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1894

Familie Ramler

Ludwig Thoma

Herr Ramler war in München Rentner. Er wog die zwei bekannten Zentner Und wohnte in der Lindwurmstraß', Wo er dazu ein Haus besaß.

Sein Barvermögen, wie sie sagen, Hat vierzigtausend Mark betragen, Das ist verzinst mit vier Prozent Ganz hübsch. Und Ramler war solvent.

Er war nicht tätig und geschäftlich Und auch nicht arbeitsleidenschäftlich, Er nahm den Mietzins pünktlich hin Und steigerte auch manchmal ihn.

Er ließ sich jeden Tag verlocken Zu Tertel, Schafkopf und Tarocken, War bei drei Kegelabend' und Beim Zimmerstutzenschützenbund.

Ich dächte, hiemit sei gegeben Der Inhalt von Herrn Ramlers Leben. Und sie – was seine Frau betraf – Hieß Zenzi und geborne Graf.

Sie war natürlich neununddreißig, In ihrem Fache auch so fleißig Wie seinerseits der Herr Gemahl, Der Gatte ihrer frühen Wahl.

Fast als der Inhalt von zwei Blusen Erschien ihr ungeheurer Busen. Für jemand, der die Fülle liebt, Der schönste Anblick, den es gibt.

Und dann die Rundung unterm Rücken War meterweise ein Entzücken. Im Geiste legt man seine Hand Auf dieses schöne Wunderland.

Man kann sich denken, daß ihr Gatte Nicht viel Verständnis für sie hatte. Nach zwanzig Jahr' bleibt nichts zurück Vom Feuer und vom Eheglück.

Sie war, wie viele, unverstanden, Das heißt, es kam ihr auch abhanden Der Honig, der ihr lieblich schien, Und sonstiges von ihrem Bien.

Der Ehe waren auch gelungen Zwei Töchter mit Befähigungen, Die Zenzi zählte achtzehn Jahr', Als Fanny kaum noch siebzehn war.

Sie waren beide rund entwickelt, Nur daß die Fanny stark gepickelt Von saurem Blute schien und wohl War schuld Papa sein Alkohol.

Der Grundcharakter der Erscheinung War nach der allgemeinen Meinung Der von Mama, sehr rund und nett, Entwicklungsfähig im Korsett.

Den dito hinteren Partien War jetzt schon mancher Reiz verliehen, Sie gaukelten im Zukunftsbild Als angenehmstes Lustgefild.

So weit nun alles, was persönlich Den Leser int'ressiert. Gewöhnlich Hat die Familie zweckbestrebt So mühelos als froh gelebt.

Am Vormittag beim Franziskaner, Am Nachmittag dann nach getaner Verdauung eine Tasse Kaffee. So ähnlich war die Grundidee.

Des Abends ging dann ins Theater, Was weiblich war, indes der Vater Die Bettschwer' sich durch Bier verschafft Und fünf, sechs Schoppen Rebensaft.

Des Nachts kam Amor an die Betten. Vielleicht, daß ihn die Töchter hätten Begrüßt, doch waren sie noch dumm. Der Vater drehte sich bloß um.

Mama sah ihn mit Seufzen wandern Vermutlich hin zu einem andern, Der dankbar sich dem Gott erschloß Und nicht mit Zimmerstutzen schoß.

In dieser bürgerlichen Weise Verbrachte man in Ramlers Kreise Den Tages-, Wochen-, Mondenlauf. In diesem Jahre hört' es auf.

Und zwar, wie stets am Isarstrande, Kam das Verderbnis nun zustande Im Karneval. Es war auch hier Wie immer, doch es waren vier.

Begonnen hat es bei der Mutter. Sie war zu reif, zerging wie Butter Am Feuer eines Augenblicks. Fast ohne Walten des Geschicks.

Ihr Mann war wieder beim Tarocken, Da konnte sie sofort verlocken Ein Mensch von Schmederers Ballett. Sie schwamm in Glück und er in Fett.

Der Sündenfall war unabwendlich Und er geschah so selbstverständlich, Als wenn es wirklich gar nichts wär'; Sie dachte ebenso wie er.

Und dachte an den Zimmerstutzen; Das war ihr hinterher von Nutzen Zu ihrer Selbstentschuldigung Bei diesem ersten Seitensprung.

Merkwürdig doch, wie oft wir sehen Das Gleiche gleicherzeit geschehen, Dies heißt dann wohl Duplizität Der Fälle, wer so was versteht.

Als Zenzi fiel, am gleichen Tage War Ramler in derselben Lage, Und glaubte, daß die Lumperei Allein auf seiner Seite sei.

Das reizt so manche Gänseriche Fast stärker wie das Eigentliche; Die Sünde liegt im Intellekt Und schwelgt wie nichts als wie im Sekt.

Es war, vermittelst auch des Sektes, Ein Sündenfall des Intellektes, Und Ramler freute sich am Schein, Ein lüderlicher Mensch zu sein.

Ihm diente förmlich zur Reklame Das aufgeputzte Mensch, die Dame, Mit der er so umschlungen saß Und irgend etwas Teures fraß.

Den Schluß des Abends zu erraten, Ist unschwer. Daß er noch in Taten Der Schlechtigkeit zu Ende ging, Die Meinung hiefür ist gering.

Jedoch der Wille und Versuche Gereichen ebenso zum Fluche, Weil immerhin, sagt der Jurist, Die Absicht schon verwerflich ist.

So war nun Zenzi nebst dem Gatten Auf schiefem Weg', und beide hatten Die Schuld an dem verbotnen Gift, Was ihre Töchter anbetrifft.

Er nicht daheim, sie auf dem Balle – Du lieber Gott, in diesem Falle Denkt sich ein Kind und sagt für sich: Ich mach' es nach, und warum nich?

Für Zenzi gab sich ein gelockter Student, ein sogenannter Dokter, Mit so viel Dummheit eingefaßt, Wie es für junge Mädchen paßt.

Im Anfang schüchtern, später frecher, Zuletzt ein Sittlichkeitsverbrecher, Zuerst ein froher Jugenddrang, Dann zielbewußter Wachtelfang.

Erst sträubte sich die arme Trude, Dann saß sie doch in seiner Bude; Der Engel, der sie stets beschützt, Entfernte sich, weil er nichts nützt.

Sie ging mit einer absoluten Verwegenheit schon auf Redouten Und sah als flotter Domino Den Vater einmal irgendwo.

Und alles, was sie da bemerkte, War so, daß es sie noch bestärkte. Wie schnell entgleitet aus der Hand Das zärteste Familienband!

So ging 's bei Ramlers im Terzette. Was aber frag' ich, ja was hätte Nun Fanny noch zurückgedrängt, Wie sie an diesem Abgrund hängt?

Ein Zahnarzt war es, der die Ärmste Durch Güte und aufs allerwärmste, Fast väterlich darum beschwor, Daß sie den Tugendpreis verlor.

Der Habicht wird nur desto kühner, Wenn eins der sanften, guten Hühner In seinen Krallen ängstlich hupft. Die Federn werden ausgerupft.

Das „wie“ erlaßt mir, euch zu schildern. Es führte nur zu solchen Bildern, Daß jemand mit bewegter Hand Sie hinterlegt' als Denunziant.

Kurz: Fanny war die Pfirsichblüte Von duftender Charaktergüte, Und war entblättert und gepflückt, Wie es so manchem Zahnarzt glückt.

Der Maler der Familie Ramler Wird sozusagen Lumpensammler. Die beiden Töchter, sie und er, Wer schlechter ist? Die Wahl ist schwer.

Was dann? So frägt man tief in Sorgen: Wie wird die Zukunft, wird das Morgen? Wie kann es gehen? frag' ich mich. Ich glaube, ziemlich sengerich.

Die Mutter ist nun schon im Schusse, So weit von ihrem Geniusse, So weit von ihrem alten Glück. Die Alte findet nicht zurück.

Der Vater bleibt – das läßt sich denken – Ein Lump, bis er in den Gelenken Die Gicht verspürt. Am Marterpfahl Wird er wohl fromm und klerikal.

Die Töchter werden sich entwickeln In wilder Lust. Von ihren Pickeln Wird Fanny im Gesichte frei. Die Seele? Das ist zweierlei.

Hier kann nichts Gutes mehr entsprießen. Papa wird zimmerstutzenschießen; Die Mutter läßt es gern geschehn, Sie achtet 's nicht und denkt an wen.

Verlassen wir die öde Stätte! Wenn jeder Mensch die Tugend hätte, Die uns von selber innewohnt, Dann würde sie nicht so belohnt.

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