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1720–1796

Die Freude.

Johann Peter Uz

Ergetzt euch, Freunde, weil ihr könnt! Den Sterblichen ist nicht vergönnt, Von Leiden immer frey zu bleiben. Vernunft wird öfters ohne Frucht

Sich wider schwarzen Unmuth sträuben: Lyäus weis ihn zu betäuben, Und singt ihn sieghaft in die Flucht. Lernt, wie sich finstrer Unverstand,

Verhüllt in trauriges Gewand, Von wahrer Weisheit unterscheide, Die mit entwölkter Stirne glänzt, Und in der Wollust leichtem Kleide,

Wie sie, im Schoose sanfter Freude, Auch oft mit Rosen sich bekränzt. O segnet ieden Augenblick, Da ihr ein unvergälltes Glück

In süsser Freundschaft Armen schmecket: Da Bacchus euch mit Epheü krönt, Und Witz und attisch lachen wecket; Und muntrer Scherz, der Narren schrecket,

Die Narren und ihr Glück verhöhnt. Doch hört ihr, was die Wahrheit spricht? Verwöhnt, verwöhnt die Seele nicht Zu rauschenden Ergötzlichkeiten,

Die, wann der Geist sie lieb gewinnt, Von Rosen unter Dörner leiten; Und kein Vergnügen aller Zeiten, Nur Augenblicke reizend sind.

Die Weisheit richtet meinen Sinn Auf dauerndes Vergnügen hin, Das aus der Seele selbst entspringet. Geschmack und Wahrheit! ihr entzückt,

Auch wann kein Saitenspiel erklinget: Auch wann mein Mund nicht lacht und singet, Bin ich in euerm Arm beglückt. Die Anmuth prächtiger Natur

Vergnügt mich auf beblühmter Flur, Auf Hügeln und im dunkeln Hayne. Ich jauchz’ an stiller Musen Brust So fröhlig, als bey Cyperns Weine:

Ja wenn ich Thoren einsam scheine, Vertraut sich mir die reinste Lust. So lockend jene Freude lacht, Die nur die Sinne trunken macht,

So nah ist sie dem Ueberdrusse. Die Wollust, vom Geschmack ernährt, Stirbt unter dummem Ueberflusse: Sie bleibt bey sparsamem Genusse

Weit länger schön und liebenswerth. Du Tochter wilder Trunkenheit! Fleuch, ungestalte Fröhligkeit, Und rase nur bey blöden Reichen!

Sie mögen durch entweihten Wein Die sanften Grazien verscheuchen! Sie, Bacchus! mögen Thieren gleichen: Uns Freunde! lass’ er Menschen seyn.

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Die Freude. · Johann Peter Uz · Poetry Cove