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1912

Die Mühle

Kurt Tucholsky

Zum erhabenen Brahma betet jeder Lama weit in Tibet ein Gebet. Sitzt da im Gestühle

und dreht an einer Mühle, die zum Beten vor ihm steht. Uralt Wort vom Priestertum: „Om – mani – padme – hum!“

Hier bei uns zu Lande am unsichtbaren Bande jeder solche Mühle schleppt. Mancher will nur beten

zu den Papiermoneten, bis ihn die Devise neppt. Stets zählt er sein Eigentum . . . Om – mani – padme – hum!

Mancher sieht nur Weiber Brüste nur und Leiber – keine, keine läßt ihn still. Taumelt durch die Nächte,

daß er die Frauen schwächte, weil die Mühle es so will. Der kennt nur ein Heiligtum . . . Om – mani – padme – hum –

Mancher stelzt wie'n Gockel und klemmt sich das Monokel ein – und betet nur zum Heer. Will den Kerls was pfeifen

und seine Deutschen schleifen und wünscht sich einen Weltkrieg her. „Nieder mit dem Judentum! Om – mani – padme – hum!“

Also drehn verdrossen alle Zeitgenossen immer ihre Mühle rum. Jeder hat die seine,

und jeder dreht nur eine Walze lebenslänglich um. Was sind Schönheit, Geld und Ruhm –? Om – mani – padme – hum.

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