Skip to content
1669

5. Wer küßt die greisen Haare?

Kaspar Stieler

Laß uns Kind der Jugend brauchen weil uns noch die Schönheit blüht: Wenn die Geister einst verrauchen und die Todten-farb' umzieht

unser runzlichtes Gesichte: Wer begehrt denn unsern Kuß? Nimm sie an der Rosen Früchte eh ihr Blat verwelken muß.

Ob die Alten murrisch zanken nehmen sie der Freude wahr; muß man drum mit ihnen krankken? Nein ich acht' es nicht ein Haar.

Sollte der mich Sitten lehren der bereit hat außgelehrt? Denn werd' ich mich auch bekehren wenn mein Alter sich verkehrt.

Die besüßten Frühlings-tage lauffen flügel-schnelle fort denn so hilft uns keine Klage kein erseufzend Bitte-wort

sie gedencken nie zurükke: Was hin ist das bleibet hin. Diß beruht auff einem Blikke daß ich froh und traurig bin.

Drum so brauch mein Kind der Zeiten weil die Zeiten grünend sein. Was uns bleibt sind Traurigkeiten gehn uns diese Zeiten ein.

Ey wie plötzlich kömmt die Stunde daß uns Kloto in der Eil schießt die Rosen von dem Munde durch des Todes Frevel-Pfeil.

So sey mit den Scharlachs-Wangen Schöne ferner nicht zu teur Linder meiner Qwaal Verlangen Kühl' ach! kühl der Liebe Feur!

Wo von den besüssten Fluhten deines Zukker-Mündgens Naß mir kein Tau ist zuvermuhten werd' ich noch vor Abends blaß.

Gib zwey Küßchen gib mir eines soll es ja kein mehres sein gib mein Schazz mir nur nicht keines wiltu mich dem Todten-schrein'

auff ein wenigs noch ersparen. Was nuzzt denn ein kalter Kuß wenn ich auff der Leichen-Baaren deiner Reu erst warten muß?

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.