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1912

Altes Volkslied

Kurt Tucholsky

Wem habe ich zu danken – sag an, mein Herz, sag an –: Wer knebelt die Gedanken? wer setzt der Freiheit Schranken?

wer ist der brave Mann? Der Leutnant, schlank gewachsen – sag an, mein Herz, sag an – der Reichswehr? die in Sachsen

und Thüringen blutige Faxen unmöglich getan haben kann? Ist es der Hauptschriftleiter – sag an, mein Herz, sag an –,

der dem schwarz-rot-goldenen Streiter ein gebildeter, steter Begleiter und noch nie einen Kampf gewann? Es ist der deutsche Richter

– sag an, mein Herz, sag an –, der sperrt das rote Gelichter in die Zellen – und hinterher spricht er: „Es gibt keine Klassenjustiz.“

Man siehts, mein Herz, man siehts. Denn die es besser wissen, die schlafen auf strohenen Kissen; und die nach dem Lichte streben,

die stehn hinter gitternen Stäben; und die die Freiheit begehren, die können sich nicht mehr wehren. Was verdienen unsre Richter?

Sag an, mein Herz, sag an! Paragraph juhu! Paragraph juchei! Wir wissen es ja schon:

Viel hundert Taler im Jahr, mein Herz – Unsere Liebe. Vertraun. Und Pension.

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