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1720–1796

Der Frühling.

Johann Peter Uz

Ich will, vom Weine berauscht, die Lust der Erde besingen, Jhr Schönen! eure gefährliche Lust, Den Frühling, welcher anitzt, durch Florens Hände be-

kränzet, Siegprangend unsre Gefilde beherrscht. Fangt an! ich glühe bereits; fangt an, holdselige Saiten! Entzückt der Eccho begieriges Ohr!

Tönt sanft durchs ruhige Thal! da lauschen furchtsame Nymphen, Nur halb durch junge Gesträuche bedeckt. Wer kommt vom Hügel herab, voll unaussprechlicher

Anmuth, Dem Glanz die fröhlige Stirne bestrahlt, Den Philomele begrüßt? Jhm düften frühe Violen; Jhm grünt der Erde beschattete Schoos.

Wunsch meiner Muse, du kommst! O Frühling, Wonne Dionens, Du kommst, vom feurigen Amor umarmt! Und Amors muthige Faust schwingt siegbegierige Pfeile:

Die stolzen Sterblichen huldigen ihm. Ein Schwarm der Freuden ereilt vor dir muthwillige Weste, In Tänzen, welche die Flöte belebt:

Vor dir scherzt Hebe dahin: es lachen lauere Lüfte Dich, Kind der Sonne! gefälliger an. Durchzeuch nicht länger, o Nord! verheerend unsre Gefilde! Entfleuch nach ewigem Eise zurück:

Weil nun der schönere Lenz, den Zephyrs Fittige kühlen, Siegprangend unsre Gefilde beherrscht! Sie blühn, vom Thaue beperlt, und Anmuth lachet in allen;

Es lacht die ganze smaragdene Flur, In deren Arme so oft, bey frischer Bäche Geschwätze, Der Schlaf mein williges Auge beschleicht. Berg, Thal und Aue besät der Bluhmen prächtige

Menge: Voll Stolz auf ihre beliebte Gestalt, Bückt sich doch iede daselbst vor dir, du Bluhme Lyäens, Die süssem Scherze geheiliget ist!

Schmück itzt mein finsteres Haar! Wenn du mich, Rose! bekränzest, Und Bacchus meine Gesänge beseelt: Flieht schnell mein trauriger Ernst; da klingt die Laute

bezaubernd In meiner Muse geschäftigen Hand. Sie selbst auch werde bekränzt, die nicht mehr schläf- rige Laute:

Denn itzt (willkommen o liebliche Zeit!) Erwacht der frohe Gesang, und ied’ entschlafene Cyther Ist auf erhabnere Töne bedacht: Und auch die ganze Natur fühlt sich aufs neue begeistert,

Da sich die Sonne der Erde genaht; Und iedes frostige Thal, so Wald, als grüne Gebürge Sind reg, und alle Gefilde belebt. Drum ist die Stille geflohn, auch aus dem heiligen

Hayne; Der Lärm regieret im heiligen Hayn: Bald rauscht ein fröhliger Hirsch, der sich im Flusse ge- badet,

Durch frischbethaute Gebüsche zurück: Bald tönt durchs düstre Revier die Brunst unbändiger Heerden: Wie girrt die zärtere Taube so sanft!

Wie seufzt vom Laube bedeckt, Pandions einsame Tochter, Wann kaum die nächtliche Stille beginnt! Denn alles fühlet anitzt des Frühlings mächtige Triebe: Nun hat der Liebe gefürchteter Arm

Was blauer Lüfte Gebiet und Meer und Erde bewohnet; Nur dich nicht, stolze Dorinde! besiegt. Doch Amor bändige dich! Er kommt zum Kampfe ge- rüstet,

Und hat die blutige Sehne gespannt. Wie will ich seine Gewalt, bey frohem Weine, besingen, Wann du einst seine Triumphe gemehrt!

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