Skip to content
1720–1796

Die Wollust.

Johann Peter Uz

Hier im Gesträuch, an Florens weichem Busen, Die Balsam haucht, geruhig hingestreckt, Erwart ich sie, die göttlichste der Musen, Die sich im Busch vor meinem Wunsch versteckt.

Sie kommt, sie kommt! ich höre schon vom weiten, In stiller Luft, die Stimme güldner Saiten. Jhr Sterblichen, die ihr dem Schicksal fluchet, Wenn euern Arm gewünschte Ruhe flieht;

Die ihr umsonst sie unter Dornen suchet! O höret mich! o hört mein lehrend Lied! Was quält ihr euch? die holde Wollust winket, Und beut euch an, was euch so schätzbar dünket:

Die Wollust nicht, die auch der Pöbel kennet; Die viehisch ras’t, nicht sich vernünftig freut; Von Lieb und Wein, umkränzt mit Epheu, brennet, Und Lieb und Wein durch Uebermaaß entweiht!

Nein! die zugleich Natur und Weisheit preisen; Der Weisheit Kind, die Königinn der Weisen! Ich sehe sie, und Morgen-Rosen schmücken Die heitre Stirn und glänzen um ihr Haupt.

Wie ruhig strahlt aus ihren süssen Blicken Die reine Lust, die kein Verhängniß raubt! Durch sie wird selbst Lyäus zahm gemachet, Der hinter ihr mit einer Muse lachet.

Die Freude schwingt um sie die güldnen Flügel Zu aller Zeit, auch wenn das Glück entflieht. So öde scheint kein dürrverbrannter Hügel, Wo nicht für sie noch manche Bluhme blüht:

Und rings umher schwatzt unter Laub und Zweigen Ein sanfter West, und rauhe Stürme schweigen. Wie sollte dir nicht alles dienen müssen, Du, die allein die Sterblichen beglückt!

Gefesselt liegt, o Göttinn! dir zu Füssen Der bleiche Gram, der schwache Seelen drückt. Du bändigest die hungrigen Begierden, Die ohne dich verderblich herrschen würden.

Wie, wann der Sud sein schwarz Gefieder schüttert, Und auf der See sich als Tyrann erhebt; Der Ocean bis an den Grund erzittert, Und weißbeschäumt hoch in die Lüfte strebt:

Indem kein Stern die bange Nacht erheitert, Verirret sich das kranke Schiff und scheitert: So wüthen auch die zügellosen Triebe, Die uns Natur mitleidig eingesenkt.

Sie brechen los; und Recht und Menschenliebe, Was heilig ist, wird unbereüt gekränkt. Nicht ungestraft! der Frevelthaten Menge Bestraft in uns ein Richter voller Strenge.

Die Furien, in deren blutgen Händen, Stets fürchterlich, die Dornen-Peitsche braust, Verfolgen ihn, wann zwischen Marmor-Wänden Der Lüste Sklav erraubtes Gut verschmaust.

Sein Aug entschläft: sein wachendes Gewissen Stört seinen Schlaf mit gelber Nattern Bissen.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Die Wollust. · Johann Peter Uz · Poetry Cove