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1912

Mädchen aus Samoa

Kurt Tucholsky

Ich bin ein Mädchen aus Samoa. Wir gingen mit Schmuckketten und einem Schurz bekleidet, die Tiere des Waldes haben uns um unsere Schönheit beneidet – wir waren frei wie sie.

Dann aber sind die weißen Fremden in unser Land gekommen und haben uns unsere Götter und unsere Felder fortgenommen – was haben sie uns dafür gegeben? Ihre Missionare gaben uns einen Aberglauben und Plappergebete;

ihre Kaufleute gaben uns Whisky, bedruckten Kattun und Eisengeräte – seit wir es kennen, brauchen wir das. Ihre Soldaten gaben uns eine neue Art, zu morden und zu henken; ihre Männer gaben uns die Syphilis benebst einigen andern Geschenken –

das haben sie uns dafür gegeben! In meinen tiefen Augen liegt noch die Schönheit unserer Allmutter Natur; um meine Beine schlottert schon der Rock der Zivilisation – wartet nur: noch bin ich halb.

Eines Tages aber werden wir alle die europäischen Gaben gegen die Ausbeuter wenden, Telegrafen und Automobile bedienen wir mit unsern braunen Händen; eines Tageskämpfen wir, braune und gelbe Arbeiter für unser eigenes Leben: eines Tages werden die Kontinente sich ihre Freiheit geben –!

Denn ein Schrei geht durch die Welt, eine Sehnsucht – aus schwer arbeitender Brust ein Gekeuch: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

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