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1912

Dem Gehege der Zähne

Kurt Tucholsky

Vor dem Richter stehn zwei Partein, die reden zu gleicher Zeit. Man hört Frau Schnufke: „Na sowas!“ schrein. „Das nehm ich glatt auf mein' Eid –!“

Da sagt der Richter: „Erzählen Sie mal: Wie war das am Sonntag mit Ihrem Skandal?“ Und Frau Schnufke erzählt unter Tränengewimmer; und aus allem, was sie berichtend klagt,

hört der ganze Gerichtssaal nur immer: „Und da hab ich gesagt . . . und da hat sie gesagt . . . und da hab ich gesagt . . . “ Vor Deutschland stehen achtzehn Partein, die reden zu gleicher Zeit.

Man hört Herrn Jarres „Revanche!“ schrein und Hergt nach der Kaiserzeit. Da sagt sich der Deutsche: „Erzählt mir mal: Wie komm ich aus diesem Jammertal?

Es wird doch täglich schlimmer und schlimmer. Wir sind isoliert. Bewuchert. Geplagt!“ Doch von den Politikern klingt es nur immer: „ . . . Und da hab ich gesagt . . . Und da hat er gesagt . . . Und da hat der gesagt . . . !“

In den Landwehrkanal fällt ein Mann hinein, der furchtbar um Hilfe schreit. Auf der Potsdamer Brücke stehn zwei Partein, die reden zu gleicher Zeit.

Sie zerfleischen sich fast in wildem Zwist: Ob dieser Mann ein Jude ist? Die einen sagen: „Nich in die Hand! Ich hab seine braven Eltern gekannt!“

Die andern sagen: „Sein Sie doch still! Das hört man doch schon an seinem Gebrüll –!“ Und da hab ich gesagt . . . und da hast du gesagt . . . und da hat er gesagt . . . Dann wurde die Debatte vertagt.

Und dann sind alle ans Gitter geloffen. Der Mann war unterdessen versoffen.

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