Skip to content
1912

Spartakus in Moabit

Kurt Tucholsky

Sieh da: Justitia! Voll mit Paragraphen behängt, so steht wie ehedem sie da. Sie hat natürlich alles ganz verschlafen

und weiß nicht, was im Lande jetzt geschah. „Was ist denn uns“, so spricht ein weiser Richter, „die Politik und die Revolution! Die Kerle sind Banditen und Gelichter,

Paßt auf, und wir besorgens ihnen schon!“ Ihr weisen und gerechten Richter fauchtet auf die Empörer – nach mißlungener Tat. Das Wahlrecht aber, das ihr eben brauchtet,

verdanktet ihr dem gleichen Hochverrat. Justitia, Trauerweib, du hast geschlafen, wie stets, wenn wir vom Fleck gekommen sind. Wir pfeifen auf den Spruch und auf die Strafen!

Reiß deine Binde ab! Du bist ja blind! Du armes Hascherl kannst nicht unterscheiden, wer Räuber war und wer Idealist – Du knobelst ernst und strafst gleich hart die beiden,

weil du zu faul zum Präzisieren bist. „Noch gilt das Recht! Sie müssen eben hangen!“ Geschichte gilt – und nicht dein Tintenquark. Willst du dir wegen Ruhestörung langen

die junge Mannschaft da von Langemarck? Das sei was andres? Ei, denkst du der Zeiten, wo du die Adelsfrau im Schwesternkleid,

die stahl, wo du des Schutzmanns Grausamkeiten fein legtest still bei Seiten – sie wüßten nichts von der Rechtswidrigkeit? Straf du die Lumpe bei den Spartakisten.

Steck die ins Zuchthaus, die beim Kampf geklaut Vergreif dich nicht an den Idealisten! Wir kennen deine Paragraphenkisten! Nimm dich in acht, du alte, falsche Haut!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Spartakus in Moabit · Kurt Tucholsky · Poetry Cove