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1720–1796

Der standhafte Weise. An Herrn Hof-Rath C*

Johann Peter Uz

Hat nun dein Saitenspiel den süssen Scherz verges- sen, Und schweigt, stets ungestimmt, an traurigen Cy- pressen,

Um deiner holden Gattinn Grab? Wer kann, o weiser C* den wilden Schmerz besiegen, Wenn Seelen, deren Muth erhabne Proben gab, Wenn starke Seelen unterliegen?

Wie? soll die Traurigkeit unwidersetzlich wüthen, Und wo sie einmal herrscht, stets fürchterlich gebiethen, In ewig unerhellter Nacht? Nein! von dem Weisen muß die Welt und Nachwelt lesen,

Er sey gemässigt froh, wenn ihm das Glück gelacht, Und auch in Leiden groß gewesen. Jhm darf die träge Zeit auf mitleidvollen Schwin- gen

Nicht ihren späten Trost, nicht ihre Lindrung bringen: Sie sey des Pöbels Trösterinn! Der Weise braucht sie nicht, er tröstet sich aus Gründen: Die Wahrheit schimmert ihm durch trübe Nebel hin;

Er kann sie sehen und empfinden. Sein lehrend Beyspiel strahlt auch auf entfernte Tage: Der Schwache, der es hört, schämt sich der feigen Kla-

ge, Und fühlet ungewohnten Muth. Um seine Helden-Stirn müss’ ewig Lorbeer grünen! O Lorbeer bessrer Art, als den durch fremdes Blut

Die Weltverwüster sich verdienen! Kein stoischer Gesang ertönt von meinen Saiten; Ich waffne nicht den Stolz, die Thränen zu bestreiten; Jhm widersteht ein zärtlich Herz.

Die Stimme der Natur gebeut in allen Seelen, Und falscher Großmuth Zwang kann einen wahren Schmerz Nicht überwinden, nur verhehlen.

Doch was kein Stolz vermag, kann Weisheit mög- lich machen: Auch Triebe der Natur, die herrschbegierig wachen, Gewöhnt sie zum Gehorsam an.

Sie müssen sich vor ihr, so wild sie brausen, schmiegen, Wie in verschlossner Gruft, dem Aeol unterthan, Die lauten Winde knirschend liegen. Sieh auf den starken Trieb, der uns zur Wollust

reisset, Jm freyen Wilde Brunst, in Menschen Liebe heisset, Und, unbeherrscht, sich leicht verirrt. Er wird Gesetz und Recht und Menschlichkeit verletzen,

Wenn ihn kein Zügel hält, und ihm erlaubet wird, Sich höhern Pflichten vorzusetzen. Aus ihren Schranken darf auch die Natur nicht schreiten:

Soll nicht ein gleicher Zaum die weiche Wehmuth lei- ten, Die ein verlohrnes Gut bedaurt? Kein allzulanger Schmerz muß unsre Ruhe stören;

Und wenn es Menschheit ist, daß unsre Seele traurt, So ist es Weisheit, aufzuhören. Was kann den Sterblichen das wilde Glück entzie- hen,

Das ewig Leid verdient? Ist alles nicht geliehen? Gebührt nicht alles ihm zurück? Die Güter, die es giebt, verschenkt es nicht auf immer: Sein schmeichlend Lächeln ist ein kurzer Sonnenblick,

Ein kaum genossner Frühlings-Schimmer. Wann sich die dunkle Luft mit Winter-Wolken schwärzet; Wann Philomele schweigt, kein lauer Zephyr scherzet,

Kein Zephyr Morgen-Rosen küsst: Was hilfts, mit finstrer Stirn den Unbestand beklagen? Es kommt nicht mehr zurück, was einst entflohen ist; Doch leicht wird, was wir freudig tragen.

Der Weise bleibt sich gleich im Schoos erwünschter Freuden, Und sieht, noch ehe sie, bald oder späte, scheiden, Die leichten Flügel ieder Lust.

Wenn ihr Gefieder sich in schneller Flucht verspreitet, So sieht ers unbetäubt: er hatte seine Brust Zu iedem Unfall vorbereitet. Richt unser ganzes Herz muß am Vergnügen hangen:

Zu einem höhern Zweck hat uns die Welt empfangen, Wo ieder eine Rolle spielt. Nicht bloß zu trunkner Lust im Umgang eines Weibes Bewohnt ein freyer Geist, der sich unsterblich fühlt,

Die irdne Hütte seines Leibes. Durch Tugend müssen wir des Lebens würdig werden, Und ohne Tugend ist kein daurend Glück auf Erden: Mit ihr ist niemand unbeglückt.

Der Lasterhafte nur ist elend, arm, verachtet, Auch wann er glücklich heißt und sich vom Raube schmückt, Und jüdisch ganze Länder pachtet.

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