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1709–1763

Der 90 Psalm.

Christoph Eusebius Suppius

HeRR! zu dem wir jetzo beten! GoTT! dein Saame schreyt zu Dir! Denn Du bleibest doch in Nöthen Unsre Zuflucht für und für;

Bevor die Berge sich erhoben, Die Erde ward, die Welt bereit, Da warest Du Erhabner droben Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Du befiehlst! die Menschen sterben, Und sie gehen in den Staub, Denn sprichst Du: Kehrt wieder, Erben! Seyd nicht mehr des Todes Raub!

Denn tausend Jahre, die verstrichen, Sind vor Dir länger nicht verbracht, Als wie der Tag, der abgewichen, Und als die Wachzeit in der Nacht.

Wie in Ströhmen man Gewässer Siehet schnell vorüber ziehn, Eben also und nicht besser Lässest Du sie auch dahin;

Wie, wenn der Schlaf sich eingefunden, Da ohne sinnlichen Gebrauch Man nicht merkt, wie die Zeit verschwunden, So ist der Menschen Leben auch.

Wie das Gras am Morgen pranget, Und voll schöner Blumen steht, Das bald an zu welken fanget, Ehe noch der Tag vergeht;

Und bey der Abenddämmrung Grauen, Eh alles seinen Wuchs erreicht, Schon wiederum wird abgehauen, Da es verdorret und erbleicht.

Doch dein Zorn ist uns entgegen, Dieser macht, daß wir so bald Uns zu Bette müssen legen, Und dein Grimm straft dergestalt,

Daß wir so plötzlich und geschwinde Verschwinden sehen unsre Zeit, Und, gleich dem ungestümen Winde, Befallen sind mit Sterblichkeit.

Unser böslich Unterwinden Stellest Du vor Dir ins Licht, Ja die unerkannten Sünden Stehn vor deinem Angesicht;

Drum fahren auch all unsre Tage Durch deinen Zorn dahin im Nu, Wir bringen, unter Noth und Plage, Als ein Geschwätz die Jahre zu.

Sie, die Lebensjahre, währen, Das man kaum zählt siebzig mahl, Wenn es hoch kömmt, wird man hören, Achtzig sind ihr nach der Zahl!

Sind sie noch köstlich, auserlesen, So ist Verdruß und Müh der Lohn; Es fährt dahin, wenn es gewesen, So schnell, als flöhen wir davon.

Doch wer glaubt der Warnungsstimme, Daß dein Zorn so sehr entrüst, Wer hat Furcht vor solchem Grimme, Welcher Menschen tödtlich ist?

So lehr uns denn, daß wir bedenken, Wie ohnumstößlich fest der Schluß, Der Tod wird uns ins Grab versenken, Damit man klüger werden muß.

Kehre Dich, o HErr! doch wieder Zu uns, welche Demuth beugt! Deine Knechte fallen nieder; Werde gnädig und geneigt!

Erfüll uns früh mit deiner Gnade, Die rühmet unser Lustgesang, Denn sind wir frey von allem Schade, Auch frölich unser Lebelang.

Da Du uns so lange plagest, Durch verzögernd Ungemach, Nicht nach deinem Volke fragest, Auch nicht merkest auf ihr Ach!

So laß uns wiederum erfreuen, Die Knechte sehn, was Du vollbracht; Was Dir zur Ehre kan gedeyen, Sey ihren Kindern kund gemacht.

Herr! Du GOtt! Dein Angesichte Laß uns wieder freundlich sehn! Laß der Hände Werk und Früchte Künftig wohl von statten gehn!

Ja! dieses laß Du wohl gelingen! Jhm lege sich Dein Segen bey, Daß es im Anfang und Vollbringen Von Dir gebenedeyet sey.

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