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1709–1763

Die Alpen.

Christoph Eusebius Suppius

Söhne der Erden! wunderbar gebauet, Die ihr den Wolken ins Gebiete schauet, Alpen! da bin ich, nach so langen Reisen Vaterland, Freunde, Chloris, sie, mein Leben,

Thränen und Seufzer, welche mich umgeben, Nichts, daß in Hoheit ich euch nur erblicke, Heißt mich willkommen mit entblößtem Scheitel, Wenn ihr mich sehet mit geleertem Beutel,

Hat mich der Mammon hinter Basels Thoren O! dennoch sollt ihr meinen Geist entzücken, Und der Verlust nicht das Gemüthe drücken, Es ist ein Opfer, welches ich euch bringe

Zeitliche Güter sind von keiner Dauer, Und einem Herzen werden sie nicht sauer Durch ihr Verschwinden, das nach Weisheit strebet, Pfeiler des Himmels! die trotz Wettern stehen,

Prächtig erscheint ihr an Lausannens Höhen, Der Lenz zieht vor mir her, auf grünem Wagen, Mich hat bey Basel schon der Rhein gegrüsset, Aar! o wie brünstig hast du mich geküsset!

Bey Solothurn schon kam sie mir entgegen, Jhr schön Gebiete hab ich wohl betrachtet, Auch grosses Bern, wie du von ihr geachtet, Sie hat dich dreymahl in den Arm genommen,

Was güldne Fluhren hab ich nicht durchstrichen! Wie ist der Winter um mich her gewichen, Mit welchen Bildern kam mir Licht und Schatten Rauschende Bäche von hochsteilen Hügeln

Stürzen in Thäler, werden da zu Spiegeln, In denen Berge mit den nahen Auen Heerden mit Hörnern gehn zu Millionen, Jhr satter Hunger denkt an kein Verschonen,

Sie zehren Blumen, Kräuter, welche schmecken, Ein Volk kömmt früh mit blinkenden Gefässen, Wie so geschäftig sie den Arm entblössen, Der fast so weiß als Milch, die sie in Strömen

Ein Morgenlied verkürzet dieß Geschäfte, Die fette Kuh ersetzet ihre Kräfte, Sie frißt zuweilen, blöckt mit zu den Singen, Von dem Getön, ein zehnfach Wiederschallen

Der Andacht muß dem grossen Wirth gefallen, Der seine Creatur so reichlich speiset, Du Unschuld hast mir manch Geschlecht gezeiget, Bey dem die Schönheit der Natur nicht schweiget,

Welche Gesichter führst du auf mein Bitten Glückselige! da seh ich euch zufrieden Bey dem, was euch zu eurem Theil beschieden. In sich alleine finden alle Güther

O! wie so reizend, mit geflochtnen Haaren Bräunliche Nymphen in den Jugendjahren, Mit schwarzen Augen unter kleinen Hüten Freundliche Kinder! nicht aus Einfalt blöde,

Das Laster nur stellt sich von aussen spröde, Die Keuschheit habt ihr in Gesicht und Herzen Wisst, euer Aeugeln, euer sittsam Lachen, Der süsse Reiz kann auch empfindlich machen,

Daß man euch liebt und eure reine Jugend, Bald hätt ich mich und meinen Ort vergessen, Gebürg im Nordost, o wer kann dich messen? Die blaue Stirne reichet in der Ferne

Jhr deckt mir Zürich und sein nett Gefilde, Allwo die deutschen Musen nicht mehr wilde, In wohlerzognen Minen und Gebährden Jhr Eltern von dem Rhein und von der Rhone,

Beherrschet eine rauhe kalte Zone, Doch seyd ihr auch wie grosse Fürsten milde, Was ihr in Tropfen erst empfangen habet, Das hat in Bächen manches Thal gelabet.

Die Vorsehung läßt darum viel erheben, Nun steig ich weiter nach der Mittagshöhe, Seyd mir gegrüsset, Alpen, die ich sehe, Wie steigt mit mir manch prächtig Erdgebäude,

Ey was für ein ausnehmendes Entzücken! Wie sie sich dort so mannigfaltig bücken, Jhr höckericht Gebiet vom Ost nach Süden Sie haben Welschlands Gränzen eingenommen,

Krieg! rufen sie, bis hieher sollst du kommen, Wir stehn zur Scheidewand vor allen Stürmen Der Winter ist noch in so mancher Clause, Da er bald ausgeherrschet, hier zu Hause,

Auf starken Schultern, wo er sich hoch brüstet, Er sieht herab mit stolzen Augenbraunen, Wie in den Thälern Satyren und Faunen Dem May zu Ehren in belaubten Büschen

Wie Zuckerhüte mannigfalt gespitzet, Durchsichtig weiß, woher die Sonne blitzet, Mit hin und her vom Strauchwerk blauen Flecken Stehn sie, ganz ungeheur, in langen Gliedern,

In Einigkeit, gleich wohlgesinnten Brüdern, Zu einem Wunder des, der, was man schauet, Dort kommen Gemsen hüpfend her in Rotten, Ey! wie verwegen sie der Hoheit spotten,

Hochtrabend klettern sie mit vielem Hohne Doch wenn sie sich zuletzt so sehr verstiegen, So schaudert ihnen selbsten vor Vergnügen, Sie kehren um. Wer hochsteigt, fällt oft wieder

Ohn Ehrfurcht faßt man auch nicht zu Gesichte, Jhr Greise, älter, als die Zeitgeschichte, Jhr seyd gleich, mit dem Erdball in der Wiegen Welch schönes mehr entdeck ich steigend weiter,

Meer oder See? ey! wie so klar und heiter Es unter euch sein lang Gestade ziehet, Lebendig Feuer bricht aus seinen Wellen Jm Sonnenschein an tausend regen Stellen,

Die Rhone schleicht um sich in dunkeln Zügen Wo wollt ihr hin? für eure nassen Gänge Erscheinet ja kein Ufer in der Länge, Jm fernen Süden ist im dünstig Blauen

Ich habe nun dieß Nebo gleich bestiegen; O Wohllust! welche Landschaft seh ich liegen! Wo gleich der Lenz die Fluhren überziehet, Dieß Kanaan muß ich noch näher kennen,

O Muse! sage, wie soll man es nennen, Dort fliessen Ströme, hier sind Auen, Wiesen, Der West malt sie entfernt den Augen schmähler, Die Muse ruft: es ist das Land der Thäler,

Wo dem Gesicht der Ueberfluß begegnet, Ich spühre schon in den verdünnten Lüften Den lieblichen Geruch von Ambradüften, So ein geneigter Zephir zu mir leitet,

Staatskluge Weisheit sahe ehedessen Dieses ihr Gosen nicht gnug angesessen, Und sie erschuf manch ämsiges Geschlechte Und hieß sie hier, mit Ueberfluß umgeben,

In Friede, mässig, nach der Tugend streben, Ja unter ihrem Zepter zum Ergetzen Bald sah man Hütten, Dörfer, grosse Flecken, Städte, so wie ich sie itzt kann entdecken,

Wo noch die Menschen sich zusehens mehren Preiset den Himmel, seelge Nationen, Welcher euch also abgezäunt läßt wohnen, Jhr drücket Nahrung aus manch vollem Euter,

Jhr übet Tugend, die zwar Länder kennen, Doch Lastern folgend sie oft Einfalt nennen, Unsträflich leben heissen eure Sitten, Hier sehen Eltern ihre Lust an Erben,

Bärtige Greise sieht man lächelnd sterben, Die Vaterland und GOtt im Herzen tragen, Der Säugling trinkt an seiner Mutter Brüsten Den frühen Tod nicht mit verbotnen Lüsten,

Jhm ist der Milchkrug ein Gefäß zum Leben, Wie wohl, o Muse! bin ich unterrichtet; Freundin! du hast dadurch mich dir verpflichtet, Laß doch noch ferner hier vor meine Sinnen

O laß mein dürftig Glücke mich vergessen, Und meinen Stand nach Schweizer Nothdurft messen, Wenn mich mein Sachsen, das die Neigung ziehet, Wo ist ein Leben diesem zu vergleichen,

Das mein Gesang niemahlen wird erreichen, Nur deiner Muse, Haller! kann gelingen, Das will ich thun, und täglich dran gedenken, Verlust, Noth, Mangel, wollt ihr mich noch kränken?

Wißt! in die Alpen ist ein Volk beschieden, Ich will zufrieden in die Tiefe steigen, Und mich bisweilen noch, ihr Alpen, neigen, Bis wir bey Genf, nach zugeworfnen Küssen,

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