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1912

An Lucianos

Kurt Tucholsky

Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse! Zweitausend Jahre – welche Zeit! Du wandeltest im Fürstentrosse, du kanntest die Athenergosse

und pfiffst auf alle Ehrbarkeit. Du strichst beschwingt, graziös und eilig durch euern kleinen Erdenrund – Und Gott sei Dank: nichts war dir heilig,

du frecher Hund! Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen! Wir haben zwar die Schwebebahn – doch auch dieselben Hurenkissen,

dieselbe Seele, jäh zerrissen von Geld und Geist – du lebst, Lucian! Noch heut: das Pathos als Gewerbe verdeckt die Flecke auf dem Kleid.

Wir brauchen dich. Und ist dein Erbe noch frei, wirfs in die große Zeit. Du warst nicht von den sanften Schreibern. Du zogst sie splitternackend aus

und zeigtest flink an ihren Leibern: es sieht bei Göttern und bei Weibern noch allemal der Bürger raus. Weil der, Lucian, weil der sie machte.

So schenk mir deinen Spöttermund! Die Flamme gib, die sturmentfachte! Heiß ich auch, weil ich immer lachte, ein frecher Hund!

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