Mein Heyland geht! wo ist er hin? Fort, Seele! nach! und such ihn wieder! Dieß bringt dir ewigen Gewinn, Er wirft sich schon zum Beten nieder;
Sein Himmel ist Getsemane, Und seines Paradieses Höh Wird zu des Oelbergs bangen Tiefen; Die Gottheit schreyt! Sie seufzet ach!
Die Unschuld trägt dein Ungemach, Daß ihr vor Angst die Adern triefen. Der Garten brachte Sünd und Fall, Dahin ist mein Erlöser gangen,
Da hör ich seiner Seufzer Schall, Da wird sein Leiden angefangen; Jm Garten wird bey später Nacht Die Liebe kalt und todt gebracht,
Nach jämmerlichem Blutvergiessen, Jedoch da wird nach kurzer Zeit Auch meiner Seelen Seeligkeit Mit ihr aufs neue leben müssen.
Holdseeligster! wie geht es zu, Daß Du von deinem Himmel steigest, Und Dich zu meiner Seelen Ruh In jämmerlicher Schönheit zeigest?
Du räumest deinen Himmel ein, Kann wohl die Liebe stärker seyn? Ich habe Schuld, doch willst Du sterben, Und hast in deinem Testament
Mich überdieses noch ernennt Zu aller deiner Güter Erben? Freund! das begreif ich warlich nicht, Wie kann ich auf solch Erbtheil hoffen?
Doch ja, HERR! dein Erbarmen spricht: Aus Gnaden steht der Himmel offen; O! richte jetzo meinen Sinn Zum Kampfplatz deiner Leiden hin,
Daß ich die Martern recht erwege, Damit ich, was um meine Schuld Du alles leidest mit Geduld, Erbärmlich schöne bilden möge!
Verrätherey, ein falsch Gerücht, Verleugnung, Speichel, Spott und Schande, Manch Zeugniß, das sich widerspricht, Ein unrecht Urtheil, schwere Bande
Hat der Gerechte auszustehn; Kommt, Sünder! wollt ihr solches sehn? Gut! folget! Petrus wird euch führen, Doch, wenn euch was erbärmlich scheint,
So laßt, wenn dieser Jünger weint, Auch euch, wie ihn, das Herze rühren. Wie ist mir? was stöhrt meinen Sinn? Hör ich nicht ein Geräusch der Waffen?
Jhr Schaaren, halt! wo wollt ihr hin? Was ists? was habet ihr zu schaffen? Wen suchet eure List so spät? Sprecht; wie? JEsum von Nazareth?
Er sagt: Ich bins! Jhr weicht? ihr fallet? Ist eure Macht so schlecht bestellt, Daß sie mit euch zu Boden fällt, Wenn nur sein Wort: Ich bins! erschallet?
Entäussre Dich der Niedrigkeit, Du Menschen-Sohn! willst Du Dich rächen, So darfst Du in dem größsten Streit Ein Wort, ein einzig Machtwort sprechen:
HeRR! fahre mit dem Donner drein! Vertilge sie! verdirb ‒ ‒ Doch nein, Es muß die Schrift erfüllet werden; Die höchste Weisheit hat versehn,
Daß dieses also soll geschehn, Und daß Du leiden mußt auf Erden. Den, der die Liebe selbsten ist, Muß hier der Falschheit Kuß verrathen,
Der Mund spricht freundlich: Sey gegrüßt; Das Herz zeigt mörderische Thaten, Die Schande, die sie roth gemacht, Bedeckt die Dunkelheit der Nacht,
Sie hat auch Theil an keinem Lichte. Verräther! sey der That nicht froh, Du lieferst deinen Meister so, Doch dich zugleich vor das Gerichte.
Weg, Schwerd, mit deiner Mordbegier! O! fahre doch in deine Scheide! Schreyt man: Philister über dir, Die Sanftmuth winkt; getrost, man leide!
Auf dessen Wollen gleich geschicht, Wenn Er ein Wort: Es werde! spricht, Der wird gefangen weggeführet; Nur nach, du Jhm getreue Schaar,
Blut ist es, Leiden, Noth, Gefahr, Womit Er jetzt die Seinen zieret. Was? wollt ihr fliehn? ihr Jünger, halt! Wo wollt ihr hin? zurück! zurücke!
Verlasst den Meister nicht so bald, Entzieht euch nicht der Gnaden-Blicke; Sie fliehn! Der Hirte fühlt den Schlag, Dieß ist sein grosser Leidens-Tag,
Daran zerstreuet sich die Heerde; O! bricht noch nicht der Morgen an, Daß Er sie wieder sammlen kann, Damit das Wort erfüllet werde!
Hört! was der Mund der Wahrheit spricht: Er saget frey, was Er gelehret; Die Wuth ist taub, sie merkt das nicht, Die Heucheley wird stumm und höret;
Sie weiß, so ists, wie Er gesagt, Doch wird die Unschuld angeklagt, Die Bosheit höret falsche Zeugen, Nur die Geduld ist still, sie schweigt,
Und lehrt, da sie sich so bezeigt; Jhr Menschen, sollt das Recht nicht beugen! Nun bricht der Tag des Todes an, Der aller Welt das Leben giebet;
Erlöser! ich bin schuld daran, Du hast mich allzusehr geliebet; Ich folge Dir beständig nach, Und sehe deine grosse Schmach,
Ich will sie wohl zu Herzen fassen; Und zeigt ein blutig Abendroth Mir deinen bittern Kreuzes-Tod, Ermuntert mich doch dein Erblassen.
Die Rotte hat gar keine Ruh, Sie kann für Blutbegier nicht schlafen, Nun zieht sie auf das Richthaus zu, Und macht dem Richter viel zu schaffen;
O! seht doch, in der Mitten dort, Wen schleppt man da gebunden fort? Wer wird erbärmlich hergerissen? Es ist mein Freund, den ich verlohr,
Fort, Seele! mache dich hervor, Hier sollst du den Geliebten küssen. Der Urtheilsspruch will erst: Sey frey! Denn ruft die Bosheit: Laß ihn tödten;
O Richter! soll auf ein Geschrey Dich gleich das Blut der Unschuld röthen? Ist seine Schuld die Wahrheit bloß, Gut! gieb mir den Gerechten los,
So wirst du als gerecht gepriesen; Kein Wasser wäscht die Blutschuld ab, Zerbrich doch nicht den Urtheilsstab; Ruft gleich der Haufe: Weg mit diesen!
Doch das Geschrey nimmt überhand, Das Richter-Schwerd fängt an zu beben, Empfängt die Rache Gluth und Brand, So gehts an des Gerechten Leben;
Die Furcht giebt nach, sie unterschreibt, Wo sie noch kein Verbrechen gläubt, Und handelt wider ihr Gewissen; O! wenn der Richter aller Welt
Dereinsten erst Gerichts-Tag hält, Wie wirst du da verstummen müssen! Her, Sünder! kommt! versammlet euch! Jtzt, itzt ist die Erlösung nahe,
Es gilt ein ewig Himmelreich, Als man uns einst verliehren sahe, Herbey! getrost! auf! folget mir! Nun geht es an! itzt sollet ihr
Das alles sehn, was wir verschuldet; Für alles, was wir ausgeübt, Hat der Erlöser, der uns liebt, Der Seelenfreund, die Straf erduldet.
Da steht Er, seht! man geiselt ihn, Seht, wie der Schmerz die Glieder bieget! Doch merkt, was hier vor Früchte blühn, Indem man auf dem Rücken pflüget;
Aus diesem guten Acker bricht Der Same des Vergiß mein nicht, Er wird bald rothe Blüthen geben, Die edlen Tropfen, womit jetzt
Die Liebe diesen Garten netzt, Ertheilen ihm Geruch zum Leben. Folgt abermahls ins Richterhaus, Um neue Martern zu erdenken;
Nun zieht man Jhm die Kleider aus, Wie muß das nicht die Unschuld kränken, Man zieret, zu mehr Schmach und Hohn, Sein Haupt mit einer Dornenkron,
Die Jhm dasselbe ganz zerritzen, O Seele! siehst du deinen Freund, Der hier die Sarons-Blume scheint, Wie Rosen unter Dornenspitzen?
Seht Josephs blutiges Gewand! Weint! Jacob lässet Thränen fliessen, Er hat des Sohnes Rock gekannt, Ein wildes Thier hat ihn zerrissen;
Hier stehet der Versöhnungs-Bock, In dessen Blut mein Sünden-Rock Die bunten Flecke soll verliehren; Mein Heyland hat ihn angelegt,
Weil Er den Purpur-Mantel trägt, Um ihn mit neuem Glanz zu zieren. Man schläget Jhn mit einem Rohr, Ach Holz von dem verbotnen Baume,
Das uns das Ebenbild verlohr; Sein Antlitz trieft von Geifer-Schaume, Das ist der alten Schlange Gift, Indem es ihren Schedel trifft,
Sie fühlt des Menschen Sohnes Treten, Und dennoch hat die höchste Macht Sie auch zugleich dahin gebracht, Desselben Fersen anzubeten.
Ach! sehet! welch ein Mensch ist das! Und was erhebt sich vor Getümmel? Man ruft, man schickt ohn Unterlaß Ein ganz verwirrt Geschrey zum Himmel;
Was muß die Ursach dessen seyn? Wie? hör ich nicht den Haufen schreyn: Auf! laßt ihn tödten! er muß sterben! Was aber hat er denn gethan?
Fort! fort! mit ihm ans Kreuz hinan! Sein Blut treff uns und unsre Erben. So wird der frömmste Mensch erwählt, Am grünen Holze zu erblassen,
Doch Barrabas wird losgezählt, Den Mörder will man leben lassen, Ich bringe den Gerechten um; Jedoch sein Evangelium
Sein Trostwort spricht: Mensch, du sollst leben! Gut, HErr! bin ich nur ausersehn, Mit Dir auf Golgatha zu gehn, So will ich gern dein Kreuz mit heben.
Nun geht Er aus der Lagerstatt, Um unsre Schuld und Schmach zu tragen, Wer wahre Reu im Herzen hat, Wird den Versöhner auch beklagen;
Die Thränen, unser wahrer Schmerz, Belagern hier das Bruder-Herz, Und was läßt dieses noch erschallen? Weint über euch! es kömmt die Zeit,
Da Kummer, Angst, Verzweiflung schreyt: Ach möchten Berge auf uns fallen! Ich folge nach auf Golgatha, Nur frisch bis zu der Schedelstätte!
Geht solches gleich dem Fleische nah, Es überwindet im Gebete; Solch Folgen braucht kein schlecht Bemühn, Man muß vorher nach Salem ziehn,
Mit Jhm zum Weihrauch-Hügel gehen, Denn läßt Er sich auch nach der Zeit Auf Thabor in der Herrlichkeit Und im verklärten Leibe sehen.
Der Berg ist schon zurück gelegt, Die Schwachheit will zu Boden sinken; Die Arbeit hat den Durst erregt, Doch muß sie Gallen-Essig trinken,
Ach saurer Trank! o bittrer Wein! Was wirst du für ein Labsal seyn? O Taumelkelch! wie schmeckst du herbe! Ach! Todes-Tod! versüsse Du
Mir einst den Tod, wenn ich zur Ruh Mich niederleg, und auf Dich sterbe. Jetzt streckt der Heyland auf den Pfal Die wundgeschlagnen schwachen Glieder,
Er legt sich zu der letzten Qval, Wie Jsaac, zur Opfrung nieder; Die Nägel heften Hand und Fuß Ans Holz, ach! wie das schmerzen muß!
So viele Glieder, so viel Leiden, Nur allgemach erregt; noch mehr, Der Schmerz fällt gar der Seele schwer, Denn Er soll unter Mördern scheiden.
Allein die Liebe triumphirt, Hier ist die Hoheit zu erkennen, Dieweil sie noch Erbarmen spührt, Bevor sich Leib und Seele trennen,
Der Menschenfreund vergilt den Spott, Eh Er erblaßt, indem Er GOtt Für sie noch um Vergebung bittet, Sein Abba, sein gebrochen Ach!
Sucht Gnade für das Ungemach, Womit Jhn Wuth und Zorn beschüttet. Und das bewegt des Schächers Herz, Sich zu dem Fels des Heyls zu lenken,
Er fängt bey seinem größsten Schmerz An etwas weiter nachzudenken; Es reuet ihn, was er gethan, Er sieht die liebe Unschuld an,
Und glaubt darauf ein Heyl der Erden; Schau, Mensch; was das Versöhnungs-Blut Vor eine grosse Wirkung thut! Er soll ein Himmels-Bürger werden.
Welch eine schwarze Dunkelheit Will nun den Kreis der Welt bedecken? Verseigt der Qvell der Heiterkeit? Ist die Natur ganz voll Erschrecken
Aegyptens Nacht! O Finsterniß! Jhr Feinde! seyd ihr nun gewiß, Wen ihr jetzt an das Holz gehangen? Noch nicht? wie? was? seyd ihr ganz blind?
Weil dieses Wunderwerke sind, Am Mittag ist das Licht vergangen! Sie stehn, und sehn, und wundern sich, Was dieses wohl bedeuten möge;
Doch macht der dunkle Himmelsstrich Noch kein verstocktes Herze rege; Allein Geduld! nur kurze Zeit! Mein Heyland, mein Erlöser schreyt;
GoTT! warum hast du mich verlassen? Die Kraft nimmt ab, die Schwachheit zu, Der Keltertreter eilt zur Ruh, Seht, wie die Lippen schon erblassen.
Ja! hört! Er ruft: Es ist vollbracht! Er hat die Seele GOtt befohlen, Ein Geister-Heer ist schon bedacht, Dieselbe bald hinweg zu holen,
Er neigt sein Haupt! er stirbt! gebt acht! Die Erde bebt! der Himmel kracht! Es bersten Berge, Felsen splittern! Jhr Kreuzes-Feinde, lacht ihr nun?
Wollt ihr erst jetzo ängstlich thun, Und über eure Sünden zittern? Kehrt um! geht! schlagt an eure Brust! Ich will den GOtt des Himmels preisen,
Hier seh, hier find ich meine Lust, Drum will ich mich betrübt erweisen, Mein Freund ist todt! mein Herr ist hin! Woran ich auch mit Ursach bin,
Seht, wie die welken Glieder hängen! Weint, Sünder! laßt die Thränen-Fluth Sich mit dem abgeflossnen Blut, Als einem heilgen Oel vermengen.
Jhr Freunde klagt! weint bitterlich! Jhr Anverwandte, ringt die Hände! Der Meister starb! das Haupt verblich, Der HErr nahm ein erbärmlich Ende!
So was beweinet ihr nicht mehr! Sind alle Thränen-Qvellen leer, So muß der Seufzer Menge sagen; Ach! der Prophet, von dem wir oft
Das Heyl in Jsrael gehofft, Der, der wird in das Grab getragen.
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