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1898

Vorfrühling

Ernst Stadler

Bäume weiß ich, frühlingsstarke Bäume, denen gärend der Jugend Saft durch glühende Adern singt. Die lechzend verlangen

nach dem Rausche der Erfüllung. Aber noch starren sie kahl und stumm. Harte Schorfe ketten die vorschwellenden Triebe. Und in wilden Träumen nur langen sie empor

zu dem schaffenden Licht, daß es sie bade in Glanz und Glut. Weiten sich ihre Äste, daß gierig sie einsögen den zauberstarken Most lauen Sommerregens,

zu erblühen und zu leben gleich ihren Brüdern. Denn noch kennen sie nicht den Sommerrausch der Erfüllung. Aber krachend durchwühlt ihren Leib der Lenzstrom der Ahnung.

Wanderer ziehen vorüber, und also spricht einer zum anderen: „Sehet die Bäume dort, wie kahl sie stehen und stumm!

Kalt schleppt sich ihr Blut, und mürrisch fliehen sie des Lenzes sanft wirkende Kraft. Lasset sie im Dunkeln, die Finstern! ...“ So sprechen sie und gehen vorbei. –

Und nicht einer, der sähe die stürmenden Flammen der Sehnsucht, die gierend aus ihren Augen lodern und verzehrend über ihnen zusammengluten ...

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