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1898

Vor Sonnenaufgang

Ernst Stadler

Die frühen Stunden wenn die Purpurnebel der vollen Sternennächte weich verströmen hinsickern in den goldig matten Schein der wie ein Meer aufflutet ... rings die Schatten

der Häuser wachsen riesig wie Gespenster ins graue Licht und alles liegt und lauscht und zittert. Und die Brunnen rauschen so. Frühvögel steigen schrill von feuchten Hecken

ins flaumige Gewölk. Und in den Ästen raschelt der Wind und traumhaft liegt das Land und wie erstarrt indes der halbe Mond aus mattem Reigen morgenblasser Sterne

wie eine Fackel durch die Nebel dampft ... Die großen Stunden wenn die Sehnsucht mir die vollen Schalen bunter Träume leicht ausgießt wie einer Gold- und Perlenschmuck

hinschüttet und ich nur die zitternden Hände im großen Hort verwühle und den Glanz den ungeheuren Glanz mit heißen Augen einschlürfe wie in jäher Trunkenheit ...

und weiß: Was da vor mir im blassen Licht der Frühe seltsam schillert ist ein Schatz ein ganzes Leben voller dunkler Wunder glühend wie Sonne lösend wie die Nacht

und schwer und bebend wie die frühen Stunden so zwischen Nacht und Dämmer Tag und Traum.

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