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1709–1763

Der 139 Psalm.

Christoph Eusebius Suppius

HeRR! dein alles sehend Auge Forscht mein Inneres genau, Was es etwa vor Dir tauge, Nichts entrinnet seiner Schau.

Deinem allerhöchsten Wesen Bin ich, schlechter Gegenstand, Den Du aus dem Nichts erlesen, Seit ich ward, genau bekannt.

Wie mein Wunderbau der Glieder Sich in Angeln schmeidig dreht, Setzet sich mein Körper nieder, Oder wenn er sich erhöht,

Seine Fugen und Gelenke, Meine Thaten sind Dir nah, Was ich erst noch künftig denke, Steht schon jetzo vor Dir da.

Wenn ich mich ermüdet dehne, Auf dem Lager ausgestreckt, Und nach sanfter Ruhe sehne, Oder, daß ich aufgeweckt,

Meinen Ort zu ändern pflege, Da bin ich von Dir umstrahlt, Alle meine Schritt und Wege Stehn Dir deutlich vorgemalt.

Rollet über meine Zunge Nur ein Wort, ein Laut, ein Ton, Ausgesandt durch Schlund und Lunge, Siehe, HErr! Du weist es schon!

Alles, was ich jetzt verrichte, Was hernach, das wird durch Dich, Deiner Wunderhand Gewichte Breitet sich hoch über mich.

Solch allwissendes Erkennen Ist mir schlechterdings zu hoch; Wunderbar ist es zu nennen, Wo begreif ich solches doch?

Nein! ich kann es nicht ergründen, Ey! wie muß das möglich seyn? Wo ist solch ein Geist zu finden, Und wer siehet so was ein?

HeRR! allgegenwärtig Wesen! Ach! wohin vor deinem Geist, Mir zur Flucht den Ort erlesen, Welchen man den Himmel heißt?

O! da bist Du gegenwärtig! In die Hölle will ich, ja! Zum Entfliehn ist alles fertig: Doch, ich finde Dich auch da.

Wenn sich doch ein Ort erböte Am entfernetesten Meer! Hurtig! schnelle Morgenröthe! Gieb mir deine Flügel her!

Zwar, gedächt ich da zu leben, O so wäre deine Hand In dem Führen, Leiten, Heben Auch nicht da von mir gewandt!

Spräch ich zu den Finsternissen, Zu der schwarzen Mitternacht, Mich in euren Arm zu schliessen, Seyd anjetzo nur bedacht!

Dennoch wird mich nichts verhehlen, Es bedarf ja nur allein Deines mächtigen Befehlen, Und die Nacht muß lichte seyn!

Es verliehren ja die Schatten Bey Dir alle Dunkelheit, Ist, die Pflichten abzustatten, Vor Dir selbst die Nacht bereit,

Alsdenn wird ihr schwarz Gesichte Helle, wie der Tag, gemalt, Nur von deinem Wunderlichte Wird ihr Schleyer so durchstrahlt.

Aus dem allen kann ich spühren Deine Grösse alsobald, Denn sogar auch meine Nieren Hast Du unter der Gewalt;

Als ich noch in dem Gewölbe Meiner Mutter Leibes lag, Warest Du es schon, derselbe, Der mich zu umgeben pflag.

Dir allein gebührt mein Danken, Daß ich wunderbar gebaut In den unerkannten Schranken, Die dein Auge schon durchschaut!

Und, so oft ich es bemerke, Ruf ich gleichsam ganz entzückt: Wunderbar sind deine Werke, Wie mein Geist sehr wohl erblickt:

Als, vor aller Welt verborgen, Ich erst an zu werden fieng, Und da meiner Schöpffung Morgen In der Höhle vor sich gieng,

Bey der Bildung in das Kleine, In der ersten Monden Zahl, So war Dir schon mein Gebeine Nicht verhohlen dazumahl.

Ja, bevor ich Etwas worden, Noch vermischt mit anderm Thon, Unbereit zum Menschen-Orden, Sahe mich dein Auge schon;

Keinen Tag hatt ich erfahren, Die doch schon dem ohngeacht In dein Buch geschrieben waren, Die Du mir einst zugedacht.

Deine weiseste Gedanken, GoTT! wie köstlich sind sie mir! O! wer setzet ihnen Schranken? Und welch eine Meng ist ihr!

Wär es möglich, sie zu zählen, Käme man damit zum Ziel, Die Vermuthung wird nicht fehlen, Jhr sind wie des Sandes viel.

Wenn ich von dem Schlaf erwache, Bin ich noch bey Dir, mein GOtt! Uebe doch an Bösen Rache! Wären doch Blutgierge fort!

Die Dir nicht die Ehre geben, Jhre Reden lästern Dich, Wie sich deine Feind erheben, Denn ohn Ursach blähn sie sich.

HeRR! mein Haß ist gegen Leute, Die Dich hassen, angeflammt. Mich verdreußt nicht nur auf heute, Sondern stets, daß insgesammt

Sie sich wider Dich entrüsten, Ernstlich ist mein Haß gemeynt! Daß sie sich deswegen brüsten, Denn daher sind sie mir feind!

GoTT! du Kenner der Gedanken, Ich bin da! erforsche mich! Untersuch des Herzens Schranken, Siehe! sie eröffnen sich.

Prüf, erfahre Sinn und Handeln, Gieb Du acht, ob ich bereit Möcht auf bösen Wege wandeln; Führe mich zur Ewigkeit!

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