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1813

Leben

Ludwig Tieck

Mit trübem Auge In finstrer Nacht, Geht durch das Leben Das Kind geleitet

Vom ernsten Führer, Den es nicht kennt. Im Thal, am lauten Wasserfall Stehn beide Wandrer still,

Der Führer spricht zum Horchenden: Sieh, hier blühen alle Blumen, Alle Wünsche, alle Freuden, Pflücke, denn wie fließend Wasser

Rauscht das Leben dir vorüber. Fort weicht die Gestalt, Und tiefbekümmert Sieht ihr mit langem Blicke

Der einsam Verlaßne schmachtend nach. Wind säuselt in den Blumen, Wellen murmeln so wie zum fröhlichen Tanz, Da beugt sich der Fremdling

Und mäht mit raschen zitternden Händen Die kleine Stelle Auf der er steht. Und Blumen und Gräser

Und giftiges Unkraut Und stachlicht Gewürme Fühlt zitternd die Hand, Und halb erschrocken

Und halb entschlossen Wirft Gräser und Unkraut, Gewürme und Blumen Das Kind mit Gewinsel

In die Fluthen des lauten abrollenden Stroms. „Wo sind die Freuden? Wo sind meine Wünsche? Du hast mich betrogen

Und einsam verlassen Zittr' ich noch einmal Die Hand nach den täuschenden Blumen zu strecken.“ Da fließt des Mondes goldnes Licht

Durch Thal' und Wies' und über den Strom Und räthselhaft steht rings die Gegend Im Glanz des Abends. „Wo find' ich die Heimath?

Wo sind die Gefährten? Ich sehe nur Schatten, Die dunkel und dunkler Vom Strom herüber,

Bald hierhin, bald dorthin Wie Wolken gehn. Liegt alles jenseits, Was ich mir wünsche

Und herzlich suche? Ich höre Töne, Sind's ferne Wasser, Sind's tönende Wälder,

Sind's Menschenstimmen? So fremd und vertraulich, So ernst und so freundlich, Klingt's fern herüber.

Ach wie trotzig braust der Strom sein Lied fort, Ziehende Vögel spotten meiner in der Ferne, Wolken sammeln sich um den Mond und nehmen ihn mit sich, Ach kein Wesen, das meiner sich erbarmte.“

„Ist dies das Leben, Voll Lieb' und Freude? Wo find' ich die schöne Verlaßne Heimath?“ –

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