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1912

Augen in der Großstadt

Kurt Tucholsky

Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider – Was war das? vielleicht dein Lebensglück . . . vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen; du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen.

Ein Auge winkt, die Seele klingt; du hasts gefunden, nur für Sekunden . . .

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider; Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück . . . Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang durch Städte wandern; siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein.

Es sieht hinüber und zieht vorüber . . . Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider.

Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück! Vorbei, verweht, nie wieder.

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