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1709–1763

Christiane.

Christoph Eusebius Suppius

Von Christianen will ich singen, Die selbst der Tugend wohlgefiel, Von dieser soll mein Saitenspiel In abgelegnen Fluhren klingen,

Wo Echo denn gedoppelt sagt: Wie sehr ich ihren Tod beklagt! Zu euch, ihr Berge, Thäler, Auen, Zu euch flieh ich! betrübnißvoll!

Weil ich sie überleben soll, Das Muster tugendhafter Frauen, Euch sey der Kummer, der mich qvält, Euch sey mein Herzeleid erzehlt!

Wie? trau ich dem betrübten Wahne, Der meinen Jammer aufgebracht? Ist wohl die Nachricht nur erdacht? Was? lebt sie, meine Christiane,

Die jeder liebenswürdig fand, Der ihre Seltenheit gekannt? O Himmel! dürft ich nur noch hoffen! Jedoch mein Herz ist allzuschwer,

Das saget mir: sie lebt nicht mehr! Des Todes Hand hat sie getroffen! Und heut ist ihr Erblassungs-Tag, Woran ich kaum gedenken mag!

Ist der Verlust wohl auszustehen? Ich sah sie, von mir abgewand, Wohl wissend wie? in fremder Hand, Nun soll ich sie gar nicht mehr sehen!

Verlust! der mir gedoppelt wird: Sie stirbt! und ist mir auch entführt! Ach Christiane! holde Seele! Du mir noch in dem Grabe werth!

Sieh, wie von Harm und Leid verzehrt Ich mich bey deinem Sterben qväle! Der nun erst zu erkennen giebt, Daß er dich bis im Tod geliebt!

O Nachwelt! sollten meine Lieder Noch deiner Zukunft würdig seyn, So ist ihr Nutz gewiß nicht klein, Sie schaffen Christianen wieder,

Und stellen dir ein Muster dar, Das unsern Zeiten eigen war. Steigt denn in deinen güldnen Tagen Der Werth der deutschen Poesie,

Gut! wahre Tugend altert nie, Ich will sie dir entgegen tragen, An Schönheit ist sie immer reich, Und meiner Christiane gleich.

Jhr Körper war so wohlgebauet, Ja selbst der Reizung Augenmerk, Daß dieses letzte Tagewerk Die Liebe ganz entzückt geschauet,

Dabey die Meynung festgestellt: Sie ist ein Engel auf der Welt. Poeten! wollt ihr Daphnen schildern, Und lässt ein Künstler von Athen

Einst wieder eine Venus sehn, Euch fehlt noch was an euren Bildern, Gnug, der Beweis wird mir nicht schwer, Bey Christianen war noch mehr.

Es schien ihr holdes Angesichte, Der Spiegel keuscher Sittsamkeit, Mit frischen Rosen überstreut, Bey angebrochnem Morgenlichte,

An untermischter Farben Schein Dem heitern Himmel gleich zu seyn. Der blauen Augen lichte Ballen Vom Reiz im rechten Maaß gestellt,

War meiner Liebe beste Welt, Mit Pracht erbauet von Crystallen, Auf deren innersten Behalt Ich oft verjüngt herum gewallt.

Der Mund, den Lieblichkeit besessen, Das weiche Ufer von dem Meer, An Küssen unerschöpft, nie leer, War klein, so zierlich abgemessen,

Daß, wenn sie solchen nur geregt, Mein Herze sich zugleich bewegt. Seht, welche wohlgezogne Minen, Die immer in dem vollen Licht,

Dem Zorn und der Verstellung nicht Zum Aufgebot verräthrisch dienen, Sie sind sich immer einerley, Entzückend, ungezwungen, frey.

O welche neuentdeckte Sprache! Wie spielt sie so gedankenreich, Der Götter Mundart ist sie gleich, Die ich mir nur bekannter mache;

Ein einziger verliebter Zug Ist mir schon sinn- und wortreich gnug. Zwey Grübgen in den beyden Wangen, Worinnen Anmuth sich versteckt,

Wenn sie ein Lächeln hat erweckt, Die nehmen bald den Geist gefangen; In dieser schön vertieften Spuhr Steigt erst die bildende Natur.

Ein recht erhaben geistlich Wesen, Das denkt und will, sich Seele nennt, Und das allein sich selbsten kennt, Hat solche Wohnung sich erlesen,

Wo die Natur mit ihrer Pracht Sich immer viel zu thun gemacht.

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