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1912

Sorrent

Kurt Tucholsky

Wie die Tage so golden verfliegen, wie die Nacht sich so selig verträumt – wenn am Abend bechiffonte Ziegen vor der Theke sich wogen und wiegen –

wo der Sekt Gottbehüte noch schäumt . . . Wo im Schleier – ich danke, Herr Franke – junge Nutten den Beifox vollziehn . . . O du schimmernde Blüte der Panke!

Sei gegrüßt, du mein schönes Berlin –! Und die Nacht, wenn bei Rotters sie toben, dem Claqueure der Handschuh zerplatzt – wenn Annoncen, so bilderdurchwoben,

ihre Herren preisen und loben – wenn die Loge futtert und schmatzt . . . „Wat is denn det hier forn Jestanke? Wer eßt hier Käse? Ham Sien?“ . . .

O du schimmernde Blüte der Panke! Sei gegrüßt, du mein schönes Berlin –! Wo mit müde verzogenen Lippen junger Gent kalten Schleichhändler frißt –

wo Chauffeure die schweinernen Rippen in die fettige Brihsuppe stippen – wo der Fahrgast die Taxe vergißt . . . Da begrabt mich mit Efeugeranke,

mit Ranunkeln und weißem Jasmin – – Hier leben? Mensch, welch Gedanke! O du schimmernde Blüte der Panke! Sei gegrüßt, du mein schönes Berlin –!

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