Latium gerächt.
Sieh, was die Wollust kann, wenn ihre süßen Töne Den Ohren fremde sind; die nackende Sirene Scherzt singend bey uns her auf klippenvoller Flut: Wir hören sie mit Lust und unsre Lust wird Wut.
Die Sinne können dir erlaubte Lust gewähren: Genieße mit Geschmack; doch lerne sie entbehren. Weh' einem Sterblichen, wenn er sie haben muß! Vor unzufriedner Pein schützt ihn kein Ueberfluß.
Die Freyheit unsers Geists macht unsre wahre Würde: Beherrsche durch Vernunft die sinnliche Begierde: Denn sonst beherrscht sie dich mit strenger Tyranney; Die schlimmste Knechtschaft ist der Sinnen Sklaverey.
Nur wann wir weise sind; nur wann bey niedern Freuden Wir Mißbrauch, Uebermaaß und falschen Witz vermeiden: Nur dann beblümen sie des Lebens rauhen Pfad, Sind auch der Tugend werth und Freuden in der That.
Doch diese schwere Kunst, mit Klugheit aufzuhören, Recht zu genießen, Freund, wird Epicur uns lehren. Wie gut, wie bös' er sey, mag unentschieden seyn: Die Wissenschaft der Lust gesteht ihm ieder ein.
In Gärten wollen wir nach seinem Schatten suchen: Er irrt vielleicht im Gras um dichtbelaubte Buchen: Vielleicht – wie schweif ich aus! hier lehrt nicht Epicur: Nein! seine Göttinn selbst, die lächelnde Natur.
Sie locket uns zu sich auf blumenvollen Wegen; Sie redet, und mein Herz wallt brünstig ihr entgegen: Ihr sucht in Schulen Rath, in Büchern Unterricht, Wie sich der Weise freut: mich aber fragt ihr nicht?
Belad ich euch vielleicht mit ängstlichen Gesetzen? Genießt mit Mäßigung ein sinnliches Ergötzen: Seht, Freunde, mein Gesetz! Ein häufiger Genuß Macht iede Lust gemein und straft mit Ueberdruß.
Was hilft euch die Vernunft, wenn die Begierden siegen? Die Freude dieses Tags muß künftigem Vergnügen Nicht selbst im Wege stehn: der Thor kauft theuer ein, Kauft einer Stunde Lust mit Jahren voller Pein.
Die Rache spart ihn auf zu traurigen Geschichten: Zu Freuden ungeschickt und ungeschickt zu Pflichten, Durchseufzt er früh genug des Lebens matten Rest, Das ihm, aus Hunderten, die Parce grausam läßt:
Wenn sein geschwächter Leib ein herbstlich Lüftchen scheuet, Kein fröhlich Saitenspiel den stumpfen Sinn erfreuet, Und aus der Gattinn Arm, die zärtlich nach ihm sieht, Verzweiflung ihn verscheucht und Wollust vor ihm flieht.
Er fühlt in seinem Fleisch die Dornen scharfer Schmerzen, Und ach! zu späte Reu im unruhvollen Herzen, Die, gleich Harpyen, ihn beym Gastmaal überfällt, Den Ortolan beschmitzt und Cyperns Wein vergällt.
Drum lernt mit eurer Lust bey Zeiten hauszuhalten! Die meisten Sterblichen, vom Jüngling bis zum Alten, Erlernen kaum die Kunst in Schulen eigner Qual: Sie fehlen im Gebrauch, und fehlen in der Wahl.
Wie viele lassen sich durch rauschendes Vergnügen, Durch stolzer Freude Lärm, um stille Lust betrügen! Für ein verwöhntes Aug ist eine Blume nichts: Doch glänzt ihr farbicht Kleid in allem Schmuck des Lichts.
Ihm wird ein Hofgepräng, in lichtervollen Zimmern, Weit sehenswerther seyn, als wenn die Sterne schimmern, Als wenn die Sonne selbst, nach Westen hingeneigt, Ihr strahlenreiches Haupt durch grüne Büsche zeigt.
Wie manchen hört ihr bloß nach theurer Freude fragen! Was keine Mühe macht, kann jener nicht vertragen. Die feine Welt verschmäht, was auch der Landmann hat, Und eine Seltenheit bezaubert Hof und Stadt.
O Menschen, was ihr braucht, will die Natur euch geben! Es kostet wenig Müh, was zum vergnügten Leben Wahrhaftig nöthig ist: ihr sorgt in stummer Nacht Um einen Ueberfluß, den ihr euch nöthig macht.
Das Joch der Meinungen liegt schwer auf euern Seelen: So lang ihr ihnen dient, wird immer etwas fehlen: Sie haben nie genug und kein bestimmtes Ziel, Verderben den Geschmack, verwöhnen das Gefühl.
Reißt, wenn ihr sehen wollt, reißt ihre dicken Binden Von euern Augen ab, so werdet ihr mich finden: Euch werden, ungeschminkt und ohne fremden Schein, Die Freuden der Natur die angenehmsten seyn.
Sie sind empfindlicher, als alle Künsteleyen: Was nicht natürlich ist, wird niemals lang erfreuen. Sie bieten, unersorgt, sich euch gefällig an, Und reißen euern Fuß nicht auf bedornte Bahn:
Nicht auf ein stürmisch Meer und ungetreue Wellen, Die, wenn die Plejas glänzt, mit wildem Brausen schwellen, Noch in das Vorgemach, wo sich der Sklave schmiegt, Ein gnädig Lächeln kauft, und alles ihn betrügt.
Wer sich vernünftig liebt, soll nach dem Bessern trachten: Weil ihr es haben könnt, wollt ihr es drum verachten? O Menschen, kehrt beschämt in meinen Arm zurück! Wer die Natur verschmäht, verkennt sein eignes Glück.
Lernt unter Lust und Lust noch feiner unterscheiden! Ein eckelnder Geschmack vermindert wahre Freuden: Doch wer als Kenner wählt, gewinnt bey seiner Wahl, Und hat, was besser ist, obgleich in mindrer Zahl.
Vertraut nicht allzusehr des Herzens muntern Schlägen! Eh eure Jugend welkt, sucht Freuden beyzulegen, Auf jene böse Zeit, wenn Brust und Odem keicht, Und ein verdroßnes Blut in schlaffen Adern schleicht.
Alsdann wird euer Herz durch ruhiges Ergötzen Und durch Erinnerung euch den Verlust ersetzen, Wenn ihr durch Gutes thun, in einer bessern Zeit, Der Menschheit Ehre wart und noch im Alter seyd.
Im Schooß der Tugend wird kein Zeitpunkt euers Lebens Euch ohne Wollust seyn: das Alter droht vergebens: Vergebens faßt es euch in seinen schweren Arm, Und scheucht mit greisem Haar der leichten Scherze Schwarm.
Die Freuden werden fliehn, die um die Jugend glänzen, Und, lebhaft flatternd, stets mit Rosen sich bekränzen: Die Freude sanfter Art mit sittsamem Gesicht, Der Tugend holdes Kind, hält aus und fliehet nicht.
So redet die Natur: sprich, wollen wir sie hören? Doch, ihre Lehren, Freund, sind auch der Weisheit Lehren, Wenn weder schwarzes Blut, noch wilde Lüsternheit Die wahre Weisheit sind, die sich vernünftig freut.
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