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1898

Dämmerung

Ernst Stadler

Schwer auf die Gassen der Stadt fiel die Abenddämmerung. Auf das Grau der Ziegeldächer und der schlankenTürme, Auf Staub und Schmutz, Lust und Leid und Lüge der Großstadt

In majestätischer Unerbittlichkeit. Aus Riesenquadern gebrochen dunkelten die Wolkenblöcke Brütend, starr ... Und in den Lüften lag's Wie wahnwitziger Trotz, wie totenjähes Aufbäumen –

Fern im West verröchelte der Tag. Durch die herbstbraunen Kastanienbäume prasselte der Nachtsturm, Wie wenn Welten sich zum Wachen wecken

Und zur letzten, blutigen Entscheidungsschlacht. Trotz im Herzen und wilde Träume von Kampf und Not und brausendem Sieg, Lehnt' ich am Eisengitter meines Balkons und sah

Die tausend Feuer blecken und die roten Bärte flackern, Sah den wunden Riesen einmal noch das Flammenbanner raffen. Einmal noch das alte, wilde Heldenlied aufhämmern

In wirbelnden Akkorden – Und zusammenstürzen Und vergrollen Dumpf –

Fern ... Auf der Straße Droschkenrasseln. Musik. Singende Reservisten. Jäh fahr ich auf –

Über Türmen und Dächern braust die Nacht.

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