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1912

Abendlied

Kurt Tucholsky

Auf den Bergen liegt der Schatten, und der See ist dunkelgrün. Von den Sechs-Mark-fünfzig-Platten singt Maria Ivogün . . .

Horch, die schöne Melodie: „Tralahü – lahü – lahi!“ Dumpf tönts von der Kegelbahn – – – . . . Was hast du am Tag getan –?

Hast du einen Brief geschrieben? Hast du im Büro gepennt? Hast du Unkeuschheit getrieben? Nahmst du Prozent

als Bankier der Industrie . . . Tralahü – lahü – lahi – Singt sie nicht wie Marzipan! . . . Was hast du am Tag getan?

Hast des Staates du im stillen dankbar-demutsvoll gedacht? Hast du Margot Abführpillen, die sie wollte, mitgebracht?

Dachtest du, wie Hitler schrie . . . Tralahü – lahü – lahi – mit dem bierigen Organ – – – Was hast du am Tag getan?

Morgen, denkst du, bin ich schlauer. Morgen fang ichs richtig an. Jeder – Städter oder Bauer – ist zur Nacht ein kluger Mann.

Aber welche Ironie – Tralahü – lahü – lahi –: Morgen leben alle Leute egalweg genau wie heute.

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