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1912

Die blonde Dame singt

Kurt Tucholsky

Ich habe mir mein Deutschland angesehen in seiner großen, in der kleinen Zeit. Ich sah den Kaiser in die Oper gehen; der Hermelin war diesem Mann zu weit.

Und dann die Schranzen! und die Generäle! Grau an Humor, am Rock indianerbunt . . . Und leicht enttäuscht fragt meine liebe Seele: „Na und . . . ?“

Das wühlt und wimmelt in den großen Städten. Der Proletarier schuftet wie ein Tier. Der deutsche Bürger läßt sich ruhig treten, er macht Geschäfte und schluckt biedres Bier.

Und Kunst und immer diese selben Jungen, nur Not und Kummer hält die Brut gesund. Erfolg? Dann haben sie bald ausgesungen. Ich frage mich, wenn all der Lärm verklungen:

„Na und . . . ?“ Dann gab es Krieg und hohe Butterpreise. Es deliriert das Land. Revolution! Dem ganzen deutschen Bürgerstand geht leise

der Stuhl mit Grundeis, nun, man kennt das schon. Es rufen hier und da Idealisten, man gründet Räte, Gruppen, einen Bund . . . Ich sehe Bolschewiki, Spartakisten –

Na und . . . ? Und steh ich einstmals vor dem Weltenrichter, (der liebe Gott ist schließlich auch ein Mann), streckt er sein Flammenschwert steil hoch und spricht er:

„Dich böses Mädchen seh ich nicht mehr an! Hinweg, du sollst ins Fegefeuer pultern! Werft sie mir in den tiefsten Höllenschlund!“ Dann sag ich leis und hebe müd die Schultern:

„Na und . . . ?“

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