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1898

Marsyas

Ernst Stadler

Marsyas sang. Erst war es nur ein flüchtig Lied wie Windeshauch der weich das Laub durchzieht wie Tropfenrieseln

wie ein Bach der unter Kräutern rinnt wie Regen dann und Wolkenbruch und Wind dann wie der Sturm dann wie das wilde Meer – dann Schweigen ... heller wieder schwebt daher

zu unserm Ohr zitternd der Flöte Klang wie Fichtensäuseln wie ein Immensang ... Und wie er träumend in den Abend bläst sein Lied erlischt die Sonne hinter Moor und Ried.

Starr stand Apollo und das Licht zerging um seinen Leib und düstrer Schatten hing sich um ihn tief. Und plötzlich schien er ganz von Nacht umronnen.

Doch Marsyas vom letzten Glast umsponnen der Sonne die sein Antlitz purpurn überfloß und heiß sein Vließ mit Flammen übergoß bläst immer noch berauscht vom Glanz der Stunde

das Flötenrohr erglüht wie gleißend Gold an seinem Munde. Und alles lauschte auf des Satyrs trunknes Lied und alle offnen Mundes harrten auf den Spott

Apolls hingen an seinen Zügen. Doch der Gott stand starr wie Erz schweigend regte kein Glied. Da bog die Augen tief in seine senkend jäh das Flötenspiel

Marsyas übers Knie und klirrend brach's und fiel. Ein Schreien Hohngelächter Füßestampfen taumelnd toll – dann jähes Schweigen: denn Apoll

glühend vor Zorn und Scham aus Lärm und Hohn wandte sich schweigend ab und schritt davon ...

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Marsyas · Ernst Stadler · Poetry Cove