Hier auf des Brockens Höhen Im zaubrischen Revier Schreib' ich dies Briefchen dir, Du reizendste der Feen,
Die je die Mainacht hier Im Negligé gesehen. Vom rauhen Sturm umbrüllt Steh' ich auf hoher Warte,
Wo fernhin das Gefild, Gleich einer Länderkarte, Sich meinem Blick enthüllt. Jetzt ist der Landschaft Bild
Von grauem Duft umwoben, Jetzt scheucht der Stürme Toben Den Nebelflor hinweg, Und durch die luft'gen Räume
Baut in das Reich der Träume Mir Fantasus den Steg. Besäß' ich jetzt die Grille Mit Werners Zauberbrille
Ein luftiges Gewühl Verkörperter Ideen In jedem leisen Spiel Der Schöpfung auszuspähen,
Dann sollte nur Gefühl Durch meine Saiten wehen; Der Sturm, der rauh und wild Der Fichten Haupt zerschmettert
Und Wies' und Hain entblättert, Er wäre mir das Bild Der trüben Augenblicke, Wenn Kummer dich zerreißt,
Und ach, von jedem Glücke Dein Schmerz mich fliehen heißt. Des Nebels Truggebilde, Die bald sich um's Gefilde
Mit grauer Dämmrung ziehn, Bald nahen, bald entfliehn, Sie würden mich erinnern, Wie schnell in deinem Innern
Sich Laun' auf Laune drängt, Wie Alles jetzt dich kränkt, Was dir noch kaum gefallen, Und wie dein Herz an Allen
Und wie an Nichts es hängt; Und diese Felsenhöhen, Die schon von Ewigkeit Den Kampf mit Kunst und Zeit
Unwandelbar bestehen, Würd' ich in dem Symbol Nicht deine Treue sehen? Ach Liebchen, sollte wohl
Der Berg noch lange stehen? Auch wär' ich fast bereit In's graue Nebelkleid Der Mystik mich zu hüllen,
Und deine leere Zeit, Um aller deiner Grillen Und jener Härte Willen, Die stets das Herz mir bricht,
Wär's auch mit Thränen nicht, Mit Gähnen doch zu füllen: Allein du zagst zu früh. Der Flug zu höh'ren Sphären
Ist der gedankenleeren Romantiker Regie, Die, wie natürlich, nie, Als Meister der Magie,
Sich an den Weltlauf kehren, Und Geister dort beschwören, Wo Menschen nöthig wären. Ein wenig Phantasie
Ist Alles, was mit Müh Die Götter mir bescheren, Und läßt von Zeit zu Zeit Der Geist der Zärtlichkeit
Durch meinen Mund sich hören, So muß ich dich verehren, Du hast durch süße Lehren Zum Dichter mich geweiht.
Doch wenn im Rosenkleid Der Gott der Fröhlichkeit Aus seinem Lustgebiete Mir zarte Küsse beut,
Und manche holde Blüthe Auf meine Pfade streut, Und meine Lebenszeit Zum Paradiese weiht
Durch ewige Genüsse, So sag' ich ohne Scheu, Daß ich für jene Küsse Mein eigner Schuldner sey.
Drum, Liebliche, verzeih, Daß deine Phantasei Die heißen Lavaflüsse Erhabner Schwärmerei
In diesem Brief vermisse; Denn wenn ich, frank und frei Vom Band der Tändelei, Mit schäumendem Gebisse
Den kühnen Pegasus Durch hohe Wolken risse, So hielte voll Verdruß Wohl mancher Kritikus
Die glühenden Ergüsse Des hohen Genius Für nichts als – taube Nüsse. Drum fort mit Sturm und Drang,
Du Pathos, flieh von hinnen! Mein scherzender Gesang, Sucht nur die Huldgöttinnen Und Amorn zu gewinnen,
Nicht finstrer Grübler Dank. Laß andre Thoren schwärmen, Und an erzwungner Gluth Den kalten Geist erwärmen,
Und dann, im trunknen Muth, Mit höh'ren Welten spielen Und Niegefühltes fühlen, Und bald daß heiße Blut
In kalter Wasserfluth, Wie Ikarus, zu kühlen; An süßen Banden hält Mich diese Erdenwelt,
Und in die graue Weite Schaut meine Träumerei, Und sehnt nur dich herbei, Und seufzt: O wäre heute
Die erste Nacht im Mai! Doch wie, du scheinst zu schmählen, Daß sich mein Lied erfrecht Dich zu dem Trupp zu zählen,
Der hier, sein altes Recht Am ersten Mai zu hegen, Mit Satan tanzt und zecht? O, sey nicht ungerecht!
Kannst du mich widerlegen, So schwör' ich beim Apoll, Bei des Peliden Groll, Bei Ast und bei dem Besen,
Der Endors Hexe trug, Nie will ich mehr ein Buch, Ist's nicht von Arnim, lesen! Was treibt so schnell das Blut
Mir durch die blassen Wangen? Woher die trunkne Gluth, Woher das zarte Bangen, Wenn dich mein Aug' erblickt?
Was läßt mich jetzt entzückt Dir rasch entgegeneilen, Doch plötzlich wieder weilen, Von Scham und Angst umstrickt?
Doch wenn dein Mund mir lächelt, Und sanft, wie Westeswehn, Dein Auge meinem Flehn Gewährung zugefächelt,
Was läßt so schnell und kühn Zur Hoffnung in mir keimen, Was selbst in süßen Träumen Mir sonst unmöglich schien?
Und wenn an deinen Wangen, An deines Mundes Sammt Dann meine Lippen hangen Und glühendes Verlangen
Mir durch die Seele flammt, Was läßt mich plötzlich zittern, Als wagt' ich jetzt zu viel? Was läßt das süße Spiel
Durch Reue mich verbittern? Welch eine heil'ge Scheu Wirft mich zu deinen Füßen, Mein Wagestück zu büßen,
Als ob es Sünde sey, Durch zarte Tändelei Sein Leben zu versüßen; Ist das nicht Zauberei?
Erwähl' ich fern von dir, Den Kummer zu beschwören, Der alten Weisen Lehren Zum Zeitvertreibe mir,
So winkt auf allen Blättern Mir zauberisch dein Bild, Und jede Zeile füllt, Anstatt der todten Lettern,
Sich nur mit Liebesgöttern. Der weise Sokrates Kniet dann, sich selbst zum Hohne, Vor Cythereens Throne
Trotz Alcibiades, Und eine Myrtenkrone Weiht Cypris schlauem Sohne Selbst Aristoteles.
Wenn ich dich längst vermisse, Doch der Erinnrung Fest Mich alle deine Küsse Noch einmal küssen läßt,
Wer macht den Geist entstehen, Der dann von goldnen Höhen Zu mir herniedertaucht, Und der Begeistrung Wehen
In meine Seele haucht? Empor fühl' ich mich schweben, Ich seh' ein frisch'res Grün, Und zart're Lüfte beben,
Und schön're Blumen blühn; Und wo der West die Schwingen Mit süßern Düften füllt, Wo Rosen sich verschlingen,
Wo Nachtigallen singen, Und wo, von Moos umhüllt, Die Quellen frischer springen, Da seh' ich für dein Bild
Altäre sich erheben, Und jede Laube scheint Für dich und deinen Freund Ein Heiligthum zu weben,
Wo still die Schwärmerei An deinen Lippen lausche, Wo Geist um Geist sich tausche, Und wo, von Fesseln frei,
Trotz ihrem kühnsten Rausche, Die Liebe heilig sey; Ist das nicht Zauberei? O lies nur die Geschichten,
Worin uns Hamilton, Wieland und Crebillon Vom Feenreich berichten, Ich wette, was es gilt,
Du siehst auf jeder Seite Dein wahres Ebenbild. So sanft und zärtlich heute Und morgen kalt und hart,
Nur treu der Gegenwart Und jedes Eindrucks Beute, Lebst du in ew'gem Streite Mit dir und mit der Welt;
Vergißt schon morgen flüchtig, Was jetzt dich fesselnd hält, Und eilst zu dem, was nichtig, Wenn du es hast, zerfällt.
Jetzt, wie Vestalen züchtig, Scheint dir ein Kuß so wichtig, Als gält' es einen Thron, Nach Stunden rufst du schon:
Der Tag ist Null und nichtig, Der ohne Lieb' entflohn! Heut rühmst du mir Sonette Und morgen Home's Kritik,
Entschläfst an der Toilette, Und wachst noch spät im Bette Bei Roßdorf, Ast und Tiek. Wobei seit manchem Jahre
Sich Spleen und graue Haare Der Grübler Schwarm erzeugt, Das ewig Wandelbare Du hast es schnell und leicht,
Als wär's ein Spiel, erreicht. Und doch, wer sollt' es wähnen, So sehr mit Schmerz und Thränen Du dein Gelächter treibst
Und treu nur Jenen bleibst, Die, gleich den Schmetterlingen Schlau und veränderlich, Mit eignen Waffen dich,
Du Flatternde bezwingen, So kann doch nie ein Herz Aus deinen Banden fliehen, Die Thränen selbst und Schmerz
Nur immer fester ziehen. Ach, wenn des Lenzes Kleid Enthüllte Rosen schmücken, Wer wollte sie nicht pflücken,
Weil er den Stachel scheut? Es haschen ja im Leben Sich ewig Freud' und Gram, Und dem, der jene nahm,
Wird dieser auch gegeben, Drum zag' ich wahrlich nicht Den größern Schmerz zu leiden, Wenn nur mit süßern Freuden
Mein Kummer sich verflicht. Nichts oder Alles wählte Mein Herz sich auf's Panier, Doch wenn auch Alles mir
Noch an dem Allen fehlte, Stets macht mit schlauer Kunst Dein süßes Wort mich wähnen, Daß deine zarte Gunst
Schon meinem kühnsten Sehnen Voran geflogen sey; Ist das nicht Zauberei? In Karls des fünften Buch
Kannst du die Worte lesen; Wer je sich mit dem Bösen Um Seel' und Leib vertrug, Der soll vom ew'gen Fluch
Durch Feuersgluth sich lösen. Drum, Liebchen, wollt' ich itzt Wie Voiture und Marino Mit einem Concettino
Gut oder schlecht gespitzt, Um den Geschmack zu höhnen, Des Briefchens Ende krönen, So könnt' ich ohne Scheu
Zu ew'gen Liebesflammen Dein armes Herz verdammen: Doch Witz und Schwärmerei Paart Wahnsinn nur zusammen;
Drum schaut die Träumerei Hinüber in die Weite Und seufzt: O wäre heute Die erste Nacht im Mai!
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