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1898

Judenviertel in London

Ernst Stadler

Dicht an den Glanz der Plätze fressen sich und wühlen Die Winkelgassen, wüst in sich verbissen, Wie Narben klaffend in das nackte Fleisch der Häuser eingerissen

Und angefüllt mit Kehricht, den die schmutzigen Gossen überspülen. Die vollgestopften Läden drängen sich ins Freie. Auf langen Tischen staut sich Plunder wirr zusammen:

Kattun und Kleider, Fische, Früchte, Fleisch, in ekler Reihe Verstapelt und bespritzt mit gelben Naphtaflammen.

Gestank von faulem Fleisch und Fischen klebt an Wänden. Süßlicher Brodem tränkt die Luft, die leise nachtet. Ein altes Weib scharrt Abfall ein mit gierigen Händen,

Ein blinder Bettler plärrt ein Lied, das keiner achtet. Man sitzt vor Türen, drückt sich um die Karren. Zerlumpte Kinder kreischen über dürftigem Spiele.

Ein Grammophon quäkt auf, zerbrochne Weiberstimmen knarren, Und fern erdröhnt die Stadt im Donner der Automobile.

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