Nun kühlte sich die Luft bey Titans niederm Lichte, Der zur bestrahlten See mit rothem Angesichte In güldnen Wolken sank, indeß der Pflanzen Grün Und Flora glänzender und alles lachend schien.
Es weht’ ein frischer West und blies auf allen Wegen Der Bluhmen Ambraduft mit süssem Hauch entgegen. Die Ferne schwärzte sich durch manchen Lindengang, Wo nie der volle Tag durch grüne Wände drang.
Dort war ein Ueberfluß an dunkeln Cabinetten Und Schatten, hohem Gras und sanften Rasenbetten, An allem, was mit Fleiß die Wollust ausgedacht, Was ihren Gartendienst bequem und reizend macht.
Dahin vertheilte sich die schnell zerstreute Menge. Ein Paar ums andre schmilzt in die verschwiegnen Gänge Vom großen Haufen weg, wie wann ein Frühlingswind Die lauen Flügel regt und sein Geschäft beginnt:
Alsdann der lockre Schnee von schimmerreichen Höhen In Thäler murmelnd schleicht, die Berge fleckigt stehen, Bis aller weisser Glanz allmählig sich verliert, Und nur ein seltnes Grün die nackten Gipfel ziert.
Die weise Dorilis, die lauter Seele scheinet, Oft auf die Weltlust schmählt und oft beym Cubach weinet, Vertrug den Ganymed, der manchmal klüglich schwur, Daß ein Geheimniß nie dem treuen Mund entfuhr.
Sie schwatzte so vertieft, vielleicht, wie ich vermuthe, Von Pflicht und keuschem Stolz und von dem höchsten Gute; Daß ihr verirrter Fuß in finstre Büsche kam, Wo ihre Geistigkeit ein sinnlich Ende nahm.
Auch Chloe wagt sich hin: sie, die erst aufgeblühet, Und sich um neuen Putz und nicht um Witz bemühet, Wie ihre Mutter denkt, wie ihre Köchinn spricht, Hört dem Magister zu; versteht ihn aber nicht.
Nachdem zween Sommer lang der Mann sich blaß gelesen, Und nun aus Wolfen weis, was beste Welt und Wesen Und Lieb und Schönheit sind: so wünscht sein menschlich Herz Nun auch verliebte Lust und ungelehrten Scherz.
Er fühlet sich bereit, nach ehlichen Gesetzen An seiner Chloen Werth sich sinnlich zu ergetzen; Und folglich liebt er sie, und fraget mit Geschrey, Ob sie nicht auch entzückt von seinem Werthe sey.
Das unschuldvolle Kind! was hat sie ihm zu sagen? Sie weis nur Ja und Nein; und weil auf seine Fragen Sie deren keines wählt, und keine Mutter sieht, Erröthet sie, verstummt, weint endlich und entflieht.
Der süsse Selimor, der zärtliche Dorante, Selinde, Lesbia, die allen Zwang verbannte, Verweilten um den Ort, wo rauschend Wasser sprang, Das eines Tritons Mund aus krummem Horne zwang.
Dort glänzte Tyndaris, von Marmor ausgehauen: Jhr holdes Angesicht wies Liebe, Scham und Grauen, Und wandte sich verwirrt vom Paris, der sie trug, Und seinen weichen Arm um ihre Lenden schlug.
Jhr thränend Auge schien den Himmel anzuflehen: Die Haare flogen wild nach reger Lüfte Wehen: Den schönsten Leib verrieth ihr fliehendes Gewand: Dem Paris wird verziehn; wer hätte nicht gebrannt?
O welche volle Brust! ruft Selimor entzücket: Doch eine blüht für mich, die grössre Schönheit schmücket. Er blickt, indem er spricht, Selinden schalkhaft an, Die durch ein Lächeln dankt und kaum erröthen kann.
Wie schlau weis Lesbia dieß kühne Lob zu rächen! Ach! spricht sie, Selimor! Sie wollten mit mir sprechen! Was ists? recht sehr geheim? so kommen Sie geschwind! Ich glaube, daß Sie toll mit Jhrem Zaudern sind.
Ja-doch-ein andermal! sprach Selimor mit Lallen; Und seine Zunge ließ nur halbe Worte fallen. Doch folgt’ er Lesbien, die unbarmherzig gieng, Und sich an seinen Arm gebietrisch lächelnd hieng.
Der Henker hohle sie mit ihren Teufelsränken! Murrt Selimor bey sich: was wird Selinde denken? Ich weis, das gute Kind ist inniglich betrübt: Allein kann ich dafür, daß iedermann mich liebt?
Die Schönheit fesselt mich, wo ich die Schönheit finde: Drum lieb ich Lesbien; drum lieb ich dich, Selinde! Vergebens bildet sich dein Stolz ein anders ein: Nie wird ein Selimor ein treuer Schäfer seyn.
Paris und London denkt, wie Selimor gedachte, Der nun mit Lesbien ganz unbekümmert lachte. Sie kamen im Gebüsch an eine Rasenbank, Wohin, um auszuruhn, die müde Schöne sank.
Nun raubt er einen Kuß von ihren warmen Wangen: Jhr unberedter Mund bestraft sein Unterfangen: Ach! plagen Sie mich nicht! ‒ Vergeben Sie, ich muß! Dem ersten folgte bald ein zweyter, dritter Kuß.
Allein was wollen Sie? es ist nicht auszustehen! Sie müssen, Selimor, hin zu Selinden gehen. Selinden sagen Sie? und sehn ich mich nach ihr, Versetzte Selimor? bin ich nicht besser hier?
Wie aber? fuhr er fort; Sie wollen meine Flammen Zu peinlichem Verzug, wie ein Roman, verdammen? Soll dieser dunkle Busch vergebens dunkel seyn? Ist uns die Liebe fremd? und sind wir nicht allein?
Nun warf er ungestüm sich Lesbien zu Füssen, Fiel über ihre Hand mit gierigheissen Küssen, Und küßte Mund und Brust: sie hielt ihn schwach zurück; Und nur von Wollust sprach ihr halbgebrochner Blick.
Die schwere Zunge schwieg, von stummer Lust gebunden: Da war kein Widerstand; sie gab sich überwunden. Sie seufzte: Selimor! ‒ ‒ Auch Zephyr seufzte nach, Der lispelnd im Gebüsch von ihren Küssen sprach.
Du küssest, Selimor? und nicht Selindens Wangen? Wohin verirret sich dein flatterndes Verlangen? Selinden, welche dir so liebenswürdig schien, Die dich vielleicht schon liebt, kannst du gelassen fliehn?
Dorante war allein bey ihr zurückgeblieben, Und sprach nun ungestört von seinen bessern Trieben. Durch seine Lippen sprach Natur und Zärtlichkeit, Da iede reizend ist und allem Reiz verleiht.
Doch welche Muse darf ihm nachzusprechen wagen? Romanenmäßig schallt die Zärtlichkeit der Klagen In unser ekles Ohr, das Crebillon ergetzt, Der Wollust Girren rührt und Amors Ach! verletzt.
Ein schalkheitvoller Mund mit ungetreuen Schwüren, Nicht ächte Liebe, kann ein heutig Herze rühren. Die Schöne, wenn sie liebt, denkt nur auf süssen Scherz, Und sieht auf äussern Glanz und sieht nicht auf das Herz.
Dorante sprach umsonst, der nicht von Golde strahlte, Nicht fremdes Geld verthat und seine Schulden zahlte. Selinde blies durch Lob in seiner Liebe Brand, Und lobend gähnte sie mit vorgehaltner Hand.
Sie wallten auf und ab in bluhmenvollen Steigen, Mit feyerlichem Ernst und oft in tiefem Schweigen; Und kamen an den Busch, wo im bethauten Gras Sich Selimor berauscht bey Lesbien vergaß.
Kaum hörte Lesbia das Rascheln fremder Tritte, So wischte sie davon mit unbemerktem Schritte: Indeß mit offner Stirn, wie nach der besten That, Der dreiste Selimor hin zu Selinden trat.
Vergebens, fieng er an, mit wahrem Stutzer-Witze; Entflieh ich im Gesträuch entflammter Sonnenhitze! Auch in den dicksten Busch, wohin mein Fuß entwich, Folgt mir die Sonne nach und wüthet über mich.
Der Weihrauch seines Lobs ward günstig angenommen, Selinde schien vergnügt und Selimor willkommen. Die trübe Dämmerung, die um ihr Auge lag, Zerstreute sich und floh: es wurde wieder Tag.
Dorante sahs erzürnt; und mit verstörten Blicken Entzog er sich schon halb Selindens Zauberstricken. Doch, ach! sie hatte kaum ihn zärtlich angeschielt, Als ihr geübter Blick ihn wieder feste hielt.
Er wollt’ und wollte nicht und mußte sie begleiten: Wie unterstund er sich, sein Herze zu bestreiten? Man gieng, nach langem Gehn, das Gartenhaus vorbey: Nun hörten sie von fern ein weibliches Geschrey.
Sie sahen Lesbien: eh, rief sie, will ich sterben, Und mit verspritztem Blut Papier und Erde färben! Da hinter ihr Cleanth bestäubt und keichend lief, Und immer: warten Sie! mit sanfter Stimme rief.
Umsonst! sie floh erblaßt, schrie kläglich um Erbarmen, Und bebte voller Angst noch in Selindens Armen. Ach! fieng sie endlich an; ich bin doch sicher da? Indem sie wild umher mit finstern Blicken sah.
O Schande! fuhr sie fort; in abgelegnen Sträuchen Begegnet mir Cleanth: ich such ihm auszuweichen. Er tritt mich schmeichelnd an, und, Himmel! was geschieht? Nach einem, apropos! liest mir Cleanth ein Lied.
Bis an den kalten Mond entfliegt in seiner Ode Der Unsinn, dickumwölkt und scheckigt nach der Mode; Der Henker flieg ihm nach! doch lob ich, was er schrieb: Verfluchte Schmeicheley, die ihn zum Frevel trieb!
Nun aber, fährt er fort und runzelt seine Stirne; Bemüht ein Heldenlob mein kreissendes Gehirne: Und schöne Lesbia! ich kenn ihr feines Ohr, Wofern es nicht mißfällt, so les’ ich etwas vor.
Er langt mit voller Hand und vornehm sprödem Wesen Ein drohend Buch hervor, und alles will er lesen. Ich flieh, er läuft mir nach, und liest, indem er läuft: Warum wird ein Poet nicht, eh er schreibt, ersäuft!
Ich fühlte, da er las, mein Blut im Leib erkalten: Ach! konnte mich Cleanth nicht süsser unterhalten? Verdrüßlicher Poet! wie artig schickt sich nicht In schattigtes Gebüsch ein episches Gedicht!
Nein! widersprach Cleanth; so wahr die Musen leben! Nie hab ich meiner Schrift solch stolzes Lob gegeben. Sie ist nur ein Entwurf, noch rauh und mängelvoll, Kein episches Gedicht, nicht was sie werden soll.
Doch, sprach Dorante drauf, wen wählen sie zum Helden? Und welche große That wird ihre Muse melden? Das ists, erwiedert er, was meinem Werke fehlt! Die Handlung fehlt mir noch, der Held ist nicht gewählt.
Ich habe Zeit hierzu, und kann mit Muße dichten: Doch eines Cherubs Bild zu künftigen Gesichten, Und acht Beschreibungen sind völlig ausgemahlt, Wo ieder Pinselzug mit hohen Farben strahlt.
Denn meine Muse zürnt auf Deutschlands blöde Musen: Ein stürmisch Feuer keicht in ihrem Götterbusen: Von weicher Anmuth fern, auf unbeflogner Spur, Entzieht ihr kühner Schwung sich kriechender Natur.
Mit allem, was mir fehlt, wird Milton mich versorgen; Nur will ich einen Sturm vom schwachen Maro borgen. Doch welcher Held bey mir die krause See durchstreicht, Beym Zevs! das weis ich nicht: ein Patriarch vielleicht!
Nimm, rief Dorante laut, o Deutschland! nimms zu Ohren! Aus deutschem Hirne wird ein undeutsch Werk gebohren: Ein Werk, das wenigstens Homers berauchte Schrift Und alle Kunst Virgils beschämend übertrift.
Dem Franzmann zum Verdruß, zu Deutschlands Ruhm und Freude Baut unsers Freundes Witz ein episches Gebäude: Fast wie der Muselmann Moscheen künstlich baut,
Der Trümmer Griechenlands aus altem Schutte haut: Alsdann sich Mühe giebt, mit frischgebrannten Steinen Manch altes Marmorstück willkührlich zu vereinen; Und Säulen Joniens mit rauher Dorer Art,
Nicht nach geschickter Wahl, bloß nach der Größe paart. Ich seh, ich sehe schon mit grünen Lorbeerkranzen Die breite Stirn Cleanths, des Heldendichters, glänzen. Der Zeitungschreiber Lob lärmt vom erstaunten Belt
Bis an der Alpen Eis und in der halben Welt.
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