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1720–1796

Viertes Buch.

Johann Peter Uz

Es war der Liebesgott Selinden nachgeflogen, Und hatte jeden Blick mit stummem Ernst erwogen: Sein scharfes Auge sah die große Wahrheit ein, Selinde würde nicht unüberwindlich seyn.

Sie soll, vermaß er sich, doch endlich unterliegen; Und kann der Weise nicht ihr weiblich Herz besiegen, So siege Selimor und ohne Hinderniß! Nur er ist ihrer werth, ihm ist ihr Herz gewiß.

Der Gott versuchte nun, zu glücklichem Bestreben Des müden Stutzers Muth aufs neue zu beleben. Dir ist Selinde hold, blies Amor ihm ins Ohr; Du aber wagest nichts, o nicht mehr Selimor!

Du zauderst, bis vielleicht dich ein Pedant verdrungen, Nachdem so mancher Sieg dir in Paris gelungen, Wo manche Gräfin von * *, die Venus ihrer Stadt, Selbst eine

Nun übe, was du weist, was Frankreich dich gelehret! Verschmäht Selinde dich, so seh ich dich entehret. Auf! schleiche dich mit ihr ins nahe Gartenhaus! Was kluge Liebe wünscht, führ’ edle Kühnheit aus.

Er schwieg; und Selimor, entbrannt von stolzem Grimme, Sprach zu Selinden kühn, doch mit gedämpster Stimme: Dorante, glaub ich, rast! verdammt sey sein Poet,

Der uns von Dingen schwatzt, die niemand hier versteht! Soll meine Liebe stets dem Schulgeschwätze weichen? Was hindert uns, mein Herz! allein hinweg zu schleichen? Selinde folge mir und gebe mir Gehör:

Gesellschaft solcher Art erniedrigt uns zu sehr. Er sprach, indem er ihr die Hand vertraulich drückte, Und ihren Arm ergriff und nach dem Hause rückte. Die Schöne folgte träg als wider Willen, nach,

Indeß Dorante noch mit jenem Dichter sprach. Er ließ ihr Zeit genug, ins Zimmer zu verschwinden: Zuletzt vermißt’ er sie: er fragte nach Selinden. Von banger Ahndung schlug sein furchtsam liebend Herz,

Und auf umwölkter Stirn erschien ein finstrer Schmerz. Selinde! rief er aus, mit todtenbleichen Wangen; Wo ist die Grausame? wo ist sie hingegangen? Jhm sagt es Lesbia, bey ihres Buhlen Flucht.

Von Rachlust angeflammt, erhitzt von Eifersucht. Dorante, der, betäubt vom Donner ihrer Worte, Wie eingewurzelt stund, wich nicht von seinem Orte. Er stund und sah umher mit starrem Blick und schwieg,

Bis einst ein dunkles Ach! von seinen Lippen stieg. Er nahm sich plötzlich vor, Selinden zu erbitten: Er gieng: blieb wieder stehn: Vernunft und Liebe stritten. Es wankte sein Gemüth, wie, durch den Herbst entlaubt,

Die schwache Weide wankt, wann Eurus zornig schnaubt. Zuletzt ermannt’ er sich zu muthigern Entschlüssen, Entsagte mit Bedacht umsonst gewünschten Küssen, Und wollte länger nicht an einem Joche ziehn,

Das ihm so süsse sonst, nun aber eisern schien. Sey glücklich, rief er aus, mit deinem jungen Thoren! Selinde! nun für mich, auf ewig nun verlohren! Die Hoffnung, welche mir dein schmeichlend Auge gab,

Die mir so blühend schien, fällt nun verwelket ab. Betrügliches Geschlecht, geschaffen, uns zu quälen! Wird einer Schönen Herz ie nach Verdiensten wählen? Jhr fällt ein schimmernd Nichts zu reizend ins Gesicht:

Sie sieht das güldne Kleid; den Thoren sieht sie nicht. Zu spät erblickt sie ihn, wann, der für sie geschmachtet, Gesättigt vom Genuß, einst ihren Kuß verachtet, Sie ohne Liebe küßt, ihr als Tyrann befiehlt,

Und an erkaufter Brust sein wildes Feuer kühlt. Dorante wollte mehr in vollem Eifer klagen: Die leichte Lesbia belachte seine Plagen. Er floh, indem sie ihm die Hand gefällig both,

Und klagte, Dichtern gleich, den Büschen seine Noth. Dorante war geflohn, Beglücktern Platz zu machen, Da Amor unterdeß, nicht ohne boshaft Lachen, Den Garten schnell verließ; und ein geschwinder Flug

Zur Wohnung Selimors ihn augenblicklich trug. Daselbst verläugnet er sein göttliches Gefieder: Das Dienstkleid Selimors glänzt um die nackten Glieder: Am glatten Kinne schlägt ein schwarzes Bändchen an;

Die Stirn ist unverschämt: kurz, Amor wird Johann, Der Diener Selimors, ein Stutzer in den Sitten, Der, witzig, wie sein Herr, bey Mägden wohl gelitten, Nie ohne Karten geht, sich oft beym Wein vergißt,

Und alle Wirthe kennt und allen schuldig ist. Da Amor lärmt und flucht; entspringt vom Ruhebette, Ermuntert vom Geschrey, die junge Magd Lisette: Ein Mädchen, schlank von Leib, in Schelmerey geübt,

Die wechselsweis ihr Herr und sein Bedienter liebt. Ein faltigter Muslin, der ihren Hals bedecket, Läßt ihre weisse Brust nachläßig unverstecket. Ein kurzer Unterrock zeigt ihr gedrechselt Bein,

Und auch ihr Sprödethun flößt Buhlern Kühnheit ein. Sie kömmt, sie fliegt herbey, heißt ihren Johann schweigen, Der, nach Lackayen-Art sich artig zu bezeigen, Jhr in den Busen greift, und auf den Kutscher schmählt,

Weil seine Kutsche noch beym fernen Garten fehlt. Der Kutscher kömmt; man schilt; er fragt noch eine Weile, Warum doch Selimor so ungewöhnlich eile. Doch hat ein junger Herr nicht seinen Eigensinn?

Der Kutscher schleicht belehrt zu seinen Pferden hin. Ein braungeapfelt Paar wird prächtig aufgezäumet, Und beißt auf blanken Stahl und scharrt in Sand und schäu- met.

Der neue Wagen glänzt, auf dem, noch unbezahlt, Manch güldner Liebesgott, geschnitzt aus Holze, prahlt. In Wolken braunen Staubes fliehn die muntern Pferde, Und unter ihrem Huf erschüttert sich die Erde.

Die Fenster fliegen auf, wo, stolz auf schimmernd Gold, Die Kutsche Selimors mit raschem Rasseln rollt. Doch Amors Ungeduld kann diese nicht erwarten: Er ist nicht mehr Johann; er eilet nach dem Garten,

Als Liebesgott, voraus, fliegt ins Gemach und sieht, Wie Selimor verliebt vor seiner Göttinn kniet. Noch muste dieser Held um Sieg und Lorbeern kriegen: Was hatt’ er nicht gethan, Selinden zu besiegen!

Wie reizend unverschämt durch freyen Scherz gestrahlt, Mit fremden Flüchen ihr sein Feuer vorgemahlt, Gedankenlos gelacht, bald sie, bald sich gepriesen, Mit ungezwungner Art die Londner Uhr gewiesen,

Des Franzmanns Dreistigkeit mit Anmuth nachgeahmt, Kurz, allen seinen Werth Selinden ausgekramt! Sie sah den Selimor: wie konnte sie ihn hassen? Doch wollt ihr steinern Herz sich nicht entfelsen lassen.

Oft schien sie zwar erweicht: ihr Blick voll Mattigkeit Jrrt’ ungewiß und scheu; ach! aber kurze Zeit. Jhr unbesiegter Stolz erhohlte sich geschwinde: Sie wurde, was sie war, die grausame Selinde;

Und eben da sie ihm gewiß gefangen schien, Sah sich der Held getäuscht und seinen Raub entfliehn: Wie, wann ein Junker einst, mit Hülfe kluger Hunde, Den Rammler aufgespürt; nach mancher müden Stunde

Spur, Has’ und Fröhlichkeit auf einmal wieder flieht, Der edle Jäger flucht und leer nach Hause zieht. Doch sollte Selimor den Sieg verlieren müssen? Verzweiflend warf er itzt Selinden sich zu Füssen.

Er flehte, feufzte, schwur: wie manch französisch Ach Entflog dem süssen Mund und säuselt’ im Gemach! Urplötzlich sprang er auf mit freudigem Vertrauen: Er hatte Zeit gehabt, sich achtsam zu beschauen;

Und nahm, noch mehr gereizt durch kühnen Widerstand, Halb scherzhaft, halb verliebt, Selinden bey der Hand. Wie ists nun? fieng er an; o Bluhme junger Schönen! Wird ihre Zärtlichkeit bald meine Treue krönen?

Ich kann Sie nicht verstehn, nein! meine Königinn! Und wissen Sie, im Ernst, daß ich verdrüßlich bin? Mich dünkt, ich liebe Sie schon volle hundert Jahre: Verschieben Sie mein Glück auf meine grauen Haare?

Sie lieben mich ja doch; das ist so offenbar, ‒ ‒ Wie? unterbrach sie ihn; Sie halten das für klar? Für klar? o für gewiß! Sie werden mir erlauben, Erwiedert Selimor; wie kann ich anders glauben?

Man weiß sich liebenswerth, man liebt, man wird geliebt: Was ist hier wunderbars, das Recht zu zweifeln giebt? Ich ärgre mich zum Narrn bey Jhrem Widerstreben. Wie lange zögern Sie, sich rühmlich zu ergeben?

Fort! machen Sie geschwind! beschwören sie den Bund; Und weil Jhr Herz mich liebt, so sage mirs Jhr Mund. Vor einem Selimor muß Trotz und Härte brechen: Jhm, der so dreiste hofft, kann jemand widersprechen?

Wie glücklich wart ihr einst, ihr Schönen alter Zeit! Die Ehrfurcht eurer Welt war eure Sicherheit. Nur jähriger Bestand hieß ächter Liebe Zeichen: Man wollte seinen Sieg verdienen, nicht erschleichen.

Da hatte die Vernunft zur Ueberlegung Raum; Nun wird sie überrascht; die Schöne faßt sich kaum. Man buhlt nicht um ihr Herz; man schmeichelt ihren Sin- nen:

Und kann was leichter seyn, als diese zu gewinnen? Wie glänzt ein junger Herr! er ist voll Ungeduld: Und wann die Spröde säumt, ertrotzt er ihre Huld. Selinde wankte schon, wie unter starken Streichen,

Von scharfer Axt bestürmt, die schönste schöner Eichen Auf alle Seiten droht und hin und wieder winkt, Bis ihr bemooster Stamm mit Prasseln splitternd sinkt. Doch fiel die Schöne nicht, für die ihr Schutzgeist kämpfte,

Der stets durch kalten Stolz der Liebe Regung dämpfte: Als einer Kutsche Lärm, die durch die Strasse flog Und vor dem Garten hielt, sie schnell ans Fenster zog. Jhr Herze schlug sogleich von weiblichem Verlangen;

Jhr funkelnd Auge blieb an diesem Anblick hangen: Entzückt vertheilte sich der Blicke schneller Blitz Auf Wagen, Roß und Mann, bis auf den Kutschersitz. Bewundernd rief sie aus: der allerliebste Wagen!

Wer ist der glückliche, den solche Rosse tragen? Ich selbst, sprach Selimor mit ernster Majestät: Die Unterkehle schien hochmüthig aufgebläht. Wie aber? fuhr er fort, mein Kutscher, glaub ich, träumet,

Der nun zu zeitig kömmt, sonst immer sich versäumet. Ich soll von Jhnen gehn? von Jhnen, göttlich Kind? Und ehe, toller Streich! wir vollends richtig sind? Nein! das geschehe nicht! ich laß es nicht geschehen:

Ich schwöre bey der Uhr, die Sie hier glänzen sehen, (er legt sie auf den Tisch), und ich vor kurzer Zeit Aus London mitgebracht, nicht ohne Vieler Neid. Es hatte sie ein Lord bey Sweerts bestellen lassen:

Ich kaufte sie ihm aus; der Junker mußte passen. Bis dieser Zeiger hier auf zwo Minuten schleicht, Ergebe sich Jhr Herz, das doch vergebens weicht. Er schweigt: Selinde steht noch immer unentschlossen:

Noch hangt ihr starrer Blick an jenen edlen Rossen. Sie machen ihren Herrn der Schönen doppelt lieb, Der sein verdientes Glück nun muthiger betrieb. Der Schutzgeist mußte selbst dem Vorwitz unterliegen,

Und schlich dem Fenster zu, die Neugier zu vergnügen. Der leichtgesinnte Geist! raubt einer Kutsche Putz, Ein Pferd, ein schöner Tand, Selinden seinen Schutz? Durch keine Zeichen ward sein taubes Herz beweget:

Der Schooshund hatte sich aufs Canapee geleget: Nun fuhr er bellend auf, verließ die sanfte Ruh, Und sprang mit regem Schweif Selinden ängstlich zu. Es prangte der Camin mit glänzenden Pagoden:

Sie bebten ungeregt und stürzten auf den Boden. Umsonst! der Schutzgeist stund und sah und hörte nicht. Verwundrung überzog sein lächelnd Angesicht. Nun zog der Liebesgott, der längst begierig lauschte,

Den krummen Bogen an: mit schnellen Flügeln rauschte Der abgedrückte Pfeil, der Glut und Flammen trug, Und in Selindens Brust sich ungehindert schlug. Durch Amors Jauchzen ließ der Schutzgeist sich erwecken:

Vergebens wollt er sie mit spätem Schilde decken: Denn eine schnelle Nacht verdunkelt’ ihren Blick: Sie sank, o Selimor! in deinen Arm zurück. Ein fremdes Feuer floß durch ihre schönen Glieder:

Sie hob die Augen auf und schlug sie wieder nieder. Jhr fliehend Auge selbst bekannte deinen Sieg, Ob gleich ihr stolzer Mund noch uneröffnet schwieg. Indessen hatte sie, bey diesen kurzem Schweigen,

Des frohen Siegers Reiz und artiges Bezeigen, Sein Lachen, seinen Gang, des Kleides reiche Pracht, Der Kutsche Göttlichkeit, noch einmal überdacht. Erröthend sagt sie ihm: Sie haben überwunden!

Und reicht ihm ihre Hand, vom alten Stolz entbunden; So viel Verdiensten kann mein Herz nicht widerstehn! Ach! möcht ich Jhre Glut in steter Flamme sehn! Jhr dankte Selimor durch ungezählte Küsse,

Da Amor siegreich floh, und über Berg und Flüffe, Hoch auf des Adlers Bahn, in grauer Dämmerung Und unter frischem Thau, sein feucht Gefieder schwung. Nach Paphos trugen ihn die schnellbewegten Flügel:

Die Wollust brachte selbst ihn zum entlegnen Hügel, Wo bey crystallner Flut, die heischer murmelnd lief, Und unter Majoran, der müde Gott entschlief.

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