Doch als das große Höllenungeheuer Den Zorn gestillt, die Herzen ruhig sieht, Unlenkbar ihm des Schicksals festes Steuer, Und wandellos was ew'ger Will' entschied:
Da weicht's, und schnell erblaßt der Sonne Feuer, Die Flur vertrocknet, wo's vorüberzieht; Und andres Unheil, andre Wut zu bringen, Beschleunigt es zu neuem Werk die Schwingen.
Die Furie, wissend, fern vom Lager walle, Durch ihrer Brüder List und Emsigkeit, Der Sohn Bertholds; auch sei Tancred und alle Die Tapfersten des Heers getrennt und weit,
Rief aus: Was warten wir? Jetzt überfalle Sie Solyman mit unversehnem Streit! Gewiß, ich hoff's, winkt uns zu hohem Siege Ein Heer, geschwächt, und mit sich selbst im Kriege.
Sie spricht's und fliegt zu ihm, dem anerkannten Heerführer irrer Schaaren, Solyman; Denn unter allen, die von Gott sich wandten, War Dieser jetzt der stärkste, kühnste Mann,
Und brächt' aufs neu die Erde der Giganten Furchtbare Brut hervor, er wär's auch dann. Er war der Türken Herrscher, und erlesen Zum Sitz des Reichs Nicäa ihm gewesen.
Da streckte sich zur Griechenküste nieder, Vom Sangar zum Mäander hin, sein Land, Wo man vordem Bithyner, Myser, Lyder Und Phryger und des Pontus Volk gekannt.
Doch nachmals, da die fremden Waffen wider Die Türken und die Heiden sich gewandt, Ward er des Reichs beraubt, und er, geschlagen, Erlitt zweimal gewalt'ge Niederlagen.
Er sucht' umsonst sein Unglück zu bezähmen; Vom Vaterland trieb ihn der Christen Macht, Und nach Aegypten mußt' er Zuflucht nehmen, Wo ihn der Fürst empfing mit Würd' und Pracht,
Voll Freude, daß zum großen Unternehmen Solch tapfrer Mann sein Schwert ihm zugebracht. Denn schon beschloß er vor der Christenschaaren Eroberung das heil'ge Land zu wahren.
Doch eh' er sich erkühnt, wie er beschlossen, Mit offnem Krieg den Feind zu überziehn, Wollt' er die Araber als Bundsgenossen, Für vieles Gold, durch Jenen an sich ziehn.
Indeß die Seinen nun zusammenflossen Aus Asien und dem Mohrenland, erschien Fürst Solyman und dingt' Arabiens Haufen, Raubgierig jederzeit und leicht zu kaufen.
Mit Diesen streift' er durch Judäa's Lande Auf Raub und Plündrung, als ihr Oberhaupt; Auch war seitdem der Weg vom Meeresstrande Zum Frankenlager Keinem mehr erlaubt.
Und stets gedenkend der erlittnen Schande, Des alten Throns, den ihm der Feind geraubt, Wälzt er um Größres glühend die Gedanken, Doch ungewiß und immer noch im Schwanken.
Ihm naht Alekto zu gelegnen Stunden Und stellt sich ihm als greiser Kriegsmann dar, Von Antlitz bleich, in Runzeln eingeschwunden, Mit glattem Kinn, nur auf der Lippe Haar.
Mit langem Linnen ist das Haupt umwunden, Bis auf den Fuß hängt faltig der Talar. Der Rücken trägt den Köcher; an den Lenden Hat sie das Schwert, den Bogen in den Händen.
Wir, spricht sie, streifen in den öden Schauern Der Wüst' umher, im unfruchtbaren Sand, Wo wir nicht können Beute mehr erlauern, Noch Sieg empfahn, der rühmlich sei genannt.
Gottfried indeß bestürmt die hohen Mauern Und hat sie mit den Thürmen schon berannt, Und bald erblicken wir, säumst du noch immer, Selbst hier den Einsturz und der Flammen Schimmer.
Sind Schaafe nun, und Rinder, und vom Brande Verzehrte Hütten Solymans Trophä'n? So hoffest du Herstellung deiner Lande? So den Verlust, die Schmach gerächt zu sehn?
Sei kühn! sei kühn! Inmitten seiner Bande Muß der Tyrann zur Nachtzeit untergehn. O folg' Araspen, dem bewährten Manne, Deß Rath du oft erprobt im Reich, im Banne!
Die Araber verachtet er, die Schwachen, Denkt nicht an uns, ist nicht auf seiner Hut, Noch glaubt, daß eine Schaar, zum Beutemachen, Zum Fliehn gewöhnt, so Großes wagt und thut.
Doch muthig wird dein Heldenmuth sie machen, Wenn nun das Lager wehrlos liegt und ruht. So redet sie und bläst mit Flammenhauche Wut in sein Herz, und schwindet gleich dem Rauche.
Der Krieger ruft, die Hand gen Himmel hebend: O du, der diese Glut im Herzen schürt, Als Mensch gestaltet, doch als Mensch nicht lebend, Ich folge dir, wohin dein Ruf mich führt.
Schon komm' ich, wo Gefild ist, Berg' erhebend, Von Todten und Verletzten aufgeführt. Blutströme schaff' ich; sei mir du zur Seite Und lenke meine Faust im nächt'gen Streite!
Er ruft das Volk und redet so zu Allen, Daß auch der Feig' und Träge sich ermannt, Und setzt mit Flammen, die sein Herz durchwallen, Die Schaar, bereit zur Heeresfolg', in Brand.
Schon läßt Alekto die Posaun' erschallen Und schwingt das Hauptpanier mit eigner Hand. Rasch zieht das wilde Heer, vielmehr es flieget, So daß es selbst den flücht'gen Ruf besieget.
Alekto, die zuerst den Zug begleitet, Verstellt in einen Boten sich alsdann, Und um die Zeit, da Licht mit Dunkel streitet Und keines ganz die Welt bezwingen kann,
Erscheint sie zu Jerusalem und schreitet Durchs bange Volk zum Könige hinan, Und bringt vom nahen Heer' ihm wicht'ge Kunde, Vom Ueberfall, vom Zeichen, von der Stunde.
Schon breitet rings der Schatten dunkles Grauen Den Schleier aus, mit rothem Dunst befleckt; Anstatt des nächt'gen Reifes wird von lauen Bluttropfen schaurig das Gefild bedeckt.
Scheusal' und Wunder läßt der Himmel schauen; Der Larven Schaar irrt flüsternd um und schreckt. Den Abgrund leerte Pluto; durch die Lüfte Goß er die ganze Nacht der Orkusgrüfte.
Durch solches Grauen führt zu nächt'gen Kriegen Der wilde Fürst aufs Lager seinen Zug, Und als die Nacht des Laufes Mitt' erstiegen, Von wo sie niederfährt mit schnellerm Flug,
Sieht er dem Orte, wo die Franken liegen In sicherm Schlaf, sich nahe schon genug. Hier speiset er sein Volk, und spricht mit Stärke Ihm Muth ins Herz zum grausenvollen Werke:
Ein Lager seht, voll tausendfacher Beute, Weit mehr durch Ruf als innre Stärke groß, Das allen Reichthum, deß sich Asien freute, Schlang, wie ein Meer, in seinen gier'gen Schooß.
Dies bietet euch das güt'ge Schicksal heute, Und könnt' es nie so fahr- und mühelos. Die gold- und purpurreichen Ross' und Wehre Sei'n Raub für euch, nicht Schutz für Feindesheere.
Auch ist dies Heer als das nicht zu betrachten, Das Persiens und Nicäa's Volk besiegt; Gefallen ist der größre Theil in Schlachten, Seit man so lang' und wechselnd schon gekriegt.
Und wär's noch ganz: nicht furchtbar könnt ihr's achten, Da es entwehrt in tiefer Ruhe liegt. Wer schläft, ist schon geweiht dem Untergange; Der Weg vom Schlaf zum Tode währt nicht lange.
Hinan! hinan! Hoch über Feindesleichen Oeffn' ich zuerst ins Lager euch die Bahn. Mit euerm Schwert folgt meines Schwertes Streichen Und nehmt von ihm die Kunst der Wildheit an.
Heut endlich soll die Herrschaft Christi weichen, Heut Asien Freiheit und Ihr Ruhm empfahn. So muthigt er zum nahen Kampf die Streiter Und führt sie dann in aller Stille weiter.
Sieh! Wachen nun gewahrt er auf dem Zuge, Beim schwachen Licht, das durch die Schatten graut, Und überraschen kann er nicht die kluge Vorsicht des Feldherrn, wie er wohl vertraut.
Die Wächter kehren um mit raschem Fluge, Beim Anblick solcher Meng', und rufen laut, So daß die ersten Reihn vom Lärm erwachen Und, nach Bedarf, zum Kampf sich fertig machen.
Gewiß nun der Entdeckung, läßt erbrausen Arabiens Volk sein gräuliches Metall. Gen Himmel dringt des Mordgeheules Grausen, Vermischt mit Roßgewieh'r und Hufesschall.
Rings brüllen Berge, brüllen Thalesklausen, Und Antwort brüllt des Abgrunds Wiederhall. Alekto läßt die Höllenfackel lodern, Das Volk des Bergs zum Mitkampf aufzufodern.
Der Sultan stürzt, vor seinen Kriegern allen, Auf jene Schaar, die sich noch kaum bewehrt, So reißend los, daß aus Gebirgeshallen Der wilde Sturm mit mindrer Schnelle fährt.
Ein Wogensturz, dem Bäum' und Häuser fallen, Ein Blitz, der Thürme schmettert und verzehrt, Ein Erdstoß, der die Welt erfüllt mit Grauen, Sind seiner Wut ein schwaches Bild zu schauen.
Sein Schwert, so oft es sinkt, trifft ohne Fehle, Und wo es trifft, läßt Wunden sein Gewicht, Und jede Wund' entkerkert eine Seele; Ich sagte mehr, doch Wahrheit scheint Gedicht.
Sei's, daß er täuschend seinen Schmerz verhehle: Es scheint, er fühlt der Andern Hiebe nicht; Wenn gleich der Helm, auf den ein Schwert gesunken, Wie Glocken tönt, und Flammen sprüht und Funken.
Als Er nun, ganz allein, die ersten Haufen Des Frankenheers fast in die Flucht gesprengt, Da kommt Arabiens Volk mit wildem Schnaufen, Ein Strom aus tausend Bächen, nachgedrängt.
Nun wenden sich die Franken um und laufen; Der Sieger, mit den Flüchtigen vermengt, Dringt unaufhaltsam durch das Thor des Walles, Und Grau'n, Verwüstung, Klag' erfüllet Alles.
Des Sultans Helm läßt einen Drachen schauen: Er dehnt sich aus und reckt den Hals hervor, Schlägt mit den Flügeln, hebt sich auf den Klauen Und ringelt den gespaltnen Schweif empor.
Drei Zungen schnellt er, scheint's, haucht grünlich blauen Giftschaum, und schreckt durch sein Gezisch das Ohr; Und durch den Schwung entbrennt das Ungeheuer Im Brand der Schlacht, und speiet Rauch und Feuer.
Und wer den argen Solyman im Scheine So schauderhaften Lichts gewahrt, dem graust, Wie oft bei Nacht der bangen Schiffgemeine, Wann, blitzumstrahlt, das wilde Meer erbraust.
Der Eine hebt zum Lauf die Schlotterbeine, Der Andre hebt ans Schwert die sichre Faust. Die Nacht vermehrt noch den Tumult der Schaaren Und häuft, Gefahr verbergend, die Gefahren.
Von denen, die beherzt zum Kampfe flogen, War auch Latin, erzeugt am Tiberstrand, Dem Alterlast den Rücken nicht gebogen, Noch Ungemach gelähmt die kräft'ge Hand.
Fünf Söhne, fast einander gleich, umzogen Den Vater stets, wo er in Schlachten stand, Indem sie, vor der Zeit, in Waffen zwangen Die Glieder, noch im Wuchs, die zarten Wangen.
Zum Kampfe wetzten sie, auf das versuchte Beispiel des Vaters schauend, Zorn und Schwert. Auf, spricht er, laßt uns hin, wo der Verruchte Den Uebermuth auf flücht'ge Schwärme kehrt.
Heut werde nicht, wie wild auch die verfluchte Mordgier ertobt, eu'r alter Muth entbehrt; Denn Ruhm, o Söhn'! ist ohne Werth und Dauer, Wenn nicht geschmückt mit manch vergangnem Schauer.
So führt die wilde Löwin ihre Jungen, Eh mit der Zeit gewachsen sind die Klau'n, Eh um den Hals die Mähne sich geschlungen Und auf des Rachens Wehr sich läßt vertrau'n,
Mit zu Gefahren aus und Plünderungen, Und macht durch Beispiel frühe sie zum Grau'n Des Jägers, wenn er stört die Heimatforste Und schwächres Wild verjagt aus seinem Horste.
Dem Vater folgt der fünf beherzten Sprossen Achtlose Schaar und greift den Türken an. In Einem Zeitmaaß, Rath und Geiste schossen Sechs lange Speere los auf Einen Mann.
Allein der ältre Sohn, zu rasch entschlossen, Wirft weg den Speer, drängt sich an Solyman Und sucht umsonst, wie mit des Schwertes Schärfe Er unter ihm sein Roß zu Boden werfe.
Doch wie ein Fels, von Wogen rings umschwollen, Vom Sturm gepeitscht, ragt übers Meer hinaus, Und, fest durch sich, dem Donner und dem Grollen Des Himmels trotzt, dem Wind- und Flutgebraus:
So hält der wilde Türk mit festem Wollen Den Sturm der Lanzen und der Schwerter aus, Und spaltet dem, der nach dem Roß gehauen, Das kecke Haupt gleich zwischen Wang' und Brauen.
Kaum sieht Armant, des Bruders Blut entwalle, So reicht er ihm den Arm, da Jener fällt; Vergeblich thöricht Mitleid, das zum Falle Des Andern nun den eignen Fall gesellt!
Der Heide trifft den Arm mit mächt'gem Pralle Und stürzt mit ihm auch Jenen, den er hält. Sie sinken auf einander hin und lechzen, Und mengen Beid' ihr Blut und letztes Aechzen.
Durch haut er nun den Speer, womit so eben Sabin ihm aus der Fern' entgegen fuhr, Und rennt den Knaben um; er stürzt mit Beben Und liegt, vom Roß zerstampft, auf blut'ger Flur.
Die Seel' entflieht mit bitterm Widerstreben Dem jungen Leib', und scheidet traurig nur Vom süßen Lebenshauch, den heitern Tagen Der Jugend, reich an wonnigem Behagen.
Laurent und Pico standen noch dem Heiden, Sie, die zugleich die Mutter einst gebar; So ähnlich von Gestalt, daß durch die Beiden Ein süßer Irrthum oft entstanden war.
Doch wollte sie Natur nicht unterscheiden, So unterschied sie jetzo der Barbar. Grausame Sondrung! denn vom Rumpf gewettert Wird dem das Haupt, und dem die Brust zerschmettert.
Der Vater – nicht mehr Vater! o Verhängniß, Das so viel Söhn' auf einmal ihm geraubt! – Sieht, in fünf Toden, seines Tods Begängniß Und seines Stamms, der vor ihm liegt entlaubt.
Ich weiß nicht, wie, in solches Leids Bedrängniß, Das Alter ihm noch Kraft und Muth erlaubt Zu leben, kämpfen: nicht wohl mogt' er schauen Geberd' und Blick der Söhn' im Todesgrauen;
Und wohl verbarg, zum Theil, sein ungeheuer Furchtbar Geschick ihm die gewogne Nacht. Doch wie dem sei: nicht mehr ist Sieg ihm theuer, Zerschmettert nicht auch ihn die wilde Schlacht.
Sein Blut verschwendend, und mit allem Feuer Habsücht'ger Gier auf Feindesblut bedacht, Entdeckt er nicht, was seinem heißen Werben Das Liebste sei, ob Tödten oder Sterben.
Er ruft dem Gegner zu: Ist so geringe, So schwach mein Arm, so der Verachtung werth, Daß ihm mit allen Kräften nicht gelinge, Zu reizen wider mich dein grausam Schwert?
Er schweigt, und hebt zu solchem Hieb die Klinge, Daß sie sogleich durch Blech und Ringe fährt Und faßt die Seit' und macht in lauen Wellen Des Feindes Blut der großen Wund' entquellen.
Bei diesem Ruf und Angriff kehrt der Heide Mit gleicher Wildheit Zorn und Schwert auf ihn. Den Panzer spaltet er, nachdem die Schneide Den Schild zerhau'n, den sieben Häut' umziehn,
Und taucht den Stahl ihm tief ins Eingeweide. Schon keucht und schluchzt der sterbende Latin, Und bald, im Wechselschwall, entströmt der Wunde Das heiße Blut, und bald dem offnen Munde.
Gleichwie ein Baum, der, stark und unentblättert, Auf Alpenhöh'n dem Ost getrotzt und Nord, Wann ihn zuletzt die Windsbraut niederwettert, Mitreißt die Bäume rings um seinen Ort:
So stürzt er hin, und seine Wut zerschmettert, Im mächt'gen Fall, noch mehr als Einen dort; Und wohl geziemt dem Tapfern so zu sterben, Daß er verbreit', im Sturze noch, Verderben.
Indeß der Sultan dort, gleich gier'gen Geiern, Den langen Hunger mit Gewürgten stillt, Will auch Arabiens grimmig Volk nicht feiern Und tobt im Frankenheere graß und wild.
Den Britten Heinrich, Olifern den Baiern Stürzt deine Faust, o Dragut! aufs Gefild. Gilbert und Philipp, beid' erzeugt am reichen Gestad des Rheins, macht Ariaden zu Leichen.
Auch Ernst wird von Albazars Keul' erschlagen, Algazels Schwert reißt Engerland ans Ziel. Doch wer könnt' all' die Todesarten sagen, Und welche Meng' unedlen Volkes fiel? –
Vom ersten Schrei, der an sein Ohr geschlagen, Erwacht Bouillon sogleich und säumt nicht viel. Schon ist er ganz bewaffnet, schon umringen Die Seinen ihn, schon eilt er vorzudringen.
Als, nach dem Schrei'n, der Lärm vom wilden Morden, Der Kampftumult furchtbarer um sich greift: Gedenkt er wohl, daß jene Räuberhorden Durch Ueberfall ins Lager ihm gestreift.
Denn lange war's dem Feldherrn kund geworden, Daß sie die Gegend rings umher durchschweift; Doch glaubt' er nicht, daß jemals der verzagte, Feldflücht'ge Schwarm ihn anzugreifen wagte.
Schon naht er sich, und von der andern Seite Tönt's: Waffen! Waffen! mit gewalt'gem Schall; Zugleich dringt furchtbar aus des Himmels Weite Barbarischen Geheules Wiederhall.
Clorind' ist dies, die in Argants Geleite Des Königs Völker führt zum Ueberfall. Zu Guelf, dem Nächsten auf der Würden Stufe, Kehrt sich der Feldherr nun mit diesem Rufe:
Hörst du, welch neues Kriegsgetös vom Hügel Herüber schallt, und von den Mauern her? Wohl thut es noth, du hemmst die raschen Flügel Des ersten Sturms durch Kunst und tapfre Wehr.
Drum geh' und halte dort den Feind im Zügel, Und nimm die Hälfte mit von meinem Heer; Ich, mit dem andern Theil, will dem verwegnen Andrang des Feinds auch hier indeß begegnen.
So wird bestimmt, und auf verschiednem Gange Nimmt Jeder gleiches Glück als Führer mit. Guelf eilt zum Hügel, Gottfried zum Empfange Der Araber, die Niemand mehr bestritt.
Allein er wächst im Gehn; mit starkem Drange Strömt neues Volk ihm zu auf jedem Schritt; So daß er, groß und mächtig schon geworden, Ankommt, wo Solyman sich letzt am Morden.
So füllt der Po, wenn er mit schwacher Welle Vom Berge stürzt, das enge Bett nicht an; Doch immer mehr, je ferner seiner Quelle, Schwillt er von neuer Kraft auf seiner Bahn,
Hebt, weitausströmend, über Dämm' und Wälle, Als Sieger die gehörnte Stirn hinan, Sucht, stoßend, selbst die Meerflut zu bezwingen Und scheint ihr Krieg, und nicht Tribut, zu bringen.
Dort, wo sein Volk, vom Schrecken überwunden, Die Flucht ergreift, kommt Gottfried angejagt: Wo flieht ihr hin? Ist aller Muth entschwunden? Betrachtet nur den Feind, vor dem ihr zagt:
Ein feig Gesindel, das von vorn die Wunden Nicht zu empfangen noch zu geben wagt, Das nicht, eu'r Antlitz sehend, würde taugen Zu widerstehn den Waffen eurer Augen.
Ruft's, spornt den Gaul, und, wo im flücht'gen Trosse Der Sultan wütet, jagt er hin sofort, Dringt mitten durch Gefahren, durch Geschosse, Durch Staubgewölk, Blutströme, Grau'n und Mord;
Durchbricht und öffnet mit dem Schwert und Rosse Die stärkste Schaar, den dichtverwahrtsten Ort, Und schleudert rechts und links im Drang der Streiter Wehr und Bewehrte hin, und Roß und Reiter.
Im Sturmlauf, über Leichenberge springend, Verfolgt er seinen Pfad durch Nacht und Graus. Der kühne Türk, der ihn, verderbenbringend, Anstürmen hört, flieht nicht und weicht nicht aus;
Vielmehr, den Stahl hoch durch die Lüfte schwingend, Sprengt er entgegen ihm zu wildem Strauß. O welch ein Ritterpaar die Macht der Sterne Im Kampfe jetzt vereint aus fernster Ferne!
Hier nun, um Asiens große Herrschaft, ringen Im engen Kreise Wut und Heldenmacht. Wer sagte wohl, wie schwer, wie rasch die Klingen Im Schwunge sind, wie schauervoll die Schlacht?
Nichts melden kann ich von den furchtbarn Dingen, Die hier geschahn, verhüllt von tiefer Nacht, Der hellsten Sonne werth, und daß die ganze Volkschaar der Welt sie schau' im reinsten Glanze.
Der Christen Heer, geführt von solchem Leiter, Dringt wieder vor, von neuem Muth geschwellt, Indeß sich eine Schaar der besten Streiter Rings um den mörderischen Sultan stellt.
Mehr, als der Heide, färbt der Christ nicht weiter, Noch jener mehr, als dieser, nun das Feld; Gleichmäßig, hier wie dort, Besiegt' und Sieger, Empfangen Tod und geben ihn die Krieger.
Wie Nord und Süd zum Kampf die Luft durchstreichen, Von da, von dort, gleich an Gewalt und Muth; Sie weichen nicht, noch Meer, noch Himmel weichen, Und Wolke ringt mit Wolke, Flut mit Flut:
So weder da noch dort giebt nach im gleichen Hartnäck'gen Streit der beiden Völker Wut, Und rasselnd, laut, im engen Kampfesringe, Prallt Schild an Schild, an Helm Helm, Kling' an Klinge.
Nicht minder dicht ist auf der andern Seite Der Krieger Schaar, der Kampf nicht minder schwer. Hier füllt des Luftraums ungeheure Weite, In tausend Wolken, der Dämonen Heer
Und stärkt der Heiden Kraft; dem rauhen Streite Sich zu entziehn denkt nicht ein Einz'ger mehr. Argant, seitdem die Höllenfackel flammte, Fühlt heißre Glut noch, als die angestammte.
Auch seinerseits verjagt er bald die Wachen Und schwingt mit Einem Satz sich übern Wall, Schafft Gräben durch der Leichen Schutt zu flachen Heerstraßen um, und bahnt dem Ueberfall.
Nun folgen rasch die Seinen ihm und machen Die ersten Zelte roth von blut'gem Schwall, Und nichts giebt, oder wenig, ihm an Schnelle Clorinde nach, ungern an zweiter Stelle.
Schon flohn die Franken, als, gar sehr gelegen, Guelf kam mit seiner Schaar herbeigerannt, Und führt' aufs neu dem Feinde sie entgegen, Und hielt dem Sturm der Heidenvölker Stand.
So ward gekämpft, und Blut strömt allerwegen, Hier so wie dort, in Bächen übers Land. Nun aber lenkt' aufs wilde Schlachtgewimmel Der Weltenkönig seinen Blick vom Himmel.
Wo er dem großen All, gerecht und schonend, Gesetze giebt, und Alles schafft und schmückt, Hoch ob der Welt beschränkten Gränzen wohnend, Den Sinnen und Gedanken weit entrückt:
Dort saß er, auf dem ew'gen Stuhle thronend, Im dreifach- einen Glanz, durch sich beglückt; Zu seinem Fuß, gehorsam jeder Regung, Verhängniß und Natur, Zeit und Bewegung;
Und Raum und Jene, die, nach Wohlgefallen Der höchsten Macht, Ruhm, Gold und Reich verschenkt, Und läßt, wie Staub und Asche, sie zerfallen; Die Göttin, nie von Menschenzorn gekränkt.
Dort, vor den Strahlen, die ihn rings umwallen, Bleibt auch des Seraphs Angesicht gesenkt. Der Geister Chör' umringen ihn unzählig, Ungleicher Weis' im Wonnempfang gleich selig.
Vom großen Chor der heil'gen Jubellieder Erscholl die Himmelsburg mit frohem Klang. Zum Michael, deß unbezwungne Glieder Der Demantrüstung Flammenglanz umschlang,
Sprach nun der Herr: Siehst du, wie ihr Gefieder Die Höllenrotte schwingt, zum Untergang Der gläub'gen Schaar? wie aus des Todes Schlünden Sie sich erhebt, das Weltall zu entzünden?
Geh, sag' ihr du, sie soll den Kriegerschaaren Kriegführung zugestehn nach Recht und Brauch, Und nicht des Lebens Reich, nicht mehr den klaren Sternhimmel trüben durch den gift'gen Hauch;
Sie soll hinab zur würd'gen Wohnung fahren, Zur schuld'gen Pein im dunkeln Höllenrauch. Dort mag sie sich und die Verdammten quälen: So ist mein Schluß, so lass' ich ihr befehlen.
Der Höchste schweigt; und, ihm zu Fuß sich legend, Verehrt der Fürst des Engelheers sein Wort. Zum Fluge dann die goldnen Schwingen regend, Geschwinder als Gedanken, eilt er fort,
Durchfleugt die heitre Licht- und Feuergegend, Der sel'gen Schaar glorreichen Wohnungsort, Und schauet den Krystall zusammt dem Kreise, Der, goldgestirnt, sich schwingt im Gegengleise;
Sieht links Saturn und Jupiter sich drehen, Ungleich, so wie an Wirkung, an Gestalt; Sammt jenen andern, die nicht irre gehen, Gelenkt, bewegt durch englische Gewalt.
Dann kommt er aus den hellen Empyreen Dahin, wo Donner rollt und Regen wallt, Wo stets die Welt sich auflöst und ernähret, In ew'gem Krieg vergeht und sich gebäret.
Er kommt und scheucht das tiefe Grau'n, die dichte Umschattung fort durch seines Fittigs Macht, Und mit dem Glanz, der ihm vom Angesichte Hellfunkelnd strömt, vergoldet sich die Nacht.
So, nach dem Regen, malt beim Sonnenlichte Sich auf Gewölk der Farben bunte Pracht; So sieht man einen Stern durch Aether wallen Und in den Schooß der großen Mutter fallen.
Doch angelangt, wo mit verruchtem Schalten Die Höllenrott' entflammt der Heiden Wut, Fest in der Luft durch Flügelkraft gehalten, Schwingt er den Speer und spricht zur argen Brut:
Noch kennt ihr nicht des Weltbeherrschers Walten Und seine Donner, seiner Blitze Glut? O Ihr, des Elends und der Schmach vergessen, Im Abgrund eurer Martern noch vermessen!
Dem Kreuze soll sich Zions Mauer neigen, Ihr Thor sich öffnen, wie der Herr befahl. Warum dem Schicksal euch rebellisch zeigen? Warum herabziehn seiner Rache Strahl?
Eilt, Frevler, in eu'r Reich hinabzusteigen, Ins Reich des ew'gen Todes und der Qual! Dort, in verdienter Haft, in eurem dumpfen Gefängniß, kriegt und prahlet mit Triumphen.
Dort wütet aus; dort, an verzweiflungsvollen Verdammten, übt Gewalt, stillt eure Sucht, Bei Angstgeheul, Zähnklappen, Kettenrollen Und Eisenrasseln, in der düstern Schlucht.
Er spricht's, und zwingt, die länger säumen wollen, Verwundend, mit dem mächt'gen Speer zur Flucht. Tiefseufzend muß die Rotte sich entfernen Vom heitern Licht und von den goldnen Sternen,
Und stürzt sich in des Abgrunds finstre Klausen, Und schärft den Schuld'gen die gewohnte Pein. Nie, übers Meer, in solchem Schwarme sausen Die Vögel hin, zum wärmern Sonnenschein;
Nie sieht der Herbst, beim ersten Sturmesbrausen, Der Blätter fallen solche Meng' im Hain. Die Welt, des Zwanges frei, legt endlich nieder Ihr düstres Ansehn, und erfreut sich wieder.
Doch in Argants wild tobendem Gemüthe Bleibt dennoch Wut und Kühnheit stark genug, Obwohl nicht mehr Alekto's Fackel glühte, Die Höllengeißel nicht die Seit' ihm schlug.
Sein furchtbar Schwert, das helle Funken sprühte, Kreist er umher im dichtsten Frankenzug, Mäht groß und klein, und gleich macht seine Rechte Das stolze Haupt der Fürsten dem der Knechte.
Clorind', ihm nah, verstreut mit gleicher Hitze Zerfetzte Glieder in nicht mindrer Zahl. Zur Brust hinein, bis zu des Lebens Sitze, Jagt sie dem tapfern Berlinger den Stahl
So kräftig, so gewaltsam, daß die Spitze Zum Rücken fährt hinaus mit blut'gem Strahl. Dann, wo die erste Nahrung wir empfangen, Trifft sie Albin, und spaltet Gallus Wangen.
Nun wirft sie Gerniers Rechte, die so eben Nach ihr gehaun, glatt abgetrennt aufs Land. Noch zückt den Stahl, und noch, mit halbem Leben, Am Boden, fingernd, gleitet fort die Hand:
So wie, umsonst, zwei Schlangenhälften streben Nach Einigung im vorigen Bestand. Clorinde läßt ihn stehn, so übler Dinge; Dann rennt sie auf Achill und senkt die Klinge,
Und eilt, das Schwert im Nacken einzusetzen, So daß es Nerven gleich und Schlund zerspellt. Schon rollt der Kopf, den blut'ge Ströme netzen, Mit Staub besudelt, weit hin übers Feld,
Indeß der Rumpf – o Anblick voll Entsetzen! – Ein kläglich Scheusal, sich im Sattel hält, Bis ihn das Roß, das, zügelfrei, sich rüttelt Und um sich schlägt, zuletzt vom Leibe schüttelt.
So fährt sie fort, die Reihen zu durchschneiden, Die Franken geißelnd mit unmäß'ger Wut; Indeß Gildipp', an ihrem Theil, die Heiden Nicht minder schlägt und peinigt bis aufs Blut.
Gleich war Geschlecht, und ähnlich war in Beiden Die Tapferkeit, der unbezwungne Muth; Doch trafen sie sich nie im Schlachtgewimmel, Denn größerm Feinde spart sie auf der Himmel.
Wie sehr sie, drängend, stoßend, auch sich regen, Glückt's Keiner doch, daß sie die Schaar durchbricht. Jetzt aber sprengt Clorinden Guelf entgegen Mit hochgeschwungnem Stahl und naht ihr dicht,
Thut einen Hieb und röthet kaum den Degen In ihrem schönen Leib; sie zaudert nicht, Und läßt durch einen Stoß ihm Antwort bringen, Kräftig genug, die Rippen durch zu dringen.
Nochmals haut Guelf und kann sie nicht erlangen; Denn eben jagt der Heid' Osmid durchs Feld, Um die nicht seine Wunde zu empfangen, Die, durch den Zufall, ihm die Stirn zerspellt.
Guelf aber sieht nun enger sich umfangen Von jener Schaar, die sich ihm beigesellt, Und jenseits auch erhält das Volk Vermehrung, So daß der Kampf sich mischt in wildrer Gährung.
Schon zeigt' Aurora nun vom Himmels-Erker Die Purpurwang' in morgendlicher Huld, Und schon hatt' Argillan aus seinem Kerker Sich selbst befreit im wilden Schlachttumult,
Und rasch in Wehr, wie, schwächer oder stärker, Der Zufall ihm sie bot, voll Ungeduld Stürmt' er heran, der Ehre neue Flecken Durch neu Verdienst und neuen Ruhm zu decken.
Gleichwie ein Roß den königlichen Ställen, Wo man es aufzog zu des Krieges Mühn, Entspringt, und fliegt, nun endlich frei, zum hellen Gewohnten Fluß, zur Heerd', ins frische Grün;
Um Hals und Bug spielt ihm die Mähn' in Wellen, Es schüttelt seinen Nacken, stolz und kühn; Mit lautem Wiehern füllt's die Au'n, glutdampfend, Huftön'gen Laufes die Gefilde stampfend:
So flieget Argillan; Zornblitze dringen Aus seinem Blick, die hohe Stirne dräut; So rasch ist er im Lauf, so leicht im Springen, Daß er dem Sande kaum die Spuren beut.
Dem Feinde nah, läßt er die Stimm' erklingen, Wie wer nun Alles wagt und nichts mehr scheut: Abschaum der Welt! elende Räuberhorden! Woher ist jetzt euch solcher Muth geworden?
Ihr seid zu schwach, um Helm und Schild zu tragen, Zu waffnen Brust und Leib auf Schutz und Trutz, Und überlaßt, nacktleibig und voll Zagen, Den Hieb der Luft, den Fersen euern Schutz.
Eu'r herrliches Bemühn, eu'r keckes Wagen Ist Werk der Nacht, nur Dunkelheit euch nutz. Doch nun sie flieht, wer wird euch Hülfe schaffen? Jetzt gilt es festern Muth, jetzt gilt es Waffen.
So redend, haut er bis zum tiefsten Grunde Der Kehl' Algazeln in den Hals hinein, Und haut das Wort ihm durch zusammt dem Schlunde, Eh' er's vermag zur Antwort auszuschrei'n.
Dem Armen raubt ein plötzlich Grau'n zur Stunde Des Tages Licht, Frost rinnt ihm durchs Gebein; Er stürzt dahin und packt im Todeswahne Den tiefverhaßten Grund mit wüt'gem Zahne.
Nun fällt er, mancher Weis', hier Saladinen, Da Muleassen, Agricalten dort, Und Aldiaziln haut er, neben ihnen, Mit Einem Hiebe durch und durch sofort.
Die Brust hierauf durchbohrt er Ariadinen Von oben her, und höhnt mit rauhem Wort; Der hebt den matten Blick und giebt den herben Hochmüth'gen Worten dies zurück im Sterben:
Wer du auch bist, der mich ins Reich der Nächte Hinunter stößt, nicht lange frommt es dir. Dein harrt ein gleiches Loos; bald legt die Rechte Des stärkern Helden dich zur Seite mir.
Doch Jener lacht: Laß sorgen Himmelsmächte Für mein Geschick; du stirb indessen hier, Der Hunde Mahl! Dann, mit dem Fuße gegen Den Leib gestemmt, aus reißt er Seel' und Degen.
Ein Edelknapp des Sultans war dem Wüten Der Heidenschaar gefolgt zum rauhen Streit, Deß holdes Kinn mit ihren ersten Blüthen Noch nicht geschmückt die frühe Jugendzeit.
In Perlen auf der schönen Wange glühten Die reinen Tropfen warmer Feuchtigkeit; Dem wilden Haar wird selbst der Staub zur Zierde, Zum Reize dem Gesicht die Kampfbegierde.
Ihn trägt ein Roß, das an vollkommnem Glanze Dem neuen Schnee der Apenninen gleicht; Im leichten Sprung, im raschen Wirbeltanze Von keinem Sturm, von keiner Flamm' erreicht.
Er schwingt, sie mittlings fassend, eine Lanze, Führt an der Seit' ein Schwert, gekrümmt und leicht, Und glänzt mit fremder Pracht in einem Kleide, Aus Gold gewirkt und purpurfarbner Seide.
Indeß der Knabe, dem des Ruhms Vergnügen Zum erstenmal die junge Brust durchdringt, Die Schaaren alle neckt auf flücht'gen Zügen, Und Keiner ihn zum festen Kampfe bringt:
Sucht Argillan, bei diesen leichten Flügen, Den Augenblick, da er die Lanze schwingt, Wirft tückisch ihm das Roß und fällt mit Toben Den Knaben an, da er sich kaum erhoben.
Und nach dem flehnden Angesicht des Armen – Des Mitleids Wehr vertheidigt ihn zu schwach – Streckt der Barbar die Hand, und, ohn' Erbarmen, Die Zierde der Natur verletzt er jach.
Das Eisen schien zu fühlen, zu erwarmen, Menschlicher als der Mensch, und fiel nur flach. Allein was half's? zum zweitenmale schwirrte Der Stahl und traf nun, wo er Anfangs irrte.
Der Sultan, der, nicht fern von diesen Beiden, Noch immer kämpft mit Gottfried, hart und schwer, Sieht kaum den Liebling solche Noth erleiden, So eilt er aus dem Kampf, sprengt rasch daher
Und läßt sein Schwert Bahn durch die Menge schneiden, Und kommt zur Rache, nicht zur Rettung mehr; Denn sein Lesbin – o Schmerz! die holde Blume Fiel schon, zerknickt, dem Tod zum Eigenthume.
So sanft erlischt sein Aug', er senkt den weichen Schneeweißen Hals so lieblich hinterwärts, So reizend ist sein Blaß, und aus den Zeichen Des Todes selbst haucht ein so holder Schmerz,
Daß Thränen mitten durch den Zorn sich schleichen, Zerschmelzend schier ein sonst so hartes Herz. Du weinest, Solyman? du, der Verstockte, Dem selbst der Thronsturz keine Thrän' entlockte?
Doch als er kaum gewahrt des Feindes Degen, Noch naß und rauchend von des Knaben Blut, Flieht Mitleid fort, und Zorn, mit mächt'gem Regen, Hemmt glühend in der Brust die Thränenflut.
Den Stahl gezückt, rennt er dem Feind entgegen Und haut durch Schild und Helm in voller Wut, Und dann durch Kopf und Schlund mit Einem Hiebe, Werth Solymans und der erzürnten Liebe.
Doch nicht genug; ab steigt er, und das Sehnen Nach Rache wird am Leichnam erst gekühlt: So wie ein Hund den Stein packt mit den Zähnen, Der hart ihn traf, und ihn im Staube wühlt.
O eitler Trost so jammervoller Thränen, Zu rasen gegen Erde, die nicht fühlt! Jedoch der Franken-Feldherr, kräft'gen Strebens, Verwandte Zorn und Hiebe nicht vergebens.
Um ihn stehn tausend Türken dort zusammen, Durchaus bewehrt mit Panzer, Helm und Schild, Gewohnt der Mühsal, heiß von Muthesflammen, Im Krieg' erfahren und in Schlachten wild.
Sie, die des Sultans altem Heer' entstammen, Sind in Arabiens wüstes Sandgefild Ihm nachgefolgt auf seinem irren Jagen, Erprobte Freund' auch in des Unglücks Tagen.
Kunstrecht geordnet, wichen sie im Streite Den Franken selbst nur wenig oder nicht. Auf Diese stößt Bouillon, haut in die Seite Den Rustan, haut den Korkut ins Gesicht,
Schnellt Selims Kopf mit Einem Hieb ins Weite, Worauf er dem Rossan die Arme bricht. Nicht Diese nur, mit tausend andern Streichen Verletzt er Viel' und wandelt Viel' in Leichen.
Indem er so, von Feinden dicht umzogen, Sie kräftig stößt und aushält ihren Stoß, Und immer noch das Schlachtenglück gewogen Den Heiden bleibt, und ihre Hoffnung groß:
Da sieh! kommt eine Staubwolk' angeflogen, Die Kriegeswetter hegt im schwangern Schooß; Sieh! Waffenblitz fährt plötzlich aus dem Dunkel Und schreckt die Heiden durch sein Glutgefunkel.
Vor funfzig Kriegern strahlt, im Winde brausend, Auf Silbergrund des Purpurkreuzes Pracht. Und hätt' ich auch der Münd' und Zungen tausend, Und ehrner Stimm' und ehrnen Athems Macht:
Nicht nennen könnt' ich alle hier, die grausend Hinstürzten gleich im ersten Sturm der Schlacht. Feig sinkt der Araber; der Türke, bieder Und unverzagt, sinkt kämpfend auch danieder.
Mordgierde, Grausamkeit, Entsetzen, Trauer Ziehn rings umher; in wechselnder Gestalt Durchstreift der Sieger Tod mit wildem Schauer Das Schlachtgefild, von blut'gem See umwallt. –
Schon war der König außerhalb der Mauer Mit einem Theil des Volks, als dächt' er bald Des Sieges sich zu freun, und sah von oben Das Blachfeld und des Kampfs ungleiches Toben.
Kaum siehet er die größre Schaar gewendet, Als er sogleich zur Umkehr blasen läßt Und zu Arganten, zu Clorinden sendet, Und dringend, wiederholt, den Rückzug preßt.
Das wilde Paar, von Zorn und Haß verblendet, Von Blut berauscht und toll, verweigert fest. Doch endlich weicht's und sucht die flücht'gen Haufen Zu sammeln nur, zu hemmen noch im Laufen.
Doch wer kann Pöbel meistern? Zügel legen Der Furcht und Feigheit? Flucht ist allgemein. Den Schild wirft dieser weg, und der den Degen; Last scheint das Eisen, nicht mehr Schutz zu sein.
Vom Lager führt ein Thal der Stadt entgegen, Von West gen Süd, durch rauhes Felsgestein; Dem fliehn sie zu, und dunkeln Staubes Wolke Wälzt sich zur Mauer mit dem flücht'gen Volke.
Indeß sie jäh' hinunter fliehen, fahren Die Christen fort, derb auf sie einzuhau'n; Doch als sie aufwärts klimmen und die Schaaren Des Königs schon bereit zur Hülfe schau'n,
Will Guelf nicht mehr des Felsensteigs Gefahren Mit offenbarem Nachtheil sich vertrau'n. Er hemmt sein Volk; der Fürst bringt in die Veste Des unglücksel'gen Kampfs nicht kleine Reste.
Was Menschenkraft im Stand' ist zu erweisen, Erwies der Sultan; mehr vermag er nicht. In Strömen dringt ihm Schweiß und Blut durchs Eisen, Beklemmt ist seine Brust, der Athem bricht;
Die Rechte schwingt den Stahl in trägen Kreisen, Der Arm ermattet von des Schilds Gewicht. Nur schmetternd, nicht mehr schneidend, stumpf vom Morden, Ist nun sein Schwert zum Schwert unbrauchbar worden.
Dies merkend, bleibt er stehn, wie wer in Sichtung Von Zweifeln schwankt, und sinnt, was vorzuziehn: Ob er soll sterben, und, durch Selbstverrichtung, Dem Feinde so erlauchte That entziehn;
Ob, überdauernd seines Heers Vernichtung, In Sicherheit sich bringen soll durch Fliehn. Wohl! spricht er dann, ich will dem Schicksal weichen, Und meine Flucht sei ihm ein Siegeszeichen.
Der Feind mag meinen Nacken schau'n, und lache Der schmählichen Verbannung noch einmal, Darf ich nur bald den Frieden ihm, das schwache Hinfäll'ge Reich bedrohn mit neuem Stahl.
Ich weiche nicht, nein! ewig sei die Rache, Wie ewig ist der Schmacherinnrung Qual. Zurück, stets wilder, kehr' ich ohn' Ermatten, Auch als begrabner Staub und nackter Schatten!
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