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1912

Berliner Gerüchte

Kurt Tucholsky

Herr Meyer, Herr Meyer – und hörst du es nicht, das wilde, das grause, das dumpfe Gerücht: Ein Licht! Ein Licht in der russischen Botschaft!

Und da, wo ein Licht, da ist auch ein Mann, und der sitzt an einem Vertrage dran, beim Licht in der russischen Botschaft. Und das Licht geht manchem Politiker auf;

es strömet das Volk, es rennet zuhauf zum Licht in der russischen Botschaft. Und einer zum andern geheimnisvoll spricht: „Da ist was im Gange – ja, sehn Sies denn nicht,

das Licht in der russischen Botschaft?“ Es erbrausen die Linden! „Berennet die Tür!“ Ein Schutzmann hält seinen Bauch dafür vor das Licht,

das Licht in der russischen Botschaft. Sogar ein Geheimer Studienrat sagt die Information, die er bei sich hat, vom Licht in der russischen Botschaft.

Und drin spricht der Klempner im öden Saal: „Du hör mal, Maxe, du kannst mir mal die Ölkanne ribajehm!“ Dann gehen die beiden geruhig nach Haus,

nach dem Stralauer Tor – und das Licht löscht aus, das Licht in der russischen Botschaft.

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