Skip to content
1912

Religionsunterricht

Kurt Tucholsky

Berliner Pastöre und Zentrumsherren durchziehen die Straßen und plärren Choräle. Denn die revolutionären Affen

wollen die Schulreligion abschaffen. Wer garantiert nun der gutgläubigen Jugend die garantiert echte christliche Tugend? Denn was da geht in ein christlich Ohr,

fürs ganze Leben hält das vor. Wer lehrt nun die Kleinen nach diesem Krieg die Sätze der praktischen Metaphysik? Als da sind: Du sollst nicht töten!

Außer, wenn die Fahne in Nöten. Diese weisen Lehren – wie Paulus uralt . . . Und was macht, nebenbei, das Pastorengehalt? Das Pastorengehalt – Herr Gott in Gnaden!

wolle doch die Sünder zur Hölle laden! Sieh, der Bürger zieht ein Gesicht. Gegen den Priester? Er traut sich nicht. Er gedenkt seiner Jugend und wird wieder kindlich.

Gegen den Priester? Er ist plötzlich empfindlich. Kluge Gesichter lächeln in Rom: Deutschland war stets ein einziger Dom. Die Herren von der Konkurrenzfakultät

tun mit, weils um dem Gelde geht. Friede, ihr Fakultäten, auf Erden! Es wird mit dem Umsturz so schlimm nicht werden. Man kann sich ja euer gar nicht entwöhnen!

Und paßt mal auf: meinen Herren Söhnen werden im Schulunterricht wieder ertönen Choräle!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Religionsunterricht · Kurt Tucholsky · Poetry Cove