Skip to content
1898

Herrad

Ernst Stadler

Welt reichte nur vom kleinen Garten, drin die Dahlien blühten, bis zur Zelle Und durch die Gänge nach dem Hof und früh und Abends zur Kapelle.

Aber unter mir war Ebene, ins Grün versenkt, mit vielen Kirchen und weiß blühenden Obstbäumen, Hingedrängten Dörfern, weit ins Land gerückt, bis übern Rhein, wo wieder blaue Berge sie umsäumen.

An ganz stillen Nachmittagen meinte man die Stimmen von den Straßen heraufwehen zu hören, und Abends kam Geläute, Das hoch den blau ziehenden Rauch der Kamine überflog

und mich in meinem Nachsinnen erfreute. Wenn dann die Nacht herabsank und über meinem Fenster die Sterne erglommen, War eine fremde Welt aus Büchern

auf mich hergesenkt und hat mich hingenommen. Ich las von Torheit dieser Welt, Bedrängnis, Späßen, Trug und Leiden, Fromme Heiligengeschichten, grausenvoll und lieblich,

und die alte Weisheit der Heiden. Sinnen und Suchen vieler Menschenseelen war vor meine Augen hingestellt, Und Wunder der Schöpfung und Leben, das ich liebte,

und die Herrlichkeit der Welt. Und ich beschloß, all das Krause, das ich seit so viel Jahren Aus Büchern und Wald und Menschenherzen

und einsamen Stunden erfahren, Alles Gute, das ich in diesem Erdenleben empfangen, Treu und künstlich in Bild und Schrift

zu bewahren und einzufangen. Später, wenn die Augen schwächer würden, in den alten Tagen, Würd ich in meiner Zelle sitzen

und übers Elsaß hinblicken und mein Buch aufschlagen, Und meiner Seele sprängen wie am Heiligenquell im Wald

den Blinden Wunderbronnen, Und still ergieng ich mich und lächelnd in dem Garten meiner Wonnen.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Herrad · Ernst Stadler · Poetry Cove